Um das Wohlbefinden in der Böblinger Mineraltherme ist es derzeit nicht bei allen Besuchern gut bestellt. Foto: Eibner-Pressefoto/Archiv

Ein viral gegangener Tiktok-Clip und eine Google-Bewertung werfen Fragen zur Sicherheit in der Mineraltherme Böblingen auf. Es ist unter anderem die Rede von wiederholten Belästigungen durch einen Stammgast – das Personal soll untätig geblieben sein. Was steckt hinter den Vorwürfen?

Es sind harte Worte, die in der jüngsten Google-Bewertung der Böblinger Mineraltherme fallen: „Ich würde jeder Frau davon abraten, alleine in dieses Schwimmbad zu gehen.“ Und: „Wir gehen mit keinem guten Gefühl mehr in die Therme.“ Was ist passiert?

Der Verfasserin der Rezension nach eine ganze Menge. Sie sei schon mehrfach in der Therme in Böblingen gewesen, schreibt sie, und überwiegend hätte sie gute Erfahrungen gemacht, doch es gäbe dort ein großes Problem. So würde sich in der Therme regelmäßig ein Mann „herumtreiben“, ein Stammgast, der Frauen gegenüber gerne einmal übergriffig werden würde. Auch mit ihrer Freundin sei sie bereits von dem Mann belästigt worden, der ihnen sogar bis hinaus auf den Parkplatz gefolgt sei.

Dem Badepersonal wäre der Mann bekannt, aber passieren würde nichts – und das, obwohl sich schon mehrere Frauen beschwert hätten. „Ich würde mir wünschen, dass die Therme Böblingen endlich etwas unternimmt, um für die Sicherheit der Badegäste einzustehen“, so die Rezensentin, die für ein Gespräch nicht erreichbar war.

„Jetzt ist man wirklich nirgendwo mehr sicher“

Die Google-Bewertungen zur Therme habe er „immer auf dem Schirm“, sagt Wolfgang Hermle, Geschäftsführer der Böblinger Therme. Der Inhalt der Rezensionen werde oft in die Teambesprechungen mitgenommen. „Wir versuchen gerade, mit der Frau, die diese Bewertung verfasst hat, Kontakt aufzunehmen, um den Mann zu identifizieren und um ihm Hausverbot erteilen zu können.“ Er nehme an, dass von Seiten der Frau fälschlicherweise der Eindruck bestand, das Personal wisse Bescheid. Es werde regelmäßig geschult, um solche Situationen rechtzeitig erkennen und dann auch direkt eingreifen zu können. „Ich kann versichern, dass das für uns ein sehr wichtiges Thema ist. Alle Kollegen sind dazu aufgefordert, bei ihren Rundgängen auf so etwas zu achten.“

Die Bewertung wurde nur ein paar Tage nach Veröffentlichung eines Tiktok-Clips abgegeben, der seinerseits für ordentlich Furore sorgt. Im Video zu sehen: Ein Mann wird in der Böblinger Mineraltherme von einem Polizisten abgeführt. Darunter steht geschrieben: „POV: Ihr geht mit euren Mädels in die Therme und werdet in der Umkleide beim Umziehen gefilmt.“ Zum aktuellen Zeitpunkt wurde der knapp zehn Sekunden lange Clip 88 800 Mal mit einem Herz versehen – und rund 1600 Personen teilten ihre Meinung dazu.

In den Kommentaren zeigen sich viele bestürzt: „Ich gehe nie wieder nach Böblingen in die Therme“, schreibt eine Tiktok-Nutzerin. Eine andere kommentiert: „Ist mir auch neulich passiert.“ Das Fazit, das manche Frauen aus dem Ganzen ziehen: „Jetzt ist man wirklich nirgendwo mehr sicher.“

Mann hat noch versucht zu flüchten

Dass es vor ein paar Tagen zu einem Polizeieinsatz in der Böblinger Therme kam, bestätigt Steffen Grabenstein, Pressesprecher des Polizeipräsidiums in Ludwigsburg. „Dort wurde ein 36-jähriger Mann festgehalten und der Polizei übergeben, der im Verdacht steht, zuvor im Umkleidebereich mit einem Handy eine 28-jährige Frau beim Umziehen gefilmt oder fotografiert zu haben. Der Mann wurde vorläufig festgenommen und nach Abschluss der polizeilichen Maßnahmen wieder entlassen. Gegen ihn wird Strafanzeige wegen einen Verstoßes gegen Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen erstattet“, teilt er unserer Zeitung auf Nachfrage mit.

„Der Mann hat, nachdem er erwischt wurde, noch versucht zu flüchten und ist unter dem Drehkreuz durchgekrabbelt“, erzählt Hermle. Doch das Thermenpersonal hätte den mutmaßlichen Täter noch auf der Treppe stellen können und umgehend die Polizei verständigt. „In solchen Fällen sprechen wir auch direkt ein Hausverbot aus.“ Die Betroffene habe sich entschieden, eine Anzeige zu stellen. Erst im Dezember des vergangenen Jahres sei laut Grabenstein ein weiterer, gleich gelagerter Sachverhalt aus der Mineraltherme zur Anzeige gelangt – in diesem Fall konnte jedoch keine tatverdächtige Person ermittelt werden.

„Gemäß unserer Haus- und Badeordnung sind Handys im gesamten Bad verboten“, sagt Hermle. „Wir versuchen dieses Verbot so gut es geht durchzusetzen, um das Risiko, dass Badegäste heimlich fotografiert werde, so gering wie möglich zu halten.“ Badegästen, die sich von anderen Badegästen belästigt fühlen, rät Hermle, sich direkt an das Personal zu wenden. „Die sind geschult, die wissen, was zu tun ist.“

Hausverbote in Stuttgarter Bädern im dreistelligen Bereich

Im vergangenen Jahr wurden laut Grabenstein auch zwei Fälle von sexueller Belästigung und ein Fall von sexuellem Übergriff in der Böblinger Therme angezeigt. Man könne da auch mit einem gewissen Dunkelfeld rechnen – schließlich werden bei der Polizei nur jene Fälle verzeichnet, die von den Geschädigten angezeigt werden.

Auch in anderen Thermalbädern in der Region Stuttgart kommt es immer wieder zu derartigen Vorfällen. So ereigneten sich im Vorjahr zum Beispiel im Stuttgarter Mineralbad Leuze mehrere Vorkommnisse, bei denen Minderjährige sexuell belästigt wurden. Als Reaktion auf solche Erfahrungen haben Schülerinnen aus Leonberg kürzlich ein spezielles Schwimmangebot nur für Frauen initiiert. Der Gedanke dahinter: Frauen einen sicheren Raum bieten, in dem sie sich ohne unangemessene Blicke oder Belästigungen wohlfühlen können. Das Angebot wird nun im Leonberger Hallenbad getestet und könnte bei positiver Resonanz regelmäßig dort eingeführt werden.

2024 waren in den Stuttgarter Bädern laut deren Sprecher Jens Böhm Hausverbote im dreistelligen Bereich aktiv, verhängt unter anderem wegen sexueller Übergriffe, aber auch wegen Delikten wie Diebstahl oder Vandalismus.

Hermle hat trotz allem nicht den Eindruck, als hätten Vorfälle wie der auf Tiktok geteilte in der Böblinger Therme in jüngster Zeit zugenommen. „Aber es kommt halt leider immer wieder mal vor. Wichtig ist dann, dass wir konsequent handeln.“

Sexuelle Belästigung 

Fallzahlen
Der Pressesprecher des Polizeipräsidiums in Ludwigsburg berichtet von einem Anstieg der Fallzahlen der sexuellen Belästigung in der Region. „Die Zahl der Fälle von sexueller Belästigung hat in den Landkreisen Böblingen und Ludwigsburg von 2022 auf 2023 um 14,1 Prozent zugenommen“, teilt Grabenstein mit. Die Zahlen für 2024 seien noch nicht freigegeben, „es dürfte jedoch tendenziell mit einem weiteren Anstieg in diesem Deliktbereich zu rechnen sein.“