Medientheoretiker Weibel: Zeitalter der Nähe geht zu Ende

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    Ein Mast mit verschiedenen Antennen von Mobilfunkanbietern. Foto: Jens Büttner/zb/dpa/Archivbild

Artikel vom 27. März 2020 - 11:01

Karlsruhe (dpa) - Die Nahgesellschaft ist Vergangenheit, die Ferngesellschaft ist die Zukunft - diese Ansicht vertritt zumindest der Chef des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medien (ZKM), Peter Weibel. «Das Zeitalter der Nähe geht zu Ende», sagte er den «Badischen Neuesten Nachrichten» (BNN/Freitag). Das Virus sei das Monster der Nahgesellschaft. Doch der Medientheoretiker weist darauf hin, dass es etwas benötige, das die Ferngesellschaft nicht brauche: einen Boten. «Es benötigt den menschlichen Organismus, um seine Botschaft - die Krankheit - sichtbar zu machen.» Mit der Erfindung der Telekommunikation habe sich das Verhältnis zwischen dem, der eine Botschaft senden will, und dem, der sie empfangen soll, grundlegend geändert, sagt Weibel den BNN. «Es ist kein Überbringer mehr erforderlich. Alles geht - über größte Distanzen hinweg - telematisch: Telegraf, Telefon, Television.» Das altgriechische Wörtchen «tele» für «fern» habe bereits vielfach Eingang in unsere Sprache gefunden. Die Ferngesellschaft hat aus Sicht von Weibel große Vorteile. Der ZKM-Vorstand verweist in dem Blatt etwa auf die ökologischen Folgen der Massenmobilität und des Massentourismus. «Das Virus zwingt uns dazu, die Massenmobilität zu beenden.» Die sei es, die dessen Verbreitung beschleunige. «Wir erleben ein großes soziales Experiment», so Weibel. «Wären wir bereits in der Ferngesellschaft, könnte auch das Virus nicht reisen.» Durch die Teletechniken könne aber die Nahgesellschaft gerettet werden: «Wir dürfen uns nicht die Hand geben, aber wir können telefonieren.»