Im vergangenen Jahr hat Thomas Anders im Haus der Geschichte in Bonn 40 Jahre Modern Talking gefeiert. Foto: imago/Marc John

„Es passt menschlich nicht“, sagt Thomas Anders über sein Nicht-Verhältnis zu Dieter Bohlen. Lieder von Modern Talking singt er Ende März in Stuttgart lieber mit seiner eigenen Band.

Thomas Anders hat alle sechs Modern-Talking-Alben aus den Achtzigerjahren neu eingesungen und im vergangenen Jahr veröffentlicht. Unter dem Motto „Thomas Anders sings Modern Talking“ gastiert er mit seiner Band Ende März im Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle. Mit Dieter Bohlen hingegen wird es dem Sänger zufolge keine Reunion geben.

Herr Anders, was war für Sie in den Achtzigerjahren schwieriger, A oder B? A wäre, dass diejenigen, die Modern Talking nicht mochten, Ihr Duo als eine Art Plastik-Niedergang der Popmusik verdammt haben, oder B, dass manche Sie als eine Art Anhängsel des Komponisten und Produzenten Dieter Bohlen betrachtet haben.

Die Situation B kann ich gar nicht nachvollziehen, weil das war in den Achtzigern überhaupt kein Thema. In den Achtzigern war ja eigentlich Thomas Anders das Gesicht von Modern Talking, und Dieter Bohlen war gar nicht so auf dem Schirm. Ich kann mich noch erinnern, als ich bei der Funkausstellung in Berlin auf eine große Party kam. Da wurde gesagt: „Hallo, Herr Anders, schön, dass Sie da sind.“ Und bei Dieter Bohlen wurde gefragt: „Wer sind Sie denn?“ Wenn man die Stimme von einem erfolgreichen Duo ist, dann ist man kein Anhängsel, sondern dann ist man mindestens 50 Prozent, wenn der andere nicht singt.

Dann also A. Wie sind Sie mit der Ablehnung umgegangen, die Modern Talking entgegengebracht wurde?

Das ist ja kein Phänomen, das nur Modern Talking betroffen hat: Jeder super erfolgreiche Act hat mit dieser Ablehnung zu kämpfen. Denn je mehr Menschen einen lieben, desto stärker kommt immer auch die Gegenbewegung. In den Listen wie „Die beliebtesten Künstler des Jahres“ und „Die meistgehassten Künstler des Jahres“ sind interessanterweise die ersten Fünf auf beiden Listen immer gleich. Wenn ein Künstler sein Leben lang auf Platz 70 der Charts ist, kommt er nie auf die Beliebtesten-Liste und nie auf die Hass-Liste, der rutscht einfach so durch. Aber die Ablehnung, die Modern Talking erfahren hat, ist das Schicksal von erfolgreichen Künstlern.

Nicht in jedem Fall. Bei Bands wie Queen oder Led Zeppelin, die derartige Lieblingslisten regelmäßig anführen, gibt es einen breiten Konsens, dass es sich um tolle Bands handelt. Bei Modern Talking gab es diesen Konsens nicht so richtig, oder?

Ganz am Anfang gab es den Konsens schon. Aber dann gibt es Ups und Downs. Phil Collins war Jahre lang der meistgespielte Radiokünstler weltweit, bis die Radiosender irgendwann entschieden haben, ihn nicht mehr zu spielen. Das verläuft in Wellenbewegungen, und bei Modern Talking hätte vor 40 Jahren niemand gedacht, dass unsere Musik heute immer noch so up do date ist und nach wie vor durch die Welt geht. Das ist ein Geschenk.

Modern Talking anno 1985: Dieter Bohlen (links) und Thomas Anders Foto: imago/teutopress

Zurück zu Dieter Bohlen: Wie ist heute Ihr Verhältnis zu ihm?

Persönlich haben wir keines, weil wir haben seit Jahren nicht miteinander gesprochen. Bei beiden besteht auch nicht unbedingt der Drang, dass man miteinander sprechen sollte. Jeder von uns hat sein Leben und ist auf seine Weise erfolgreich und macht das gut. Wir haben zusammen eine traumhafte Karriere erschaffen, aber jetzt geht jeder seinen eigenen Weg. Das ist wie bei einem Ehepaar, das sich irgendwann trennt: Die Kinder bleiben ja immer noch die Kinder.

Warum haben Sie eigentlich keine Verbindung mehr?

Es passt einfach menschlich nicht, und das ist auch gar nicht schlimm. Modern Talking ist ja nicht aus einer Garagenband entstanden, und Dieter Bohlen und ich gingen auch nicht zusammen zur Schule, sondern es wurden zwei Musiker zusammengesetzt, die dann extrem erfolgreich wurden, und die Fantasie der Menschen wollte es so haben, dass wir enge Freunde sind. Aber das entsprach nicht der Realität.

Was müsste ein Milliardär bezahlen, damit Sie beide gemeinsam bei einer Gala auftreten?

Der kann uns nicht bezahlen, weil wir es nicht machen.

Warum haben Sie die sechs Modern-Talking-Alben, die zwischen 1985 und 1987 erschienen sind, neu eingesungen und im vergangenen Jahr veröffentlicht?

Der erfolgreiche Produzent Christian Geller, den ich seit 40 Jahren kenne, hat mich vor zwei Jahren darauf hingewiesen, dass Modern Talking 2025 vierzigsten Geburtstag hat. Statt dem 25. Best-of-Album mit einem anderen Bild auf dem Cover aber den gleichen Sounds aus den Achtzigern schlug er vor, das erste Album noch einmal komplett neu aufzunehmen. Dann hatten wir die Idee, gleich alle sechs Alben aus den Achtzigern neu aufzunehmen und in einem Jahr rauszubringen. Das hat zuvor noch niemand gemacht. Die Produktion klingt wie 2025 – aber mit den ikonischen Sounds von Modern Talking aus den Achtzigern, die wir eins zu eins nachproduziert haben.

Im Video zu „Cherokee Highway“ sind der junge und der ältere Thomas Anders zu sehen, und der junge trägt die berühmte Nora-Kette. Was verbinden Sie heute mit diesem damals stark diskutierten Schmuckstück?

Naja, heute wird es immer noch diskutiert, obwohl ich die Kette seit 35 Jahren nicht mehr trage. Eigentlich müsste ich den Diamant-Marketingpreis dafür bekommen, dass etwas, das seit 35 Jahren nicht mehr getragen wird, immer noch so präsent in den Köpfen der Menschen ist.

In diesem neuen Video spielt die Kette ja erneut eine prominente Rolle.

Wenn ich etwas Revue passieren lasse und dabei authentisch sein will, dann muss ich es doch mit voller Konsequenz machen. Wenn mein jüngeres Ich die Kettte nicht tragen würde, würde die Frage kommen: „Warum tragen Sie die Kette nicht?“ Weil die Kette so ikonisch ist, gehört sie in das Video.

War es in den Achtzigern schwierig, die Kette durchzuhalten?

Mir war damals nicht klar, was ich mit dieser Kette auslöse. Im Grunde war es zunächst ein Gag, weil meine damalige Frau unter anderem von Dieter Bohlen und der Plattenfirma kontrovers diskutiert wurde. Da habe ich mich an Udo Lindenbergs Panik-Gürtel erinnert. Aus der Gürtel-Idee haben wir eine Kette gemacht, und nachdem ich damit im Fernsehen war, war die Presse voll davon. Danach waren wir ein bisschen wie der Zauberlehrling verdammt. Hätte ich die Kette nicht mehr getragen, wäre geschrieben worden: „Lässt er sich jetzt scheiden?“

Wie blickt der 62-jährige Thomas Anders heute auf die junge Version seiner selbst mit der Bräune und den langen Locken?

Das war damals der Zeitgeist. Viele Frauen, aber auch Männer, gingen zum Friseur und sagten: „Ich will die Haare wie Thomas Anders.“ Jeder hat eine Vergangenheit und ich sage manchmal: „Guckt mal in Eure Führerscheine, wie Ihr damals ausgesehen habt.“ Peinlich ist nur, sich nicht zu entwickeln und immer noch in der Vergangenheit zu leben.

Klingen deshalb in Ihren Neuaufnahmen der Modern-Talking-Alben die Beats härter und moderner als damals?

Heute klingen Drums, Bass und Keyboards einfach anders als damals, und die Musik ist schneller geworden. Wenn man heute die Modern-Talking-Originale aus den Achtzigern hört, hat man das Gefühl, als würde jemand die Schallplatte festhalten. Zeitgeist-Erscheinungen verändern sich. Mein Anspruch auf der Tournee ist, dass ich die Menschen mit in die Achtziger nehme, während man im Hier und Jetzt ist.

Thomas Anders und Modern Talking

Sänger
Die Rollen bei Modern Talking waren klar verteilt: Thomas Anders sang die Lieder, die Dieter Bohlen komponiert hatte. Zwischen 1985 und 1987 verkaufte das Popduo Millionen Platten mit Hits wie „You’re My Heart, You’re My Soul“ und „Cheri, Cheri Lady“. Kurz vor der Jahrtausendwende startete das Duo ein Comeback, trennte sich aber 2003 wieder. 2025 veröffentlichte Thomas Anders Neuinterpretationen aller sechs Modern-Talking-Alben aus den Achtzigern.

Konzert
Thomas Anders, inzwischen 62, geht in diesem Jahr abermals mit Liedern von Modern Talking auf Tournee. Am 24. März gibt er ein „Thomas Anders sings Modern Talking“ betiteltes Konzert im Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle.