Erschüttert die Corona-Pandemie den Kunstmarkt? Bastienne Leuthe, Senior Director im internationalen Auktionsunternehmen Sotheby’s sieht Gegenkräfte der Kunst.
Stuttgart -
Erschüttert die Corona-Pandemie den Kunstmarkt? Bastienne Leuthe, Senior Director im internationalen Auktionsunternehmen Sotheby’s und Head Contemporary Art Germany, sieht Gegenkräfte der Kunst.
Frau Leuthe, Können Sie aktuell bereits absehen, wie stark die Corona-Pandemie den Kunstmarkt erschüttert hat?
Gerade in schwierigen Zeiten, wie wir sie in den letzten eineinhalb Jahren erlebt haben, ist eine Entwicklung schwer vorhersagbar. Im März letzten Jahres, mit der unerwarteten Ausbreitung der Pandemie, mussten wir schnell reagieren, und haben unsere Live-Sales in Onlineauktionen umgewandelt. Über das gesamte Jahr haben wir dann das digitale Angebot neu überdacht und fortlaufend ausgebaut, erneuert. Es konnte keiner vorhersagen, wie diese Entwicklung vom Markt angenommen wird. Es war sicherlich das Momentum, aber es braucht auch Mut, um Veränderungen voranzutreiben. Diese Transformation wurde von unseren Kunden weltweit begrüßt - mit mehr als 400 Onlineauktionen haben wir über 575 Millionen US-Dollar erzielt, die Ergebnisse der Hybridauktionen und Private sales sind nicht inbegriffen.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Was bleibt nach der Pandemie von der Kunst?
Was hat Sie am meisten überrascht?
Über 40 Prozent der Bieter und Käufer in den Onlineauktionen waren neu bei Sotheby’s und der Anteil der Käufer unter 40 hat sich verdoppelt. Das ist in jedem Fall ein Zeichen, dass sich der Kunstmarkt auf einem extrem guten Niveau befindet. Es gibt reichlich Nachfrage und sofern das Angebot stimmt, erreichen wir in unseren Auktionen hervorragende Ergebnisse. Diese Entwicklungen, und auch das beständige Engagement der deutschen Sammler in unseren Auktionen, hat uns dann darin bestärkt, die bereits gefasste Idee, Auktionen in Deutschland einzuführen, zügig umzusetzen.
Überwiegend digitale Auktionen
Und das Gewicht auf dem Online-Handel bleibt?
Allein im vergangenen Jahr fanden 70 Prozent unserer Auktionen online statt. Die Onlineformate haben eine globale Reichweite und erschließen ein zusätzliches Marktpotential. Dies hat sich bewährt. Daneben sind die klassischen Versteigerungen fester Bestandteil unseres Auktionsportfolios und finden weiterhin in New York, London, Hongkong oder Paris statt.
Was noch immer fehlt – die Kunstmessen. Kann das auf Dauer gut gehen?
Die Messen werden vermutlich immer wichtiger werden. Für Künstler sind sie eine Plattform, um ihre Sichtbarkeit und internationale Etablierung zu fördern. Für Sammler ein Plateau für Neuentdeckungen. Das klassische Galeriegeschäft verändert sich zunehmend. Ausstellungen werden für die Mail Outs aufgebaut und nicht mehr für die physischen Besucher.
Markteinstieg leicht gemacht
Gibt es über die Online-Auktionen vielleicht auch Kunstmarktfelder im niedrigeren und mittleren Preissegment, die an sich wieder relevanter werden, nun aber auch schlicht präsenter sein können?
Durch die Online-Auktionen erreichen Kunstmarktfelder in diesen Preissegmenten, für die es bisher auch schon eine gute Nachfrage gab, eine höhere Sichtbarkeit und ziehen dadurch ein breiteres und auch neues Publikum an. Ich spreche hier zum Bespiel von Design, Fotografie, Druckgrafiken. Zudem sind Online-Auktionen auf diesem Preisniveau für neue Käufer und Sammler eine wunderbare Möglichkeit, um mit dem Aufbau einer Sammlung zu beginnen. Diese Möglichkeit bietet sich auch schon im November in Köln in der kategorienübergreifenden „Now“ Auktion an, mit Werken von aufstrebenden jungen, innovativen Künstlern und auch renommierten nationalen und internationalen Künstlern aus den Bereichen Malerei, Zeichnung, Skulptur, Druckgrafik, Fotografie und Design. Die Schätzpreise sind so gewählt, dass junge, neue und etablierte Sammler fündig werden können.
Die Schlussfrage zum ewigen Ärgernis 19 Prozent Mehrwertsteuer. Es ist überraschend still um das Thema. Würden Ihnen die lange angestrebten sieben Prozent denn nicht gerade jetzt helfen?
Der Experte zur Beantwortung dieser Frage wäre der Bundesminister für Finanzen. Vielleicht hat er eine Antwort darauf. Eine niedrige Mehrwertsteuer wäre sicherlich für den Kunstmarkt hilfreich.
Bastienne Leuthe
Werdegang
Nach dem Abschluss ihres Studiums der Kunstwissenschaften und Betriebswirtschaftslehre an den Universitäten in Lüneburg, Hamburg und Pavia (Italien), begann Bastienne Leuthes Karriere bei Sotheby’s im Februar 2005 als Graduate Trainee in der Abteilung Zeitgenössische Kunst in Paris. 2008 betreute sie den Verkauf der Sammlung Lauffs in London sowie in New York. Zu einem der Meilensteine ihrer beruflichen Laufbahn zählt die Auktion der Lenz-Schönberg Sammlung in London im Februar 2010, welche insgesamt 36,4 Millionen US-Dollar erzielt hat. Bastienne Leuthe ist bei Sotheby’s Senior Director und Senior Expert für zeitgenössische Kunst und Head Contemporary Art Germany. Seit 2020 ist Bastienne Leuthe im Beirat des sich im Bau befindenden Museum Reinhard Ernst in Wiesbaden und seit 2021 im Kuratorium der Freunde der Staatsgalerie in Stuttgart.