Schriftsteller Thomas Hettche begeisterte rund 120 Zuhörerinnen und Zuhörer.
Eine besondere literarische Begegnung erlebten am 22.11.25 rund 120 Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte der GDS2: Der renommierte Schriftsteller Thomas Hettche war zu Gast und las aus seinem Roman Die Liebe der Väter, der im Berufskolleg als Abschlusslektüre dient. Im Anschluss stellte er sich den zahlreichen Fragen der Jugendlichen – und zeigte sich dabei ebenso offen wie beeindruckend nahbar.
Schon zu Beginn bot Hettche einen ungewöhnlichen Einstieg in sein Werk. Ein Roman, so erklärte er, gleiche einem Haus mit vielen Räumen, Wegen und Möbeln. Man betrete dieses Haus durch die Haustür – also durch seinen Anfang. Genau diesen las er vor, bevor er mit großer Ruhe und Aufmerksamkeit in das Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern überging.
Einblick in das Leben und Schaffen des Autors
Hettche wurde in Treis am Vogelsberg geboren, in einer Familie, die seit Generationen als Landwirte und Handwerker in der Region verwurzelt ist. In früheren Interviews hat er seinen Hintergrund einmal als „bildungsfern“ bezeichnet. Eine Einschätzung, der das Kollegium der Berufskollegs an diesem Tag ausdrücklich widersprach: Handwerkliche Tradition bedeute Wissen, Fertigkeit, Erfahrung – berufliche Bildung im besten Sinne. So gesehen, war sich das Publikum einig, ist Hettches Herkunft alles andere als bildungsfern.
Nach dem Abitur studierte er in den 1980er-Jahren Germanistik, Philosophie und Filmwissenschaft an der Universität Frankfurt und promovierte dort 1999 über Venedig. Verschiedene Stipendien führten ihn unter anderem nach Rom, Krakau, Los Angeles und Sylt. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Berlin und ist Vater zweier Töchter – eine davon widmete er dem Roman, aus dem er in Sindelfingen las.
Ein Roman über Vaterschaft – und über die Zeit
Die Liebe der Väter ist Hettches fünfter Roman. Die Kritik lobte seine stilistische Präzision, diskutierte aber auch seine gesellschaftspolitische Dimension. Ob der Text als Plädoyer für ein stärkeres Sorgerecht von Vätern gelesen werden könne, wurde vielfach debattiert. Für viele Anwesende an diesem Tag stand jedoch ein anderer Gedanke im Vordergrund: Die Frage, wie sich die Liebe eines Vaters zu seinem Kind formt und verändert – und wie zerbrechlich diese Bindung sein kann, wenn Beziehungen scheitern.
Besonders eindrücklich schilderte die Moderation eine Szene aus dem Roman, in der sich der Erzähler an ein Erlebnis mit seinem eigenen Vater erinnert: Der Besuch der astronomischen Uhr im Münsteraner Dom – ein Moment über Zeit, Vergänglichkeit und den Wert des heutigen Tages.
Lebendige Diskussion und literarischer Höhepunkt
Nach der Lesung entwickelte sich ein lebendiges Gespräch zwischen dem Autor und den Schülerinnen und Schülern. Hettche begegnete den Fragen mit Ernsthaftigkeit, Humor und einer großen Bereitschaft, Einblicke in seine Arbeit zu geben. Dass ein Schriftsteller dieser Größenordnung den Weg an eine berufliche Schule findet, wurde von vielen Teilnehmenden als besondere Wertschätzung empfunden.
Mit Blick auf Hettches beachtliches Werk – darunter drei weitere Romane seit 2010, zahlreiche Essaybände, Nominierungen für den Deutschen Buchpreis in mehreren Jahren und jüngst die renommierte Tübinger Poetikdozentur – war die Lesung in Sindelfingen zweifellos ein kultureller Höhepunkt im laufenden Schuljahr.
Zum Abschluss dankte die Schule dem Autor herzlich für seinen Besuch. „Ich freue mich sehr, dass dies der heutige Tag ist – haec est dies hodierna – an dem Thomas Hettche für uns da ist“, hieß es in den einleitenden Worten von Axel Rittsteiger, Fachschaftsvorsitzender des Faches Deutsch. Der Applaus im Saal zeigte deutlich: Die Freude war ganz aufseiten des Publikums.
Ein inspirierender Vormittag, der noch lange in Erinnerung bleiben wird.
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