750 Jahre Sindelfingen

Musikermassen im Einklang verbunden

Jubiläumskonzert "750 Jahre Stadt Sindelfingen" mit der Orchestervereinigung und vier Chören in der restlos ausverkauften Stadthalle

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    Finale beim Jubiläumskonzert in der Sindelfinger Stadthalle: Nicht nur der Saal war überfüllt, sondern auch die Bühne KRZ-Foto: Thomas Bischof

Es war ein Festkonzert ohne Reden, die Musik sprach für sich. "750 Jahre Sindelfingen - dazu hätte es einiges zu sagen gegeben. Aber die Festreden hatten einige Tage früher stattgefunden (die KRZ berichtete), am Sonntagabend stand in der ausverkauften Stadthalle die Musik im Mittelpunkt.

Artikel vom 23. April 2013 - 14:36

SINDELFINGEN. Das Publikumsinteresse war so groß, dass die Generalprobe am Tag zuvor der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden war, ein Novum in der über 50-jährigen Geschichte der Orchestervereinigung: 600 Interessierte fanden sich zum letzten Durchlauf des Programms am Samstag in der Stadthalle ein. Nicht nur der Andrang, auch das Musiker-Aufgebot war gewaltig: vier Sindelfinger Chöre trafen aufeinander und wurden von der Orchestervereinigung tatkräftig unterstützt. Dieses Konzert wurde mit Spannung erwartet, denn es war zudem das Debüt des Dirigenten Aki Schmitt am Pult der Orchestervereinigung.

Sechs Jahre lang war das traditionsreiche Ensemble vom gewandten Dirigenten Frédéric Tschumi geleitet worden, der auf charismatische Weise Akzente setzte, in seiner Ära waren die Konzerte in der wahrlich nicht kleinen Stadthalle zum ersten Mal ausverkauft. Im letzten Jahr nahm er auf eigenen Wunsch seinen Abschied, und das Publikum sagte mit stehenden Ovationen Adieu. Der Nachfolger tritt also kein einfaches Erbe an. Schmitt möchte weiter an der Verfeinerung des Klangs arbeiten. Die Orchestermusiker loben sein Strukturbewusstsein. Tatsächlich macht er viel hörbar.

Schmitt ist kein Neuling: Obwohl erst 27 Jahre alt, verfügt er über einschlägige Dirigiererfahrung, so hat er schon das berühmte Stuttgarter Kammerorchester und die Stuttgarter Philharmoniker geleitet. Außerdem besitzt er Opernerfahrung, die besten Voraussetzung für eine Dirigentenkarriere. Er ist eine ganz andere Persönlichkeit als sein Vorgänger, deutlich introvertierter. Aber auch Schmitt bereitet seine Interpretationen minutiös vor. Und es gelingt ihm, seine Musiker, die ja zumeist Laien sind, zu beflügeln. Mit einem feinen Lächeln erklimmt er das Dirigentenpodest, steht dann sehr aufrecht, nach jedem Satz nickt er zufrieden.

Er begann mit dem effektvollsten Werk von Johannes Brahms: der "Akademischen Festouvertüre", mit der sich der Komponist für die Verleihung eines Doktortitels der Universität Breslau bedankte. Der Dirigent schuf einen großen Spannungsbogen, ließ den Solisten Raum zur Entfaltung und ließ die Geigen singen. Am Ende erklingt das Studentenlied "Lasst uns also fröhlich sein", was man als Motto dieses Jubiläumskonzerts verstehen konnte.

Beethovens erste Sinfonie beginnt merkwürdig: mit einem verminderten Septakkord der Holzbläser. So beginnt doch keine Sinfonie! Man fühlt sich nicht am Anfang, sondern mitten im Geschehen. Aber Beethoven macht etwas aus diesem kuriosen Anfang. Mit diesem Werk kommt ein ganz neuer Ton in die Gattung Sinfonie. Aki Schmitt zeigte, welche Energien in diesem Beethoven stecken. Ideenreichtum verbindet sich mit Ökonomie. Schmitt lieferte eine zündende, detailreiche Interpretation, die gleichzeitig wie aus einem Guss wirkte. Natürlich konnte es vorkommen, dass mal ein Solo verunglückte, aber das Orchester musizierte insgesamt auf hohem Niveau.

Nach der Pause schlug die Stunde der Kirchenchöre. Hier Aki Schmitt von Matthias Hanke als Dirigent abgelöst. Es dauerte Minuten, bis die vier Sindelfinger Vokalensembles hinter dem Orchester Aufstellung genommen hatten: die Cappella Nuova (Leitung: Matthias Hanke), der Kammerchor Sindelfingen (Markus Nau), der Chor der Johanneskirche (Michael Kuhn) und der Chor der St.-Paulus-Kirche (Franz Neubauer). Matthias Hanke, der die Gesamtleitung hatte, führte die Musikermassen

Bruckners "Te Deum" als brausendes Finale

sicher zusammen und behielt den Überblick. Viel Helligkeit verbreitete Haydns "Die Himmel erzählen die Ehre Gottes" aus der "Schöpfung". Dieser zweite Konzertteil war dem Gotteslob vorbehalten, schließlich sind alle vier Chöre Kirchenchöre, und der Dirigent ist Kirchenmusikdirektor.

Am Ende stand das "Te Deum" in C-Dur von Anton Bruckner, ein Werk von elementarer Gewalt, ein stürmischer Lobgesang. Es war ein brausendes Finale. Hanke reizte die ganze Ausdruckspalette aus: vom Flüstern bis zum Donnern, vom feinen Detail bis zum geballten Tuttiklang. Allein das Wort "miserere" wurde sehr sensibel geformt. Ergänzt wurden die Chöre durch vier fähige Gesangssolisten, die man von Konzerten in der Sindelfinger Martinskirche kennt: Julia Weigel (Sopran), Anne Greiling (Mezzosopran), Johannes Kaleschke (Tenor) und der satte Bass Daniel Blumenschein.

Am Ende des Festkonzerts versammelten sich alle Akteure auf der Bühne: die Dirigenten, die Gesangssolisten und die vier Chorleiter. Mit diesem Konzert wurden 750 Jahre Sindelfingen mit hiesigen Kräften gefeiert. Am Ende wurden diese Kräfte vom Publikum gefeiert. Minutenlanger Applaus. Die Akteure hatten so viel Freude an der Musik, dass sie als Zugabe das "Non confundar in aeternum" wiederholten.

Dieses Jubiläumskonzert unterstrich es nachdrücklich: Sindelfingen ist nicht nur 750 Jahre alt, sondern auch eine Stadt mit einem überaus reichen Musikleben.