Harald Marquardt (rechts) im Gespräch mit dem Prozessingenieur Stefan Heß vor der Anlage für Elektrokomponententräger. Foto: Matthias Schiermeyer

Harald Marquardt, Chef der Zulieferers in Rietheim, will aufhören – ausgerechnet zum 100-jährigen Bestehen. Vorher will er als Verhandlungsführer der Metallarbeitgeber in Baden-Württemberg noch die IG Metall bremsen.

Es gibt wenige Unternehmer oder Manager, die neben ihrem Hauptjob noch Löhne aushandeln wollen – doch wer die Droge der Tarifpolitik einmal zu sich genommen hat, mag kaum davon lassen. So wie Harald Marquardt, der Chef der Marquardt-Gruppe mit Sitz in Rietheim-Weilheim: Vor zwei Jahren wurde er, Knall auf Fall, Verhandlungsführer der Arbeitgeber und zeichnete mitverantwortlich für den Ludwigsburger Pilotabschluss der Metall- und Elektroindustrie. An diesem Mittwoch zieht er ins nächste große Tarifgefecht.

Mit seinen Mahnungen hat Marquardt die IG Metall schon im Vorfeld auf die Palme gebracht. Der Südwestmetall-Vize setzt sich vor allem dafür ein, den Mittelstand in der Krise nicht weiter zu belasten. Als Vorstandschef des eigenen Imperiums steht er freilich kurz vor dem Absprung. Er habe gerne, aber vielleicht oftmals zu viel gearbeitet. Nun wolle er „die eine oder andere Stunde weniger für das Unternehmen verbringen“.

Der Wechsel im Vorstandsvorsitz ist eine echte Zäsur

Zudem ließen sich gute Nachfolger „nicht jeden Tag von den Bäumen ernten“ – da „müssen Sie zugreifen, wenn die Chance da ist“. Gemeint ist Björn Twiehaus (46), an den er zum 1. Januar 2025 den Vorstandsvorsitz abgibt – ausgerechnet zum großen Jubiläum, denn Marquardt feiert nächstes Jahr sein 100-jähriges Bestehen. Eine echte Zäsur: Erstmals wird das Unternehmen dann nicht mehr von einem Familienmitglied geführt.

Mit Einbauschaltern für Elektrogeräte fing 1925 alles an – heute gehört Marquardt zu den weltweit führenden Herstellern von mechatronischen Schalt- und Bediensystemen für Autos und Elektrowerkzeuge. Auch wenn der 63-Jährige keine Wehmut über den Einschnitt erkennen lässt, sagt er: „Da sind große Emotionen drin, aber das Ziel ist es, Marquardt als Familienunternehmen mit einem maximal fähigen Management nicht nur ins hundertjährige Jubiläum, sondern darüber hinaus weiterzuführen.“ Da sei er in der Verantwortung zu handeln. „Wir haben das von langer Hand geplant, weil es erkennbar war, dass die Familie diese Tradition nicht fortsetzen kann.“ So erwartet er, „dass wir uns damit, wenn es sich so weiterentwickelt, wie es sich aktuell anlässt, von Mitbewerbern sogar positiv abheben können“.

Ein Unternehmer macht immer wieder auch Fehler

Twiehaus davon zu überzeugen, sei wohl seine beste Entscheidung der vergangenen Jahrzehnte gewesen. Und die schlechteste? „Da gibt es unzählige“, bekennt der 63-Jährige. „Jeder, der auf diese Frage antwortet, da müsse er lange überlegen, lügt oder war weit weg vom operativen Geschäft.“ Ein Unternehmer mache immer wieder auch Fehler. Etwa den Einstieg in die Elektromobilität beim Fahrrad. „Da haben wir den Markt zu wenig berücksichtigt.“ Dies sei erkannt und revidiert worden. „Das war schmerzhaft.“

Auch aktuell läuft es nicht so gut. „Wir hatten mit sehr viel Wachstum im Elektromarkt geplant, das jetzt viel langsamer kommen wird als erhofft.“ Er sei aber davon überzeugt, „dass wir aufgrund von Neuanläufen, die zunächst in den Markt gebracht werden müssen, noch ein ordentliches viertes Quartal hinbekommen“. Die Folge sei dennoch ein langsamerer Rückfluss von Investitionen – „weshalb wir kostenmäßig enorm auf die Bremse treten müssen“.

Zum Jahresende weniger als 2500 Stellen in Deutschland

Folglich wird der Mitarbeiterstand „tendenziell geringer“. Nach ersten Abbauprogrammen hofft der Vorstandschef, „dass wir einen Boden erreicht haben“. Die Entwicklung sei aber sehr schwer vorhersehbar. Daher will er sich auch nicht in Beschäftigungspakten über einen längeren Zeitraum binden. 2023 hat das Unternehmen weltweit 700 Stellen abgebaut; allein 150 in Deutschland. In diesem Jahr wurden weitere 150 Stellen reduziert – zum Teil durch betriebsbedingte Kündigungen. Zudem wird bei einer zwei- bis dreistelligen Zahl von Stellen die normale Fluktuation nicht ausgeglichen. „Wir werden zum Jahresende weniger als 2500 Stellen in Deutschland haben und weltweit unter 10 000“, sagt der Vorstandsvorsitzende.

Seine Anteile behält Marquardt, seinen Schreibtisch in der Chefetage wird er aber aufgeben. Stattdessen will er ein Büro irgendwo in Rietheim beziehen. „Das ist eine der Ideen, die wir noch erörtern“, sagt er. In jedem Fall werde er von Januar an den Nachfolger „wirklich wirken lassen“. Wer im Unternehmen mit diesem vielleicht mal hadere, solle nicht die Option haben, zum Vorgänger zu gehen, den er seit Jahrzehnten kenne. „Diese Möglichkeit möchte ich nicht geben, sodass ich im Unternehmen sicherlich eine geringere Präsenz zeigen werde.“ Er hat aus der Vergangenheit gelernt: Er selbst habe einst eine Weile mit seinem Onkel „zusammen arbeiten dürfen und müssen“, setzt Marquardt hinzu. Doch „zu viele Alphatiere verträgt kein Unternehmen“.

Womöglich nicht die letzte Tarifrunde als Verhandlungsführer

Die Bühne Tarifpolitik bleibt ihm vielleicht längere Zeit erhalten. Die nächsten Verhandlungen werden „nicht notwendigerweise“ seine letzten sein. Trotz der Abgabe der operativen Geschäftsführertätigkeit habe er weiterhin verantwortliche Funktionen in der Marquardt-Gruppe, in der Holding etwa. Damit dürfte er auch den Statuten von Südwestmetall Genüge tun, wonach ein reiner Ruheständler als Chef-Unterhändler nicht vorgesehen ist. „Ob es soweit kommt, müssten eigentlich auch andere entscheiden.“ Bisher sei es noch nicht besprochen worden. „Ich würde es als offen ansehen, wenn es andere auch so sehen.“ Und lachend fügt er hinzu: „Das hängt vielleicht auch von der diesjährigen Performance ab.“

Investitionen in In- und Ausland

Thüringen
  Zumeist investiert die Industrie nur noch im Ausland. Marquardt macht eine Ausnahme: An diesem Freitag wird im Beisein von Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow am Erfurter Kreuz ein Werk für Elektromobilität eingeweiht. Die Nachfrage nach Batteriemanagementsystemen steigt so stark, dass ein dreistelliger Millionenbetrag investiert wird. So schafft Marquardt bis Ende 2025 über die derzeit 350 Arbeitsplätze hinaus weitere 200 an dem Standort.

Tunesien
Auch noch im September eröffnet die Marquardt-Gruppe ihr nächstes großes Werk in Tunesien – das dritte seit 1991. Ende dieses Jahr soll auch im indischen Pune ein Werk fertiggestellt werden – Einweihung an Aschermittwoch 2025. Dies ist zunächst als Erweiterung für den indischen Markt, mittelfristig auch für den Export vorgesehen.