Bad Bunny beim Show Act des Super Bowls 2026 Foto: dpa/Mark J. Terrill

Bilanz einer TV-Nacht: Der US-Super-Bowl und das RTL-„Dschungelcamp“ können ganz schön politisch sein, meint unser Redakteur Tim Schleider.

Dreizehn Minuten sind wirklich knapp bemessen. Insbesondere dann, wenn diese dreizehn Minuten eigentlich nur die Halbzeitpause sind im Football-Super Bowl, das alljährliche mediale Sport-Top-Ereignis in den USA, verfolgt von Millionen Zuschauern in der ganzen Welt. Der Veranstalter NFL bietet in besagten dreizehn Minuten traditionell einen Pop-Showact. In diesem Jahr bekam der Sänger und Rapper Bad Bunny seine große Bühne.

Eine mitreißende Show

Und wie der 31-jährige Künstler aus Puerto Rico, der eigentlich Benito Antonio Martinez Ocasio heißt und aktuell einer der erfolgreichsten Stars weltweit ist, diese dreizehn Minuten nicht nur zu einer mitreißenden Show genutzt hat, sondern vor allem zu einem großen Appell für ein offenes, demokratisches, respektvolles, wieder sicheres, diverses Amerika, das wird in die Pop-Annalen eingehen: Make America Fair Again!

Zu sehen war das in Deutschland live bei RTL – jenem Sender, dessen Zuschauer einige Stunden zuvor den 43-jährigen Rocksänger Gil Ofarim zum Sieger des diesjährigen „Dschungelcamp“ gewählt hatten. Über den kulturellen Wert dieses alljährlichen Spektakels im australischen Busch wird seit Jahr und Tag erbittert gestritten. Diesmal sah sich der Sender aber besonderer Kritik ausgesetzt, weil er eben Gil Ofarim als Kandidaten eingeladen hatte, der nach eigenem Bekunden das Format mit seinen vielen Sendeminuten nutzen wollte, um sich in der Öffentlichkeit zu rehabilitieren.

Ofarim wollte sich im Camp rehabilitieren

Ofarim hatte im Herbst 2021 behauptet, in einem Leipziger Hotel als Jude schwer diskriminiert worden zu sein; eine Welle der Solidarität wurde ihm daraufhin zuteil. Zwei Jahre später machte ein Verfahren vor dem Landgericht Leipzig deutlich, dass Ofarim die Tat aus Ärger über nachlässigen Service aber nur erfunden hatte. Einer Verurteilung wegen Verleumdung entkam er, indem er diese Lüge bekannte, sich beim Opfer entschuldigte und Buß- und Schmerzensgelder in Aussicht stellte.

Damit war und ist eigentlich alles geklärt – denn auch Gil Ofarim hat natürlich ein Recht auf eine neue Chance. Die Tage im „Dschungelcamp“ nutzte der Künstler aber, um Zweifel am abgeschlossenen öffentlichen Verfahren zu nähren: Wichtige Videobeweise aus dem Hotel seien gefälscht worden, ein Gutachter habe gezielt falsch bewertet. Die „ganze Wahrheit“ dürfe er nicht sagen, sonst sähe er seine Kinder nie wieder. Kurzum: Der Sänger nährte Verschwörungstheorien – und der ausstrahlende Sender RTL übertrug dies alles ohne ernsthafte Kommentierung. Man kann das als Boulevard-Unrat abhaken. Aber im Kern ist es vor allem ein Schlag ins Gesicht all jener Jüdinnen und Juden in Deutschland, die sich ganz real im Alltag wachsenden Anfeindungen und Angriffen ausgesetzt sehen und zu oft von ihrer Umgebung und der Öffentlichkeit im Stich gelassen werden.

Donald Trump findet das alles „eine Schande“

Welch ein Kontrast wenige Stunden später im kalifornischen Santa Clara! Der Popstar Bad Bunny nutzt seine Chance, um in Erinnerung zu rufen, dass Amerika seit dem Eintreffen eines Schiffes namens Mayflower Ende 1620 nie etwas anderes war als eine Versammlung von Einwanderern – und dass der Herrgott bitte eben nicht nur Amerika segnen solle, sondern auch Brasilien, Peru, Mexiko, Kuba, Puerto Rico, Kanada und andere mehr. Der, dem diese Botschaft galt, der aber nie beim Namen genannt wurde, reagierte prompt in seinem Netz: „Ekelhaft“ sei diese Show gewesen, ließ Donald Trump auf „Truth Social“ wissen, „eine Schande“.

Zwei Beispiele medialer Popkultur aus einer Nacht. Und das Fazit? Mit Prognosen muss man vorsichtig sein. Diese sei gewagt: Die Größe von Benito Ocasio aus Puerto Rico wird Gil Ofarim so schnell nicht erreichen.