Gut drauf in Wimbledon: Nick Kyrgios Foto: IMAGO/Shutterstock/IMAGO/Javier Garcia/Shutterstock

Der umstrittene Tennisspieler Nick Kyrgios erreicht in Wimbledon das Halbfinale, erfüllt sich damit einen Traum und zeigt der Welt, was er wirklich kann.

Nick Kyrgios ließ sich auf den sogenannten heiligen Rasen von Wimbledon fallen und genoss den großen Augenblick. Erstmals in seiner Karriere hatte er das Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers erreicht, und das nach schwierigen Zeiten, die hinter ihm liegen. „Das Schiff war schon einmal weggefahren, aber jetzt bin ich doch noch unter die besten vier gelangt“, sagte der Sieger nach dem 6:4, 6:3, 7:6 (7:5)-Erfolg gegen den Chilenen Cristian Garin im Viertelfinale. „Das war wirklich eine wunderbare Atmosphäre hier“, meinte Kyrgios noch und lobte das Publikum auf der altehrwürdigen Tennisanlage im Südwesten Londons. Dort bekommt er es nun im Halbfinale mit Rafael Nadal zu tun, der Taylor Fritz 3:6, 7:5, 3:6, 7:5, 7:6 (10:4) niedergekämpft hat.

Nick Kyrgios war schon weit zurückgefallen in der Weltrangliste, er verschleudere sein Talent, hieß es. Durch Lustlosigkeit und Undiszipliniertheiten auf dem Tennisplatz stand er sich zuletzt oft selbst im Weg. Geldstrafen und Verwarnungen – das waren die Dinge, durch die er auffiel. Und gerade zuletzt häuften sich die Fälle rüpelhaften Verhaltens. Nach dem Turnier in Indian Wells Anfang März 2022 musste Kyrgios wegen Ausrastern 25 000 US-Dollar zahlen. Nur wenige Wochen später wurde er nach der Achtelfinal-Niederlage gegen Jannik Sinner beim Miami Masters mit einer Geldstrafe in der Höhe von 35 000 US-Dollar belegt, nachdem er den Stuhlschiedsrichter beschimpft und seinen Schläger zertrümmert hatte.

Respektlos behandelt

Im Stuttgarter Halbfinale vor wenigen Wochen äffte der Australier den Schotten Andy Murray nach, indem er dessen Stöhnen beim Schlagen auf der anderen Seite des Platzes imitierte. Murray, der wohl noch nie so respektlos behandelt wurde, beschwerte sich darüber beim Schiedsrichter. Zuvor versprang der Ball wegen einer Unebenheit auf dem Platz – zuungunsten von Kyrgios. Der reagierte sauer, zertrümmerte seinen Schläger und bekam dafür einen Punktabzug. Im zweiten Durchgang gegen Murray beschimpfte er die Zuschauer, was der Schiedsrichter dann mit einem Spielabzug ahndete.

Von den Rängen gab es Pfiffe. Später machte er im Internet seinem Ärger Luft über das Geschehen in Stuttgart. Er fühlte sich von Zuschauern rassistisch beleidigt. Die Turnierleitung entschuldigte sich dafür bei Kyrgios, wusste aber auch das Verhalten des Exzentrikers einzuordnen. „Es war ein emotionales Spiel“, sagte Turnierchef Edwin Weindorfer, „und bei Nick, ich sage es einfach mal so, kann immer sehr viel passieren.“

Die Eskalation

In Wimbledon eskalierte der Ärger um Kyrgios ein weiteres Mal. Im Achtelfinale fühlte sich der später unterlegene Grieche Stefanos Tsitsipas durch Provokationen gestört. Kyrgios war nach mehreren unflätigen Ausrastern im Spiel gegen Tsitsipas zu einer Geldstrafe in Höhe von 4000 Dollar verurteilt worden, sein frustrierter Gegner musste 10 000 Dollar zahlen, weil er vor Wut den Ball auf die Tribüne gedroschen hatte. „Er mobbt seine Gegner“, ärgerte sich Tsitsipas nach der Niederlage. „Er war vermutlich in der Schule ein Tyrann. Ich mag keine Leute, die andere Leute niedermachen.“

Kyrgios stand am Mittwoch zum zweiten Mal in seiner Karriere im Viertelfinale des bedeutendsten Tennisturniers der Welt. Im Jahr 2014 war ihm als Teenager der Durchbruch gelungen, als er im Londoner Achtelfinale gegen Rafael Nadal gewann. Die großen Erwartungen konnte der hochveranlagte Australier daraufhin nie wirklich erfüllen. Im Hinblick auf seine Fähigkeiten attestierten ihm die Experten, einmal den Tennis-Thron besteigen zu können, doch achtete er nicht immer auf seinen Körper und zog den Pizzaservice einer gesunden Ernährung öfter mal vor. Auch hatte er schon an Depressionen gelitten, wie er Anfang des Jahres bekannt gab. Er habe getrunken und zu Drogen gegriffen.

Unschöne Nachricht

Die letzte unschöne Nachricht von Nick Kyrgios gab es dieser Tage. Der 27 Jahre alte Tennisspieler muss in Australien bald vor Gericht erscheinen. Laut dem Amtsgericht in Canberra ist für den 2. August eine Verhandlung angesetzt. Wie sein Anwalt mitteilte, handelt sich um einen Vorfall „im Zusammenhang mit einer häuslichen Beziehung“.

Ruhe scheint um den extrovertierten Tennisspieler Nick Kyrgios nicht einzukehren – sportlich hat er jetzt in Wimbledon aber noch einmal die Kurve gekriegt. Und konnte auch ein bisschen über sich lachen. „Ich habe keinen Trainer, denn das kann ich niemandem zumuten“, sagte der Halbfinalist. Ein Humor, der ankam bei den Briten.