Das zerstörte Backhaus Walporzheim Foto: privat

Von Dachtel ins Ahrtal und zurück: Mit einer groß angelegten Backaktion im Dachteler Backhaus wurde erst Geld gesammelt, um Opfern der Naturkatastrophe zu helfen. Daraus entwickelte sich viel mehr – und an diesem Wochenende wird wieder gemeinsam gefeiert.

Nichts war stehen geblieben, außer dem Ofen. Vom Backhaus des Ortes Walporzheim ließ die Flut im Ahrtal kaum etwas übrig. Wie die gesamte Infrastruktur in unmittelbarer Nähe der Ahr, wurde es einfach weggerissen. Zusammen mit Gebäuden, Straßen, Brücken. Dass es knapp drei Jahre später wieder steht, ist nicht zuletzt Verdienst einer Gruppe Dachteler Bürger

Denn die Jahrhundertflut, die 2021 das Ahrtal verwüstete, mobilisierte gleichsam eine beispiellose Welle der Solidarität. Entstanden ist jedoch auch eine enge Freundschaft – und die Tradition des „Weinfests am Backhaus“, das sich nun, am 18. Mai, zum dritten Mal jährt.

Es fehlte an allem

Zu den Dachteler Helfern für das Ahrtal gehörte auch Birgit Breitling. Ihr Bruder und ein Bekannter waren als Helfer von Anfang an im Ahrtal im Einsatz und berichteten aus erster Hand über das Ausmaß der Katastrophe. „Es fehlte wirklich an allem“, erzählt die Dachteler Ortschaftsrätin. „Viele hatten absolut nichts mehr. Bis dahin, dass in Ermangelung von Dosenöffner keine Konserven geöffnet werden konnten.“

Brigitte Breitling und Joachim Obenaus Foto: privat

Angesichts der prekären Schilderungen sammelte Breitling mit Gleichgesinnten binnen kürzester Zeit zunächst zwei Garagen voller Sachspenden – Möbel, Geschirr, Kleidung, Nahrung. Eben das Nötigste. Doch auch finanzielle Mittel wurden dringend benötigt. „Um Geld zu sammeln“, erzählt Breitling, „haben wir die Aktion ,Brot backen für das Ahrtal“ ins Leben gerufen“: Aus einer kurzen SMS mit der Idee Brot zugunsten der Flutopfer zu backen begann eine beispiellose Spendenaktion.

Ein nahe liegendes Projekt

Joachim Obenaus, Verwalter des Dachteler Backhauses und unermüdlicher Ideenpool, feuerte mit einem Team von Unterstützern die Öfen an, buken Brot und spendeten den Erlös. Zur Unterstützung stieß Jürgen Ries mit seinen Backhausbuben hinzu, einer Gruppe von Freunden, die wie Joachim Obenaus öfter im Backhaus tätig sind. „Es kam ein guter Betrag zusammen“, erzählt Jürgen Ries, „aber wir fragten uns anschließend: Wohin am besten spenden?“

Wichtig war den Unterstützern, dass die Summe einem konkreten und nachvollziehbaren Nutzen diente und nicht in den zahlreichen anonymen Spendenkonten und -hotlines versickerte. Als sie schließlich erfuhren, dass die Flut das Walporzheimer Backhaus mitgerissen hatte, war das Spendenobjekt gefunden. Die Backhäuser stifteten das „verbindende Element“ zwischen den beiden Ortschaften.

Die Dachteler erhielten den Kontakt zum stellvertretenden Ortsvorsteher Klaus Beu, der sich der Initiative annahm und den Wiederaufbau mit Nachdruck voran trieb. „Ihm gelang es auch, in Windeseile die Baugenehmigung durchzubringen“, erzählt Ries. Ein Anfang war also gemacht.

Doch mit dem Betrag aus der Brotback-Aktion natürlich längst nicht getan. Folglich überlegten die Dachteler mit ihren Walporzheimer Verbindungspersonen, wie weitere Spenden generiert werden könnten. Und weil das Ahrtal auch für den Weinbau steht, war bald klar: Ein Weinfest wird gefeiert.

Von Anfang an gut besucht

Eine erlesene Auswahl Ahrtaler Rebensafts im Gepäck, machte sich Klaus Beu mit seinem Freund Stefan Müller also auf den Weg ins Heckengäu. Die Dachteler kümmerten sich um die Organisation. Dreh- und Angelpunkt: das Dachteler Backhaus mit Spezialitäten direkt aus dem Holzofen. Frisches Brot, Käse- und Schmalzbrote, Dinnede als Ergänzung zu den Ahrtaler Weinen. Dazu sorgte die Band Golmer für Stimmung – unentgeltlich für den guten Zweck. Natürlich unterstützten die Backhaus-Buben auch hier maßgeblich. So stieg am 14. Mai 2022 das erste „Weinfest für Walporzheim“.

„Ich stand an dem Tag komplett unter Strom“, lacht Birgit Breitling heute angesichts der großen organisatorischen Aufgabe. „Aber es war einfach klasse, obwohl das Wetter etwas kühl ausfiel.“ Tatsächlich kamen zur Premiere bereits um die 250 Besucher und bescherten dem Walporzheimer Backhaus ein ansehnliches Spendenaufkommen. Eine zweite Auflage im Folgejahr für den selben Zweck war schnell beschlossene Sache und erfreute sich mit geschätzten 500 Gästen steigender Beliebtheit.

Neben dem finanziellen Erfolg entstand zwischen Walporzheimern und Dachtelern eine enge freundschaftliche Verbindung. Die Unterbringung und Verpflegung der Gäste erfolgte in den privaten Häusern der Helfer. Der Gegenbesuch im Ahrtal ließ nicht lange auf sich warten. „Alles war von großartiger Herzlichkeit geprägt“, erinnern sich die Unterstützer an die Reise.

Somit markierte die Einweihung des wieder errichteten Backhauses Walporzheim am 21. Oktober 2023 unter Teilnahme der Dachteler Helfer zwar das Ende des Projekts. Die Bande zwischen den Gemeinden besteht jedoch unvermindert fort. Davon zeugt nicht nur der Holzfuchs, der als Dachteler Einweihungsgeschenk die Pergola des neuen Backhauses schmückt. Sondern auch die Fortsetzung des Weinfests am Backhaus.

Beginn einer Tradition

Dieses Jahr kommen die Walporzheimer am 18. Mai wieder für das Event in den Süden, erstmalig ausgerichtet vom neuen Verein Dorfgemeinschaft Dachtel. Dahinter steht ein Zusammenschluss von Bürgern, die sich für ein gutes, abwechslungsreiches Zusammenleben und Miteinander in der Gemeinde kümmert. „Das wird unser drittes. Weinfest am Backhaus“, bemerkt Ries. Und ab dem dritten Mal, sagt er mit Augenzwinkern, gelte so etwas als Tradition. Eine, die noch viel Jahre fortbestehen soll.

Das Weinfest am Backhaus findet am Samstag, 18. Mai von 14 bis 23 Uhr rund um das Backhaus Dachtel statt.