750 Jahre Sindelfingen

Philatelisten dokumentieren Stadthistorie

Briefmarkensammlergilde "Heinrich von Stephan" und Sammlergruppe Sindelfingen präsentieren Ausstellung zum Stadtjubiläum

  • img
    Zwei Experten beim Fachsimpeln: Gerhard Ganzhorn (links), der einen großen Teil der Exponate beigesteuert hat, mit Wolfgang Krämer, dem Vorsitzenden der Briefmarkensammlergilde "Heinrich von Stephan" in Böblingen KRZ-Foto: Thomas Bischof

Sindelfingen feiert sein 750-jähriges Bestehen. Und viele beteiligen sich. An die 100 Mitmach-Projekte sind beim Festkomitee im Rathaus bekannt. Eins davon ist die Ausstel- lung "750 Jahre Sindelfingen - Postalische Belege und Geschichte", die am Montag in der Volksbank-Hauptstelle eröffnet wurde.

Artikel vom 19. März 2013 - 14:18

SINDELFINGEN. Die Ausstellung ist ein städteübergreifendes Projekt. Die Briefmarkensammlergilde "Heinrich von Stephan", die ihren Sitz in Böblingen, aber auch viele Mitglieder aus Sindelfingen hat, tat sich mit der Sammlergruppe Sindelfingen des Württembergischen Philatelistenvereins zusammen. Was in den zehn Doppelrahmen im ersten Stock der Volksbank-Hauptstelle an der Ecke Garten-/Mercedesstraße zu sehen ist, zeigt Facetten der Sindelfinger Geschichte.

Die Böblingerin Jutta Rebmann hat historische Ansichtskarten der Stadt Sindelfingen beigesteuert. Da ist die Martinskirche mit der Alten Realschule zu sehen oder ein Klostersee-Panorama, das Alte Rathaus oder die Gartenstraßenschule. Aus dem Fundus der Briefmarkensammlerverein ist der Abriss der Sindelfinger Postgeschichte. Da scheint beispielsweise auf, dass Sindelfingen im 18. Jahrhundert kurze Zeit Oberamtsstadt war. Oberamtmann Johnathan Chris-tian Schott expedierte am 1. Juli 1794 einen Brief an Herzog Ludwig Eugen.

Sindelfingen bekam am 3. August 1858 ein Postamt. Im Gasthaus "Zum Schwanen" wurden 15 Quadratmeter für den Postverkehr reserviert und Schwanen-Wirt Chris-tian Friedrich Held wurde zum Postexpeditor befördert. Doch postalisch segelte Sindelfingen im Windschatten der Oberamtsstadt Böblingen. Der Landesflugplatz in Böblingen war Anfang der 1930er-Jahre das Tor nach Südamerika. Post aus ganz Deutschland wurde dort gesammelt und dann mit dem Flugzeug nach Spanien und

Mit den Augen des Historikers

weiter per Schiff und Katapult über Gambia und Südamerika verfrachtet.

Gerhard Ganzhorn, 69 und Sammler seit 30 Jahren, selbst bestreitet mit einer privaten Sammlung das Herzstück der Schau. Er dokumentiert Dienstsiegel und Dienststempel für amtliche Schreiben der Stadtverwaltung. Was er zeigt, ließt er Horst Zecha, den Leiter des Kulturamts der Stadt, aussuchen. Und dieser traf die Auswahl nicht mit dem Blick des Philatelisten, sondern des Historikers. Dass die "Hörnchen" der Geweihstangen des Sindelfinger Stadtwappens in die andere Richtung laufen als die bei denen des Landeswappens fällt dem Laien nicht ohne Erklärung auf. Die Freistempel auf Postsachen aus dem Rathaus zeigen, wie Sindelfingen im Lauf der Jahrzehnte für sich geworben hat - oder für sich werben wollte, denn viele der Freistempel sind Musterstücke geblieben und nie echt gelaufen. "Vom Industrie- zum Touristikzentrum" hat der Sindelfinger Sammler diesen Teil seiner Schau überschrieben.

Stolz ist Gerhard Ganzhorn auch auf seine Belege mit den Logos von Sindelfinger Firmen. Am 12. Dezember 1896 bestellte beispielsweise eine Firma in Kaiserslautern fünf Meter Stoff in der Weberei Zweigart & Sawitzki. Der Brief in Kaiserslautern gestempelte trägt eine bayrische Briefmarke. "Die Pfalz", klärt Ganzhorn, "gehörte seinerzeit zu Bayern." Aus seinen postalischen Dokumenten liest der Sammler auch heraus, dass Sindelfingen im Dritten Reich lange gegen den Strom geschwommen sei, was die postalische Gleichschaltung betrifft. In Sindelfingen, erzählt er, habe man lieber zu Briefmarken, die Hindenburg zeigten, gegriffen als zu solchen mit Hitler-Konterfei. Und die (Juden-)Sterne seien viel später als andernorts aus den Stempeln getilgt worden.

Gerhard Ganzhorn hat auch die Geschichte der Sindelfinger Volksbank anhand von postalischen Belegen nachgezeichnet. 1863 wurde sie als Handwerkerbank gegründet, später in Volksbank umbenannt, ehe sie in jüngerer Vergangenheit in der Vereinigten Volksbank AG aufging. Im Gegensatz zur "Mutter", die im vergangenen Jahr bereits jubilierte, wird die Sindelfinger Tochter der Volksbank erst in diesem Jahr 150 Jahre alt.

Seit 30 Jahren findet in der Sindelfinger Messehalle die Internationale Briefmarkenbörse statt. Der Sindelfinger Siegfried Reck und der Böblinger Peter Bairle haben Sonderbelege mit Sindelfinger Motiven von der Briefmarkenbörse gesammelt und für die Ausstellung zur Verfügung gestellt. Drei Schautafeln über die Geschichte der Briefsammlergilde "Heinrich von Stephan", die 2007 ihr 50. Jubiläum feierte, runden die Ausstellung ab.