Bevorzugt der Württembergische Fußballverband eines seiner Vorstandsmitglieder beim Schiedsrichteraufstieg in die Regionalliga? Referee Vincent Schöller vom TSV Haiterbach hat diesbezüglich eine Klage gegen den WFV eingereicht. Auch in der Gruppe Böblingen wird der Fall mit Interesse verfolgt.
Am Amtsgericht Stuttgart geht demnächst ein großer Unparteiischen-Zoff in die nächste Runde. Denn Referee Vincent Schöller vom TSV Haiterbach verklagt den Württembergischen Fußballverband und will eine einstweilige Verfügung erwirken. Es könnte voll werden in Raum 307. „Ich weiß, dass viele kommen, um Vincent zu unterstützen“, sagt Benjamin Haug, Obmann der Schiedsrichtergruppe Calw, die sich voll hinter ihr momentan erfolgreichstes Mitglied stellt.
Und darum geht es: Schöller griff bis zur Vorsaison in der Regionalliga zur Pfeife und agierte als Assistent in der 3. Liga, stieg dann aber in die Oberliga ab. Nun peilt er die Rückkehr in die vierthöchste Spielklasse an. Für den Aufstieg darf der WFV zwei Leute nominieren. Seinen mit 242,2 Punkten derzeit notenbesten Schiri Vincent Schöller berücksichtigt er allerdings nicht. Stattdessen sollen der Dritt- und Viertplatzierte zum Zug kommen: Jonathan Woldai (241,6) und John Bender (241,4).
Zwar sei es laut Haug schon vorgekommen, dass man einen schlechter benoteten Unparteiischen vorzieht, weil dieser jünger ist und eine größere Perspektive mitbringt. Allerdings: Schöller ist 29 Jahre alt – und Woldai vier Jahre älter. Letzterer gehört jedoch der einflussreichen Schiedsrichtergruppe Stuttgart an. Und vor allem: Er ist Mitglied im WFV-Schiedsrichterausschuss. Also ein Teil des Establishments? „Genau so ist es“, sagt Haug.
Der Calwer Obmann hatte bereits mehrfach den nicht unumstrittenen WFV-Obmann Volker Stellmach zu einer Stellungnahme aufgefordert. „Ich bekomme trotz mehrmaligen Nachfragens keine nachvollziehbare Begründung“, ärgert er sich. Das Oberliga-Sportgericht, als auch die WFV-Sportgerichte hatten einen Einspruch abgelehnt, da sie sich nicht zuständig fühlten. Stattdessen liegt der Fall Schöller nun bei der DFB-Ethikkommission. Und eben beim Amtsgericht Stuttgart.
Immerhin: Inzwischen gibt es eine Mediationsvereinbarung, die unter anderem von Stellmach unterschrieben wurde. Darin heißt es, dass die bisherige Vorgehensweise gekippt wird und nicht mehr nur Woldai und Bender für die Regionalliga beobachtet werden. Der WFV hat das Versprechen allerdings bereits gebrochen – denn er ließ trotzdem weiterhin nur Woldai und Bender beobachten.
„Im Sinne des Leistungsprinzip ist es völlig unverständlich, was hier passiert. Der WFV zieht sein Ding einfach weiter durch“, ist Haug wütend. Aus seiner Sicht sendet der Verband das völlig falsche Signal, gerade an die Nachwuchs-Referees: „Wie soll ich einen jungen Schiedsrichter motivieren, wenn hier so eine Ungerechtigkeit vorliegt?“ Besonders leid tut es Haug aber für Schöller: „Der Vincent lebt einfach dafür.“
Sollte dieser die einstweilige Verfügung tatsächlich erwirken können, ist der WFV gerichtlich gezwungen, die Modalitäten für einen möglichen Aufstieg in die Regionalliga neu zu definieren. Haug: „Wir sind optimistisch und können im Sinne des Fußballs und des Schiedsrichterwesens nur an das Fairplay appellieren.“
Auch in der Schiedsrichtergruppe Böblingen sind solche Fälle vorgekommen
Natürlich hat der Streit auch in der benachbarten Gruppe Böblingen für Gesprächsstoff gesorgt. „Das ist eine brenzlige Situation für alle Schiedsrichter, weil richtig Feuer im Busch ist“, weiß deren Obmann Achim Gack. Er kann einerseits die Aussagen seines Pendants aus Calw voll und ganz nachvollziehen. „Es ist verständlich, dass er sich so für ihn einsetzt“, nickt der Herrenberger, der gleichzeitig Bezirksschiedsrichter-Obmann Stuttgart/Böblingen ist. Auch die Vorgehensweise von Schöller respektiere er, weil er versteht, „dass das alles für hohe Frustration bei ihm sorgt“.
Andererseits akzeptiere er dennoch die in der Kritik stehende Entscheidung des Verbandsschiedsrichterausschusses als oberstem Gremium. „Die erledigen grundsätzlich gute, ehrenamtliche Arbeit, obwohl sie manchmal schwierige Dinge beschließen müssen“, betont er. „Auch in diesem Fall haben sie sich viele Gedanken gemacht und ihre Argumente in der Obleute-Tagung erläutert.“
Der Aufstieg von Schiedsrichtern sei, so Gack, „ein ganz normales Politikum“. Und da gebe es manche Aspekte, die nicht immer nachvollziehbar sind. „Es ist auch bei uns in der Gruppe Böblingen schon vorgekommen, dass ein besser Platzierter nicht nach oben durfte.“ Jüngstes Beispiel ist dabei Patrick Stephany (TV Altdorf). Er stand nach der vergangenen Saison auf einem Aufstiegsplatz, perspektivisch wurden aber jüngere Kameraden bevorzugt, was dem Vernehmen nach einer der vielen Auslöser dafür war, dass er die Pfeife ganz niederlegte.
Wie ließe sich nun verhindern, dass solche Probleme immer wieder vorkommen? „Man könnte es sich einfacher machen“, sagt Achim Gack klipp und klar. „Es wäre am leichtesten, wenn sich die punktbesten Schiris tatsächlich für die höhere Liga qualifizieren. Man würde dann keine Diskussionsfelder durch die weichen Faktoren aufmachen.“ Sicherlich nicht der schlechteste Vorschlag.