Am „Tag der Schiene” auf dem Schlossplatz ist kaum ein Besucher ohne Mitbringsel wieder nach Hause gefahren, zehn Abonnenten sogar mit einem Deutschlandticket.
Leon steuert die S-Bahn hochkonzentriert durch die Region. Der Fahrersitz ist zwar noch ein bisschen groß für ihn und die vielen Anzeigen um ihn herum sind eher verwirrend. Aber die Strecke ist frei, keine Baustelle in Sicht. Diese heile und beliebte S-Bahn-Welt gibt es auch am „Tag der Schiene” auf dem Stuttgarter Schlossplatz am Samstag nur digital oder spielerisch in Form einer aufblasbaren S-Bahn-Hüpfburg.
Eher meistens verwaist ist dagegen der “Ersatzverkehr”-Stand ein paar Meter weiter, der an diesem vermutlich letzten Hochsommersamstag 2025 aber auch mitten in der prallen Sonne steht. „Bitte informieren Sie sich über aktuelle baustellenbedingte Einschränkungen an dieser Station” - das Hinweisschild kennen die S-Bahnfahrgäste in der Region inzwischen in- und auswendig und Besserung ist nur bedingt in Sicht. Da locken die Gewinne an den Glücksrädern der Nachbarstände doch viel mehr, weshalb sich immer wieder lange Schlangen davor bilden.
Vielfalt und die Innovationskraft der Bahnbranche sichtbar machen
Den bundesweiten „Tag der Schiene” gibt es seit 2022. „Die Schiene spielt eine zentrale Rolle für die Mobilität und den Klimaschutz” ist auf der Webseite zu lesen. Der Aktionstag mit Hunderten von Veranstaltungen in vielen deutschen Städten soll „die Vielfalt und die Innovationskraft der Bahnbranche” sichtbar machen und auch berufliche Chancen zeigen.
Auch die Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) suchen nicht zu knapp Stadtbahn- und Busfahrer, die Bahn wirbt nicht nur um Lokführer, sondern vor allem auch um Ingenieure. Die haben schließlich in den kommenden Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, eine ganze Menge zu tun.
Stände, gelbe Bauhelme und eine Fotobox
Auf dem Schlossplatz sind an diesem Samstag alle versammelt, die die Landeshauptstadt, die Region, das Land bewegen: SSB, VVS, Verband Region Stuttgart (VRS), die S-Bahn Stuttgart, die Mobilitätsmarke bwegt des Landes Baden-Württemberg, der InfoTurmStuttgart (ITS) und der Digitale Knoten Stuttgart (DKS).
Am ITS-Stand mit vielen Infos über das Bahnprojekt Stuttgart 21 finden die gelben Bauhelme reißenden Absatz, nicht nur bei offensichtlichen Stuttgart-Touristen aus aller Welt, auch bei Samstagsbummlern durch die City, die an diesem Tag auch mit Flohmarkt, Fest im Dorotheenquartier und anderen Events lockt. Manche erhoffen sich ein bisschen Sonnenschutz davon und lassen beim Weiterbummeln gleich auf.
Die Fotobox im ITS-Stand ist ein angesagtes Beispiel für gelungene Digitalisierung. Dank Software und KI werden die Neugierigen wahlweise an den künftigen S21-Bahnsteigen, über der futuristischen Bahnsteighalle oder über den Lichtaugen des neuen Bahnhofs realitätsnah ins Bild montiert. Die Fotos lassen sich per Smartphone downloaden oder auch gleich zum Mitnehmen ausdrucken. So richtig real wird es noch eine ganze Weile dauern, bis der Besuch im neuen Stuttgarter Hauptbahnhof möglich sein wird.
Unterschriften für ein Bürgerbegehren sammeln
Nicht ganz so leicht erlebbar ist die Zukunft bei den an Bauzäune gehängten Schaubildern zum Digitalen Knoten ein paar Meter weiter. „Ich hatte meinen letzten Kunden vor zwei Stunden”, erzählt der ausgesprochen fachkundige Standbetreuer trotzdem gut gelaunt am frühen Nachmittag. „Das erfordert aber auch ein paar Vorkenntnisse”, sagt er lachend. Deswegen hat sein letztes Gespräch über das komplexe Thema auch fast eine Stunde gedauert. Über die noch nicht finanzierte dritte Ausbaustufe will er nicht sprechen. Das ist Sache der Politik.
Die ist nicht weit: Auch Hannes Rockenbauch, Fraktionsvorsitzender von Die Linke SÖS Plus im Stuttgarter Gemeinderat, ist zum „Tag der Schiene” auf den Schlossplatz gekommen. Er will bekanntlich lieber mehr als weniger Schienen in der Stadt und nutzt den Aktionstag, um Unterschriften für das Bürgerbegehren „Mehr Bahnhof - mehr Zukunft“ zu sammeln. Bis Mitte Oktober müssen 20.000 Unterschriften zusammen sein. Ziel ist, einen Teil der oberirdischen Gleise am Hauptbahnhof zu erhalten. Am Samstag war etwa die Hälfte davon geschafft.
Kaum jemand verlässt die Stände ohne ein Mitbringsel
Den kleinen Noah interessieren diese politischen Auseinandersetzungen noch lange nicht. Er hat lieber im Schatten am VVS-Stand aus Papierbögen eine S-Bahn und einen Omnibus zusammengefaltet und steuert sie nun entspannt auf dem Bauch liegend über den Spieleteppich mit Straßen und Gleisen. So gönnt er sich eine Pause im heißen Samstagsrummel und seine Mutter kann auch mal durchschnaufen. Bus und Bahn darf Noah natürlich mitnehmen.
So verlässt kaum jemand die Schienentag-Stände ohne Mitbringsel. Und zehn Abonnentinnen und Abonnenten unserer Zeitung hatten sogar besonders Glück und wurden am bwegt-Stand als Gewinner eines sechs Monate gültigen Deutschlandtickets ausgelost.