Ramon Hendriks haut es auf St. Pauli nach der Niederlage um, doch schon gegen den 1. FC Köln will der Abwehrspieler mit dem VfB Stuttgart wieder voll auf den Beinen sein. Foto: Baumann/Hansi Britsch

Das Team von Sebastian Hoeneß bietet beim 1:2 gegen die Kiezkicker von allem zu wenig. Alexander Blessin, der Trainer des Außenseiters, erhält dabei im Vorfeld fremde Hilfe.

So eine Geschichte ergibt sich nur noch selten. Dass ein journalistischer Beitrag als Motivationshilfe dient. Früher, ja. Im analogen Zeitalter. Da haben Fußballlehrer öfter einen provokanten Zeitungsartikel an die Kabinentür geklebt, um den eigenen Spielern Beine zu machen. Sehr plakativ war das. Heutzutage ist das schwierig geworden, im digitalen Zeitalter. Da werden auf Bildschirmen Videosequenzen gezeigt.

Dennoch hat sich Alexander Blessin der alten Methode bedient. Ein Onlinebeitrag des Fachmagazins „Kicker“ hatte den Trainer des FC St. Pauli im Vorfeld verärgert. Der Inhalt in Kürze: Für den VfB Stuttgart gehe es im Prinzip nur um die Höhe des Sieges. Ein Bundesligarekord winke dem Team von Kollege Sebastian Hoeneß mit dem vierten Auswärtserfolg nacheinander mit mindestens drei Toren Unterschied. Eine solche Serie habe noch keine andere Mannschaft geschafft.

Als „respektlos“ empfand Blessin diese Ausführungen, die – neutral betrachtet – nicht böse gemeint waren. Der Schwabe in Diensten der Hanseaten nutzte sie aber für die eigene Ansprache und dankte schließlich den Autoren für die ungewollte Unterstützung. Das Ergebnis: der FC St. Pauli gewann mit 2:1 gegen den VfB. Oder andersherum: Der Favorit verlor verdient und sah sich am Hamburger Millerntor einer Elf gegenüber, die „galliger und griffiger“ war, wie der Sportvorstand Fabian Wohlgemuth sagt.

Eine solche Analyse ergibt in der Regel keine guten Voraussetzungen für das Stuttgarter Spiel. Ebenso wenig wie die gebotene Laufleistung. Der Abstiegskandidat aus dem Norden der Fußballrepublik spulte 120,69 Kilometer ab, der Europapokalanwärter aus dem Süden nur 114,65 Kilometer. Sechs Kilometer Unterschied sind viel. Zu viel, selbst wenn der VfB knapp 64 Prozent Ballbesitz aufwies, die Kugel laufen ließ und versuchte die Defensive der Gastgeber in Bewegung zu halten, um Räume zu schaffen.

St. Paulis Trainer Alexander Blessin ist nach dem Sieg zufrieden. Foto: Baumann/Hansi Britsch

Allerdings mangelte es den Offensivaktionen an Tiefe und Tempo. Ein Durchkommen gab es so nur selten – wie bei Chris Führichs Chance (12.). So lässt sich festhalten, dass es für die Stuttgarter immer dann knifflig wird, wenn der Gegner zwei Komponenten zusammenbringt: ein tiefer Abwehrblock gepaart mit einer unerbittlichen Zweikampfführung. Die Kiezkicker bekamen das hin. Genau wie in diesem Jahr schon Union Berlin (1:1) oder die AS Rom (0:2). Die Italiener agierten in der Europa League dabei jedoch auf einem anderen spielerischen Niveau als die nationalen Ligarivalen.

Futsch ist damit der Gedanke, der VfB könnte die schöne Erfolgsserie aus der Hinrunde in der Bundesliga wiederholen. Mit einem 2:0-Sieg gegen die St. Paulianer ging es im vergangenen September los – und es folgten vier weitere Siege. Jetzt muss sich die Mannschaft nach einem strapaziösen Jahresauftakt erst ausruhen und danach neu ausrichten. „Wir haben jetzt neun Spiele in vier englischen Wochen absolviert, da war die Belastung spürbar“, sagt Hoeneß.

Schwer waren die Beine und müde die Köpfe. „Die Mannschaft hat zuvor Unglaubliches geleistet und solche Spiele gibt es dann einfach“, sagt der Trainer, der in der Begegnung mit dem Außenseiter „kein Alarmsignal“ sieht, sondern lediglich ein Spiel, aus dem zu lernen ist. Die Wiederholungslektion: ohne Grundtugenden geht es nicht.

Der VfB muss die Intensität des Gegners mitgehen, mindestens – und er muss sich an der Hundert-Prozent-Grenze bewegen. Fallen dagegen mehrere Schlüsselspieler wie Angelo Stiller oder Bilal El Khannouss ab, gerät er ins Wanken und tritt nicht mehr wie eine Spitzenmannschaft auf. Zumal Hoeneß in der Abwehr auf Jeff Chabot verzichtete, um ihn zu schonen. Gerade aber im Zentrum des Spiels schwächelten die Stuttgarter.

Finn Jeltsch und Ramon Hendriks waren in der Innenverteidigung nicht so stark wie zuvor. El Khannouss, der Mann für die Kreativität, wurde bereits zur Halbzeit ausgewechselt. Der Mittelfeldstratege Stiller wirkte ungewohnt fahrig und nach dem 0:2 durch die Tore von Manolis Saliakas (35.) und Danel Sinani (55./Handelfmeter) sogar frustriert in seiner Körpersprache.

Durch das späte Anschlusstor von Jamie Leweling keimte noch einmal Hoffnung auf (90.). Mehr passierte nicht, was insgesamt zu wenig für die Ansprüche des VfB darstellt. Einerseits. Andererseits hat sich die Hoeneß-Elf über Wochen gefestigt gezeigt. Das gehört zur Gesamtbetrachtung wie die Kritik am Auftritt auf St. Pauli. Ein Ausreißer nach unten soll das aus Stuttgarter Sicht bleiben und sich nicht so schnell wiederholen. Die letzte Bundesliga-Niederlage zuvor datiert vom 6. Dezember des vergangenen Jahres: 0:5 gegen den FC Bayern. Erst acht Spieltage danach wurde wieder verloren – und gegen den 1. FC Köln am Samstag streben die Stuttgarter einen neuen Ausgangspunkt an.