Ihor Terechow ist Bürgermeister von Charkiw. In den vergangenen Wochen wurde die Stadt vermehrt Opfer von russischen Angriffen aus der Luft. Foto: IMAGO/Le Pictorium/IMAGO/Nicolas Cleuet / Le Pictorium

Ihor Terechow ist Bürgermeister von Charkiw. Im Interview spricht er über die russischen Luftangriffe, welche Hilfe er sich von Deutschland erhofft – und welche langfristigen Visionen er für die Stadt hat.

Ihor Terechow hat eine weite Reise vor sich. Am Samstagmorgen steigt der Bürgermeister von Charkiw zunächst in einen Zug nach Warschau. Rund 24 Stunden später kommt er an und nimmt das Flugzeug nach Berlin. Dort wird er in der kommenden Woche an der „Ukraine Recovery Conference“ teilnehmen. Einer Konferenz mit 1500 Teilnehmern, die von der Bundesregierung ausgerichtet wird. Dabei soll es nicht um militärische Hilfe für die Ukraine gehen, sondern darum, wie dem Land auf anderem Wege geholfen werden kann: humanitär, wirtschaftlich, bei der Infrastruktur. Seit Wochen stehen Charkiw und seine 1,5 Millionen Einwohner unter russischem Beschuss.

Vor seiner Abfahrt nimmt Terechow sich am Donnerstag Zeit für ein Interview per Videokonferenz, ein Mitarbeiter übersetzt vom Englischen ins Ukrainische. Terechow sitzt an einem Schreibtisch vor einer weißen Wand. Auf die Frage, von wo aus er das Interview führt, sagt er: „An einem sicheren Ort in Charkiw. Weitere Details werde ich nicht nennen.“

Ihre Stadt ist seit Wochen heftigen Angriffen ausgesetzt. Wie waren die letzten Tage und Nächte?

Die Situation ist sehr schwierig. Wir hatten in den vergangenen Wochen fast jeden Tag und jede Nacht Angriffe mit furchtbaren Auswirkungen. Die Russen haben viele Fabriken, Infrastruktur und Wohngebäude zerstört. Viele Menschen wurden getötet und verletzt, darunter auch viele Frauen und Kinder. Glücklicherweise gab es in den letzten zwei Tagen keine Angriffe. Aber das kann sich schnell ändern.

Wie sieht der Alltag der Menschen in Charkiw derzeit aus?

Märkte, Einkaufszentren, Lebensmittelläden und Restaurants sind geöffnet. Die Menschen arbeiten, sie gehen ihrem Alltag nach so gut es geht. Aber natürlich ist es nicht dasselbe wie vor dem Krieg, allein weil es jede Nacht eine Ausgangssperre gibt. Vor allem das Leben der Kinder hat sich stark gewandelt.

Wie ist die Situation für Kinder in der Stadt im Moment?

Wegen der ständigen Gefahr von Luftangriffen sind viele Schulen und Kindergärten geschlossen. Wir haben unterirdische Klassenräume gebaut und planen noch mehr davon. Einige Schulen halten ihren Unterricht jetzt in U-Bahn-Stationen ab. Aber natürlich sind diese Räume begrenzt. Deshalb erhalten viele Schüler Online-Unterricht. Derzeit finden auch Abschlussprüfungen statt, viele von ihnen online.

Nächste Woche sind Sie in Berlin, um über Hilfe für den Wiederaufbau in der Ukraine zu sprechen. Was braucht Charkiw im Moment?

Das größte Problem für Charkiw ist im Moment die Energieinfrastruktur, die immer wieder angegriffen wird. Wir brauchen eine zuverlässige Versorgung mit Strom, Wasser und vor allem mit Wärme. In wenigen Monaten beginnt die Heizperiode. Und die Winter hier in Charkiw sind kalt. Wir müssen unsere Energieinfrastruktur nicht nur wieder aufbauen, sondern sie auch widerstandsfähiger machen. Um es klar zu sagen: Wenn wir die Energieinfrastruktur nicht aufrechterhalten können, ist das das Ende für unsere Stadt.

Welche Art von Unterstützung fordern Sie konkret von Deutschland?

Was wir derzeit am dringendsten für die zivile Infrastruktur benötigen, sind Gasturbinen, Generatoren und modulare Wohneinheiten, um die Menschen unterzubringen, die ihre Häuser verloren haben. Wir bitten eindringlich, dass Deutschland uns hilft, diese Dinge zu beschaffen. Darüber hinaus brauchen wir auch weiterhin militärische Unterstützung. Die Patriot-Luftabwehrsysteme helfen, Angriffe auf Zivilisten zu verhindern. Aber wir brauchen mehr davon.

Niemand weiß, wie lange der Krieg dauern wird. Deshalb sagen viele Menschen, dass der Wiederaufbau der Ukraine schon jetzt beginnen muss. Haben Sie eine Vision für Charkiw in der Zukunft?

Ja, natürlich! Es gibt einen Masterplan für die Entwicklung der Stadt. Die wirtschaftliche Entwicklung ist von zentraler Bedeutung.

Wie wollen Sie die Wirtschaft Ihrer Stadt beleben?

Wir waren schon immer eine Stadt des verarbeitenden Gewerbes. Ich glaube, dass wir in Zukunft ein Zentrum für die Hightech-Produktion sein können. Charkiw ist auch für seine vielen Universitäten und Forschungsinstitute bekannt. Wir wollen kreative Menschen und Wissenschaftler anziehen. Zudem haben wir auch einen großen IT-Sektor. Viele Programmierer haben die Stadt verlassen, aber ich hoffe, dass sie zurückkehren. Charkiw kann eine blühende und hippe Stadt sein – ein „Place to be“ für junge Menschen.

Im Moment wird Charkiw immer noch angegriffen. Wann wollen Sie Ihre Vision in die Tat umsetzen?

Das hängt von zwei Faktoren ab: Erstens, wenn wir modernere Luftabwehrsysteme haben und wenn wir über eine zuverlässige Energieversorgung verfügen. Dann können wir mit dem Wiederaufbau beginnen, auch wenn der Krieg noch andauert.

Es gibt Stimmen in Deutschland, die fordern, die Regierung solle keine weiteren Waffen an die Ukraine liefern und stattdessen Friedensgespräche mit Russland suchen. Was sagen Sie diesen Menschen?

Diese Leute gibt es überall in Europa und darüber hinaus. Die Aufnahme von Friedensverhandlungen ist schwierig, denn es müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein. Unzählige Menschen wurden getötet, Häuser und Geschäfte zerstört. Dafür muss es eine Entschädigung von Seiten Russlands geben. Und natürlich muss Russland versichern, dass es in Zukunft keine weiteren Aggressionen geben wird. Und ich glaube nicht, dass Russland bereit ist, diese Voraussetzungen zu erfüllen. Deshalb müssen wir weiterkämpfen.

Es sind sehr schwierige Zeiten für Sie und die Menschen in Charkiw. Können Sie sagen, was Ihnen in diesen Zeiten Hoffnung gibt?

Trotz der Angriffe gibt es so viel Leben in dieser Stadt! Gerade heute habe ich eine Zigarettenpause im Schewtschenko-Stadtpark gemacht. Da waren Abiturienten, die für ihre Abschlussfeier eine Tanzvorführung geprobt haben. Ich habe mit ihnen gesprochen, und sie haben mir von ihren Plänen und Träumen erzählt. Viele von ihnen sagten, sie würden in Charkiw bleiben, um zu studieren – obwohl die Lage hier so schwierig ist. Solche Begegnungen inspirieren mich.