Ganz schön fröhlich für eine Leichenbeschau: Public Viewing à la Deutschland auf dem StuttgarterSchlossplatz. Foto: /Pressefoto Rudel/H. Rudel

Die deutsche Sprache steckt voller Möglichkeiten – und manchmal auch Unmöglichkeiten, wenn wir englische Wörter verwenden, die es so gar nicht gibt. (Ein Beitrag aus den „Bonbons“, der wöchentlichen Humorkolumne dieser Zeitung)

Die deutsche Sprache steckt voll unbegrenzter Möglichkeiten. Wer beim Scrabble die Grenzen des Spielbretts austesten will, legt einen Begriff wie „Mittelfristenergieversorgungssicherungsmaßnahmenverordnung“. Im Deutschen gibt es auch Worte, die andere Sprachen gar nicht kennen: „Schadenfreude“ ist dem Engländer zum Beispiel völlig fremd. Wobei man sich dann doch fragt, wie genau englische Fans die Reaktion nennen würden, die sie bei der EM 2021 in Wembley gezeigt haben, als sie beim 2:0-Sieg der „Three Lions“ hämisch über ein kleines weinendes Mädchen im Deutschland-Fan-Outfit gelacht haben.

Aber gut, man ist ja nicht nachtragend. „Wischdig is auf’m Platz“, wie der ball- und wortgewandte Fußballphilosoph Lukas Podolski einst so trotzig-treffend formulierte. Die Deutsche Elf nimmt sich diese Weisheit bei ihrer Heim-EM offenbar zu Herzen, wie der vorzeitige Einzug ins Achtelfinale zeigt.

Auch sonst gibt es viele Beispiele für das unschlagbare Kreativspiel der deutschen Sprache. Bestes Beispiel dafür ist der Begriff Public Viewing. Das ist – ähnlich wie Handy oder Hometrainer – nämlich ein so genannter Scheinanglizismus. Soll heißen: Im Englischen gibt es diese Begriffe so gar nicht. Ein Handy heißt dort mobile (phone) und zum sportlichen Schwitzen steigt man auf eine treadmill oder ein exercise bike.

Was genau wird angeschaut?

Im Falle des rund um die WM 2006 aufgekommenen Begriffs Public Viewing ist die abweichende Übersetzung geradezu makaber: Im Englischen ist damit nämlich die Aufbahrung einer Leiche im offenen Sarg gemeint. Sollte ein Ami, Aussie oder Brite uns also einmal zu einem Public Viewing einladen, sollten wir auf Deutschlandtrikot und schwarz-rot-goldende Gesichtsbemalung wohl besser verzichten.

Korrekt müsste es übrigens Public Screening oder – laut Duden – auch Rudelgucken heißen. Allerdings hat sich der falsche Anglizismus für den kollektiven Kick-Blick längst etabliert. Und mal ganz ehrlich: Wenn wir so an einige zurückliegende Testspiele und das vorzeitige Ausscheiden bei den letzten Turnieren denken, war der Begriff „öffentliche Leichenbeschau“ doch ganz passend. Aber wie heißt es so schön? Totgesagte leben länger. In diesem Sinne: Much Luck and hold the ears stiff, liebes Nationalteam!