750 Jahre Sindelfingen

Die Farbe Rot führt durch die Stadtgeschichte

Die Ausstellung "Facetten einer Stadt - 750 Jahre Sindelfingen" wird heute im Stadtmuseum eröffnet

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    Dr. Michaela Bautz hat sich unter anderem mit Johannes Vergenhans, gen. Naukler befasst, der maßgeblich daran beteiligt war, dass das Chorherrenstift 1477 nach Tübingen zog
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    Weil die Nachgeburtstöpfe im Keller vergraben waren, sind sie auch im Museum abdeckt. Wer sie sehen will, muss den Deckel öffnen. Museumsleiterin Illja Jacqueline Widmann zeigt, wie's geht KRZ-Fotos: Thomas Bischof

Artikel vom 20. April 2013 - 14:30

SINDELFINGEN. Wer die Geschichte der Stadt Sindelfingen kennenlernen will, muss nur der Farbe Rot nachgehen. Trittsteine, Hinweisquader, Stellwände, Vitrinennischen: Alles ist signalrot. Die Idee mit dem roten "Faden" ist ein gestalterisches Moment, das die Ausstellung zum 750-jährigen Bestehen der Stadt im Stadtmuseum prägt. Ein zweites scheint im Titel auf: "Facetten einer Stadt". "Wir konnten die Themen nicht in extenso ausbreiten", erklärt Museumsleiterin Illja Jacqueline Widmann. Sie und ihre Mitgestalter werfen Schlaglichter auf die Stadthistorie.

Der Auslöser der Jubiläumsfeierlichkeiten hängt gleich am Eingang: die Vereinbarung, die Rudolf von Tübingen 1263 mit dem Stift Sindelfingen über die Gründung der Stadt traf. Die Originalurkunde ruht an sicherem Ort im Hauptstaatsarchiv in Stuttgart. Sindelfingen muss mit einem Faksimile vorlieb nehmen. Eine klimatisierte Vitrine für das Originaldokument hätte den finanziellen Rahmen für die Ausstellung dann doch gesprengt. Mit dem Geld ist das überhaupt so eine Sache: Eigentlich sollte die Dauerausstellung im Stadtmuseum aufs Jubiläum hin ganz neu konzeptioniert werden, schließlich ist der aktuelle Auftritt seit 1977 kaum verändert worden, sein Konzept geht aufs Jahr 1958 zurück. Doch dafür fehlte der Stadt das Geld. Deshalb dachten sich die Macher ein Konzept aus, nach dem die aktuelle Sonderausstellung die Dauerausstellung in den Hintergrund drängt. Sie zieht sich vom Eingang über vier Stockwerke bis unters Dach. Dass in den Gang durch die Geschichte neue wissenschaftliche Erkenntnisse eingearbeitet werden konnten, dass das Ganze auf pfiffige Weise multimedial präsentiert werden kann, ist auch den Stadtwerken Sindelfingen zu verdanken, die als Hauptsponsor einen ordentlichen Batzen zuschossen.

"Leben im Fachwerkhaus" ist das zweite Kapitel überschrieben. Es fasst Funde und Befunde zusammen, die die Historiker in den Gebäuden rund ums Stadtmuseum gewannen. In - natürlich ebenfalls roten - Schatzkisten können Besucher selbst auf Entdeckungstour gehen. Da finden sie beispielsweise die dendrochronologischen Proben von Holzbalken aus dem Gebäude Hintere Gasse 8, mit denen dieses aufs Jahr 1363 datiert und damit zum ältesten Bürgerhaus Sindelfingens erklärt wurde. Oder sie finden Schuhe, eine Lederkappe, einen Strohhut, die in Zwischendecken im Gebäude Untere Burggasse 5 geborgen wurden.

Persönliche Erinnerungen der Besucher sind willkommen

Das Sindelfinger Chorherrenstift wurde 1477 nach Tübingen verlegt und bildete den wirtschaftlichen Grundstock der Universität dort. Maßgeblich daran beteiligt war Johannes Vergenhans, Erzieher und Berater von Uni-Gründer Eberhard im Bart. Vergenhans trug den Beinamen Naukler; Straßen in Tübingen und Sindelfingen sind nach ihm benannt. Anhand von Hexenprozessen und Ratsgeschäften werden Aspekte des Lebens im 17. und 18. Jahrhundert thematisiert. Zum Schutz der Neugeborenen wurden in jener Zeit die Nachgeburten in Tontöpfen im Haus der Wöchnerinnen bestattet. Ab 1984 fanden Forscher bis zu 52 solcher Relikte in einem Haus. Die Zeit "zwischen Heimatliebe und Aufbruch" ist unter anderem durch Wilhelm Ganzhorn dokumentiert, den Juristen, der das Lied "Im schönsten Wiesengrunde" dichtete, dessen Melodie heute die Nationalhymne der Nördlichen Marianen ist.

Abschied genommen haben die Museumsleute von der Spielzeugausstellung, die jahrelang das Dachgeschoss beherrschte. Die Schreiner von den Technischen Betriebsdiensten Böblingen/Sindelfingen haben auch dort die Nischen rot ausgekleidet. In diesen Vitrinen sind 18 Aspekte Sindelfingens im 20. und 21. Jahrhundert angerissen. Da wird an Wilhelm Hörmann erinnert, Stadtschultheiß von 1895 bis 1932, in dessen Ära Schnöden-eck- und Zimmer-platz-Siedlung entstanden und der die Vision von einer Gartenstadt spann, die der Erste Weltkrieg zunichte machte. Da ist der Originalvertrag zu sehen, mit dem am 6. Juli 1915 die Ansiedlung von Daimler besiegelt wurde. Es werden Leben und Verfolgung bestimmter Bevölkerungsgruppen im Dritten Reich, der einstige Reichtum der Stadt (Stichwort "Marmor-Zebrastreifen"), die Eingemeindung von Maichingen und Darmsheim 1971, Protestaktionen von Bürgern gegen den Abriss von Altstadt-Häusern, gegen Sondermüllverbrennung und Schließung der Klos-tergarten-Hauptschule, "Sindelfingen international" und der berühmteste Sohn der Stadt, Roland Emmerich, thematisiert.

Ganz am Ende werden die Besucher aufgefordert, über ein persönliches Erinnerungsstück ihren Bezug zu Sindelfingen darzustellen. Kulturamtsleiter Horst Zecha machte beim Presserundgang am Freitag den Anfang: Er übergab Museumsleiterin Illja Jacqueline Widmann ein Latein-Wörterarbeitenheft aus der elften Klasse am Goldberg-Gymnasium. Er sei stets gern in die Schule gegangen, schreibt Zecha im Begleitbrief, ohne den der Betrachter einen anderen Eindruck gewinnen könnte, weil auch in diesem Wörterarbeiten-Heft die Farbe Rot dominiert.