Während der Sanierung der Marktplatz-Tiefgarage in Sindelfingen ist der Aufzug zwischen den Parkebenen und der Oberfläche abgeschaltet. Menschen mit und ohne Behinderung beschweren sich über den Zustand.
An die Bauarbeiten auf und unter dem Marktplatz in Sindelfingen haben sich die meisten Bürger sicher schon gewöhnt. Die Stadt Sindelfingen lässt ihre Mitte umgestalten. Dazu gehört auch eine aufwendige Sanierung der mehrstöckigen Marktplatz-Tiefgarage aus den 1980er Jahren. Sie wird in zwei Bauabschnitten entkernt und wieder aufgebaut. Ein Teil der Tiefgarage soll dabei stets befahrbar bleiben. Doch mit der Bautätigkeit kommen Einschränkungen. Ein Beispiel: Der Aufzug, der die Tiefgarage unter dem Marktplatz mit der Oberfläche verbindet, wurde abgeschaltet.
Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, wird nahegelegt, auf vier Parkplätze in der Planiestraße oder elf Plätze auf dem Postgelände auszuweichen, die für die Dauer des Bauabschnitts zu Behindertenparkplätzen umgewidmet wurden. „Sie sind über die Untere Torgasse erreichbar und als Kurzzeitparker ausgewiesen“, sagt die Stadtsprecherin Katrin Sadroschinski. Wer dennoch in der Tiefgarage parkt, muss beispielsweise mit dem Rollator über die Einfahrtsspindel nach oben laufen.
Für den Apotheker Martin Seifert, der die Apotheke am Marktplatz führt, ist es ein unhaltbarer Zustand, dass der Aufzug abgeschaltet wurde. Er und seine Mitarbeitenden könnten sich mit den Unannehmlichkeiten durch die Sanierung der Tiefgarage – beispielsweise die spürbaren Erschütterungen im Geschäft – abfinden, sagt Seifert. Für Menschen, die auf Rollatoren oder Rollstühle angewiesen seien, sowie für Eltern mit Kinderwagen, sei es aber unzumutbar, aus den unteren Parkgeschossen die Rampen hinaufsteigen zu müssen. „Wenn es technisch möglich wäre, den Aufzug weiter zu betreiben, wäre das nicht nur für meine Kunden, sondern auch für die Patienten der umliegenden Ärzte sehr hilfreich“, sagt Seifert. Anderenfalls sei es wahrscheinlich, dass die Betroffenen die Sindelfinger Innenstadt meiden.
Ersatzparkplätze zu weit weg?
Eine, die das Problem nur zu gut kennt, ist Santina Rigione aus Dagersheim. Die 54-Jährige ist aufgrund von mehreren chronischen Krankheiten in ihrer Mobilität eingeschränkt und auf einen Rollator angewiesen. Durch eine Lungenerkrankung ermüdet sie zudem schnell. Zweimal in der Woche muss sie Termine in einer Praxis am Marktplatz wahrnehmen. Jedes Mal bange sie, dass sie keinen Parkplatz bekommt, von dem aus sie ihr Ziel ohne zu große Anstrengung erreichen kann. Die Parkplätze, die die Stadt als Ersatz ausgewiesen hat, könne sie nicht nutzen. „Wenn ich auf dem Postparkplatz parke, brauche ich ein Sauerstoffzelt, wenn ich bei der Krankengymnastik ankomme“, sagt sie. Die rund 200 Meter von der Post- über die Mercedesstraße sowie über den Marktplatz strengten sie zu sehr an. „Ich bin auf die Parkplätze in der Tiefgarage und den Aufzug angewiesen“, sagt sie. „Wenn ich den nicht habe, geht meine Gesundheit baden und mein Gehen verschlechtert sich noch mehr.“
Tatsächlich, erzählt die Dagersheimerin, gäbe es Abhilfe, zumindest für Nutzerinnen und Nutzer von Rollatoren. Es gibt nämlich noch einen zweiten Aufzug, der in die Tiefgarage führt. Der aber ist für Mitarbeitende der Kreissparkasse vorgesehen. Sie versteht nicht, warum die Kreissparkasse bei den Planungen für die Sanierung der Tiefgarage nicht einbezogen wurde. Ideal sei der Fahrstuhl zwar auch nicht, sagt Rigione. Die Türen, durch die man gehen muss, um ihn zu erreichen, sind enorm schmal. Ihren Rollator muss die 54-Jährige jedes Mal zusammenfalten, um sie zu passieren. „Für Menschen im Rollstuhl ist das unmöglich“, sagt sie. Dennoch sei es für sie eine mögliche Übergangslösung, den zweiten Fahrstuhl freizugeben.
Für die Toiletten gibt es jetzt Ersatz
Die Stadt Sindelfingen weist seit Wochen mit Schildern an den Zufahrten zur Marktplatz-Tiefgarage darauf hin, dass der Aufzug der Tiefgarage außer Betrieb ist. Das soll sich auch bis voraussichtlich Mitte 2026 nicht ändern. So lange dauert der aktuelle Bauabschnitt mindestens. Wie die Sprecherin der Stadt Sindelfingen auf Anfrage mitteilt, sei der Aufzug deshalb abgeschaltet worden, damit während der Bauarbeiten keine Unbefugten in den Baustellenbereich in der Tiefgarage gelangen. Zudem soll auch der Aufzug im Rahmen der Sanierung erneuert werden. Wenn der zweite Teil der Tiefgarage saniert wird, soll der schon renovierte Teil wieder barrierefrei sein.
Aktuell gebe es noch zusätzlich das Problem, dass auch Autofahrer ohne Berechtigung in Form eines Behindertenausweises auf den neu ausgewiesenen Ersatzparkplätzen parken, sagt die Stadtsprecherin. „Hier werden wir die Beschilderung im Festverbau umsetzen, sodass diesem Problem Abhilfe geschaffen wird“, sagt sie. „Zudem werden die Kontrollen vom Ordnungsamt entsprechend umgesetzt.“
Für die ebenfalls stillgelegten Toiletten, die sich im gleichen Häuschen wie der Aufzug befinden, gibt es unterdessen einen Ersatz. In einem Container gibt es je ein Klo für Herren, für Damen und für Menschen mit Behinderung. Der steht allerdings nicht in der Nähe der ursprünglichen Toiletten, sondern am Planiedreieck – vor dem ehemaligen Teeladen. In naher Zukunft sollen die Toiletten auch gut sichtbar ausgeschildert werden, sagt die Stadtsprecherin.
„Es ist völlig klar, dass man manche Dinge einfach hinnehmen muss“, kommentiert der Apotheker Martin Seifert die Situation mit dem abgeschalteten Aufzug. „Aber dass man es trotz etwa zehn Jahren Planungszeit für die Sanierung der Tiefgarage nicht geschafft hat, eine Lösung für den Aufzug zu finden, ist schlimm“, fügt der Apotheker ernüchtert hinzu.