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Rauchen? Schluss. Punkt. Aus.

Die beschwerliche Verschwörung gegen den Geschmack von Freiheit, Stil und Luxus samt hartnäckigem Husten, Mundgeruch und nikotingelben Zähnen.

„Schnell noch auf Vorrat rauchen“, ist ihre Devise vor dem unverbindlichen Informationsvortrag über Raucherentwöhnung. Im blauen Dunst stehen sie vor dem Eingang der Stuttgarter Lungenfachklinik und ziehen gierig, als wäre es der letzte Glimmstängel für alle Zeit. Rauchen verbindet, sie scherzen und sind anonym. Fünf Sitzungen in der Gruppe, einmal wöchentlich, sollen helfen, von der jahrelangen Sucht loszukommen. Alle Hoffnungen liegen auf dem 42-jährigen Diplom-Psychologen, Kursleiter und starken Exraucher Holger Kies, der gleich wissen lässt, nicht „apostelmäßig“ unterwegs zu sein. Und während er redet, werden die Interessierten immer nervöser. Es hustet. Was ihnen im Konferenzraum der Klinik Schillerhöhe fehlt, sind die Aschenbecher, zumindest eine Raucherpause. Heisere raue Stimmen stellen Fragen. Manche kauen Fingernägel, suchen nach Bonbons oder cremen ihre Hände ein. Die volle Aufmerksamkeit bekommt Kies nach einem Wort, das sitzt wie ein Dolchstoß: „Schlusspunktmethode“. Anlass für den geschockten Trupp, erst mal zu rauchen und die Sache mit dem Entzug zu überdenken.

Artikel vom 06. Mai 2011

 

Ausgeschlossen und gebrandmarkt fühlen sie sich, als „Dauerqualmer in der Räucherkammer“ mitunter asozial, eine Dame verachtet sich deswegen selbst. Erschrocken sind sie dazu über ihren Gesundheitszustand, „mir wird ganz elend, wenn ich mich atmen höre“, beschreibt es ein Familienvater. Trotzdem steht er jeden Morgen unter der laufenden Abzugshaube und zieht sich im Akkord die ersten Fluppen des Tages rein.

 

Im Kurs sehen die Teilnehmer die Chance, sich von ihrer Sucht zu befreien und stellen sich entschlossen für 130 Euro Gebühr der vielleicht härtesten Probe ihres Lebens. Halten Sie durch, übernehmen die Krankenkassen 80 Prozent der Kosten. Es bleiben 26 Euro Eigenanteil, das sind rund 100 Zigaretten, verteilt auf fünf Packungen. Bei manchen die Zweitagesration und das seit über 40 Jahren. Psychologe Kies schwört die Willigen auf ihr Vorhaben ein. „In der Gruppe steckt die Kraft, sie wird Ideen, Motivation und Halt geben, aber nur, wenn sie lebt“. Ganz behutsam packt er seine Hilfsmittel aus, die er „Werkzeuge“ nennt: Tipps, Erfahrungen, Arbeitsblätter und mischt diese mit Szenen aus seiner Raucherlaufbahn. Ratlos blicken die Raucher drein, als sie eine „Kosten-Nutzen-Analyse“ niederschreiben, Motivation und Erfolgszuversicht in Zahlen ausdrücken und in die Selbstbeobachtung mitsamt Lösungsansätzen und Rückfallprophylaxe gehen sollen. Kaloriensparende Karottenstifte statt Nikotinstangen? Öffentlich machen oder lieber schweigen? Und was mit den nervösen Händen tun? Kies erzählt derweil von seinen Beweggründen und Ängsten beim Entzug und verrät seine Werkzeuge. Fahrradtraining und die Entspannungsmethode Autogenes Training halfen und helfen ihm, nicht wieder zur Geisel der Zigarettenindustrie zu werden.

Auf den Arbeitsblättern der Kursteilnehmer bleibt der Platzhalter für den persönlichen Nichtrauchersatz, ihr Motto, vorerst leer. Die Lungen nicht. In der zweiten Kursstunde rauchen alle noch, „bewusster, genussvoller und nicht mehr so viel“, berichten sie fast ein wenig stolz. Eine Spur Euphorie macht sich breit, der Tag X der letzten Zigarette ist terminiert.

 

Dazu klärt der Kursleiter den Bedarf an unterstützenden Hilfsmitteln wie inhalierbarem Nikotin, Nikotinpflaster und Kaugummis ab. Und die können auf körperlicher Ebene durchaus Sinn machen, wenn das nikotinsüchtige Belohnungszentrum im Gehirn in den ersten Tagen der Abstinenz mit innerer Unruhe, Angst, Hunger, Konzentrationsproblemen bis hin zu Depressionen reagiert. „Ich bin so nervös und könnte andauernd essen“, bestätigt in der dritten Stunde der Familienvater. Weit unangenehmer sei dazu die psychische Abhängigkeit, die selbst nach Jahren der Enthaltung noch vorherrschen kann, erklärt Psychologe Kies. Jede Zigarette war bislang mit bestimmten Handlungen wie Kaffee trinken, Situationen und Empfindungen verbunden. Diese müssen nun durch eine individuelle Änderung des Verhaltens bekämpft werden. Jede Aktion, jede Gegebenheit, an jedem Ort, zu jeder Zeit. Denn der Kampf mit dem inneren Nikotinmonster, das immer wieder anklopft und verführen will, bleibe nicht aus, betont Kies.

 

Die letzte Zigarette wurde geraucht, sämtliche Vorräte mitsamt Feuerzeug und Zubehör verbannt. Die Glimmstängel verbleiben fortan im verriegelten Supermarktkäfig. Ihre ehemaligen Befreier streiken.

Die Probanden mit den Pflästerchen am Ohr sind überzeugt, „die Ohrakupunktur mildert die Entzugserscheinungen“. Trotzdem befinden sie sich im emotionalen Chaos. „Es ging mir nach dem abruptem Ende nicht gut, ich hatte nur noch Rauchen im Kopf“, erzählt eine Frau von ihren ersten qualmfreien Tagen und macht Pläne für die Zukunft. Der Maler soll ihre nikotingelben Wände streichen. Ein Mann spricht begeistert über seine „sensationelle Erfahrung“. Das Gemüse schmecke wieder, er atme leichter, sei aber reizbar und unruhig. Dennoch sieht er sich noch nicht als Nichtraucher, „ich habe es momentan geschafft und darauf bin ich stolz“. „Ich wäre nicht abgeneigt, wieder anzufangen“, drückt sein Nachbar seinen „Tanz auf dem Vulkan“ in die rauchfreie Ära aus. Die Nikotinkaugummis liegen vor ihm auf dem Tisch. Mit ihnen hat er die erste brenzlige Situation in Form eines Ehekrachs gemeistert. „Ich dachte, jetzt brauche ich zwei Kaugummis, zum Glück waren keine Zigaretten verfügbar“.  „Ich rieche wieder die Blumen“, motiviert sich ein Herr, der es erst auf den zweiten Anlauf geschafft hat und fortan mit Walking für Kondition und wenig Gewichtszunahme sorgt. Sie wollen es packen und erscheinen trotz kleiner Rückfälle in allen Kursstunden. Denn ausgeschimpft wird hier keiner, vielmehr neue Wege gesucht.

Wie zur Belohnung zählt Kursleiter Kies chemische Stoffe im Zigarettenrauch auf, wie sie in Desinfektionsmitteln, Raketentreibstoff, Ratten- und Mottengift vorkommen. Nur eine Auswahl von über 4800 mitunter giftigen Substanzen, „auf das alles verzichten sie nun“. „Mit einem Wort Dreck“, merkt eine Dame auf und schüttelt verständnislos den Kopf. Die gesundheitlichen Folgen der Tabakabhängigkeit erspart der Psychologe der Schar. „Steht ja auf der Packung“, murren sie fast dankbar.

Ob es der Trupp tatsächlich geschafft hat, für immer von den Zigaretten los zu kommen, wird Holger Kies erst in Wochen, Monaten und Jahren sehen. Schnell kann es zu Rückfällen kommen, weil der Nikotinteufel immer wieder aufs Neue versucht zu verführen. Wenn im Notfall die individuellen, im Kurs erarbeiteten Maßnahmen nicht greifen, wird es gefährlich, „brandgefährlich“, betont er. „Da kann ein einziger Zug zuviel sein“, ergänzt er und mahnt, „kein Kräftemessen mit dem Nikotinmonster!“. Seine Erfahrungen aus vielen Kursen zeigen, jeder Dritte schafft es langfristig und ist nach einem rauchfreien Jahr noch trocken. Dazu macht er Mut, „ich habe 50 Mal aufgehört und 49 Mal wieder angefangen“. (sr)