Der dreimalige Weltmeister gewinnt bei den Olympischen Spielen die ersehnte Medaille und erfüllt sich damit nach fünf harten Jahren in seinem letzten internationalen Kampf einen Traum.
Tokio - Die ersten Jubelschreie sind verhallt, die ersten Tränen getrocknet, die ersten Umarmungen vorbei, als Frank Stäbler noch einmal auf die Matte zurückkehrt. In den Fokus der Kameras zwar, aber doch ganz allein. Nur er, es ist sein Moment. Alle schauen gebannt hin, keiner weiß, was passieren wird. Er setzt sich auf den Boden, öffnet die Schnürsenkel, zieht seine Schuhe aus. Einmal noch hebt er die schwarzen Treter in die Höhe, ehe er sie auf den Boden stellt. Mitten hinein ins olympische Logo, das die Wettkampffläche ziert. Stäbler kniet hin, nimmt Abschied von der großen Bühne. Dann tritt er aus dem Licht der Scheinwerfer. Zurück bleiben seine Schuhe. Der Weg ist zu Ende.
Jetzt ist Frank Stäbler mit sich im Reinen
Manchmal dauert es länger als eine Stunde, ehe erfolgreiche Athleten bei Olympischen Spielen in der Mixed Zone auftauchen und den Medien Rede und Antwort stehen. Bei Frank Stäbler (32) vergehen keine fünf Minuten. Was sicher auch daran liegt, dass er eine Botschaft hat. Mit nacktem Oberkörper steht er vor den TV-Kameras und Handy-Mikrofonen, die Worte sprudeln nur so aus ihm heraus. „Meine Karriere war wie ein Dreieck“, sagt er, „heute habe ich die absolute Spitze erreicht. Diese Bronzemedaille fühlt sich an, als wäre sie aus Gold.“
Später, bei der Siegerehrung, hat sich dieser Eindruck bestätigt. Fast ungläubig starrt Stäbler auf die Plakette, streicht immer wieder mit den Fingern darüber, berührt sie mit den Lippen. Voller Stolz steht er auf dem Podest. Er ist mit sich im Reinen. Und endlich auch mit den Olympischen Spielen.
Nach zwei gescheiterten Anläufen geht für Stäbler ein Traum in Erfüllung
2012 in London hat er den Kampf um Bronze knapp verloren, 2016 in Rio stoppte den Favoriten eine Fußverletzung. „Damals habe ich mir in den Katakomben geschworen, dass ich mir diese Medaille noch hole“, sagt der dreimalige Weltmeister, „ich habe immer daran geglaubt. Und jetzt wird dieser Traum wahr.“ Dabei drohte mehrfach ein böses Erwachen.
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Es gab einen bizarren Streit mit seinem Heimatverein in Musberg, seither trainiert Stäbler in einem umgebauten Hühnerstall. Im November erkrankte er schwer an Corona, seit Langem plagt ihn seine lädierte Schulter. Und das olympische Reglement sowieso. Bei Sommerspielen gibt es seine Gewichtsklasse (bis 72 Kilogramm) nicht, Stäbler kämpfte in Tokio in der Konkurrenz bis 67 Kilogramm. Was eine unglaubliche Tortur war – und kaum zu verkraften.
Die bittere Niederlage im Viertelfinale
Im olympischen Viertelfinale am Dienstag gegen Mohammadreza Geraei lag Stäbler 5:0 in Führung – und voll auf Goldkurs. Dann verlor er mehr und mehr an Substanz, kämpfte nur noch im Unterbewusstsein, kassierte zudem einen umstrittenen Punktabzug. Letztlich verlor er den Kampf, der 5:5 ausging, weil der Iraner die letzte Wertung verbucht hatte. Geraei wurde schließlich Olympiasieger, und Stäbler meinte: „Nicht immer steht am Ende der Beste ganz oben.“
Durch den Finaleinzug des Iraners hatte Stäbler aber immerhin die Chance, sich über die Hoffnungsrunde doch noch Bronze zu holen. 1,2 Kilogramm brachte er nach dem Kampf gegen Geraei zu viel auf die Waage. Also zog er unmittelbar danach seine Schwitzklamotten an (drei Pullis, Jacke, Mütze), joggte 20 Minuten, ging 45 Minuten auf den Ergometer und dann raus in die Hitze. Ein Kilogramm presste er so aus seinem ausgemergelten Körper, anschließend verbrachte er zwölf Stunden im Bett, ohne richtig schlafen zu können. Am Mittwochmorgen bezwang er den Kolumbianer Julian Stiven Horta Acevedo, am Abend im Duell um Bronze den Georgier Ramaz Zoidze nach einer letzten Energieleistung 5:4. „Vor diesem Kampf kam ich drei Stunden nicht von der Toilette runter, weil mein Körper rebellierte, nachdem ich die Akkus aufgeladen hatte“, sagt Stäbler, der froh ist, künftig nie wieder Gewicht machen zu müssen: „Das ist unmenschlich, ein komplett geisteskrankes System. Mich hat nur der Gedanke am Leben gehalten, dass es das allerletzte Mal ist. Ich habe meinem Körper versprochen, wenn er mich bis zur olympischen Medaille trägt, werde ich ihm das den Rest meines Lebens nicht mehr vergessen.“
Fünf Tage lang gab es nur Fleischbrühe
Künftig wird sich Stäbler mehr gönnen dürfen als das, was er in Tokio zu sich genommen hat. Fünf Tage lang gab es Fleischbrühe, die seine Mutter vorgekocht und die er an den schnuppernden Hunden am Zoll vorbei nach Japan geschmuggelt hatte. Dazu ein paar Nudeln, mehr nicht. „Ich habe für diese Medaille alles mobilisiert, das war die absolut letzte Rille“, sagt Stäbler, „das Gefühl, das ich in dem Moment hatte, als es geschafft war, wird mich für immer erfüllen.“
Eine letzte Bundesliga-Saison plant Stäbler noch bei den Red Devils Heilbronn, abttrainieren mit drei, vier Einheiten pro Woche. Und Spaß haben. Den dürfte es auch schon nach der Rückkehr aus Japan am Freitag geben. „Dann“, sagt Stäbler, „wird gefeiert, gefeiert, gefeiert.“ Die Schuhe, die in Tokio zurückgeblieben sind, stehen auch dafür, dass dieser Ringer nicht nur sportlich große Fußstapfen hinterlässt.