In seiner Ursprungsidee ist der Muttertag feministisch, heute dominiert eher der Kommerz. In Zeiten von mehr Gleichberechtigung und Diversität erscheint die Tradition fragwürdiger denn je. Braucht man den Muttertag überhaupt? Eine Thema, zwei Meinungen.
Sonntag, 14. Mai – da war doch was? Ach ja, Muttertag! In den Schulen und Kitas wurden längst beflissen Dinge gebastelt, die das Mutterherz erfreuen sollen. (Tatsächlich aber alsbald in irgendwelchen Schubladen verschwunden sein werden.) Blumenläden machen guten Umsatz mit dem plötzlich erwachten Gewissen der besseren Hälfte. Und am Ende des Muttertages haben alle ein gutes Gefühl. Aber: Ist das wirklich so?
Wie ernst nehmen wir den Muttertag noch? Ist er überhaupt noch zeitgemäß in Zeiten von vielfältigen Familienmodellen? Zwei Redakteurinnen – und Mütter – diskutieren das Für und Wider. Nach dem Motto: Brauchen wir das oder kann das weg?
Pro: Dieser Tag könnte der erste sein
Die Argumente gegen den Muttertag: Wer nur einmal im Jahr die Jobs der Mütter würdigt, könne es auch gleich lassen – und außerdem: Schon wieder ein konsumgetriebener Gedenktag aus den USA. Stimmt.
Aber: Wenigstens einmal im Jahr fällt das Schlaglicht auf die Mütter. Einmal im Jahr basteln Schulkinder für ihre Mamas, tuscheln mit Vätern und hecken etwas aus, um ihre Mama zu überraschen und ihr eine Freude zu machen. Sie machen sich bestenfalls Gedanken; da steckt das Wort „danke“ drin, auch wenn das etymologisch natürlich Unsinn ist.
Nicht erst, aber vor allem seit der Corona-Pandemie ist noch einmal augenfällig geworden, was Mütter daheim und für die Familie leisten. Die Krise war wie ein Brennglas: Homeoffice (bei Weitem nicht allen arbeitenden Müttern möglich) und Homeschooling sind zwei Vollzeitjobs. Die kamen zum normalen Wahnsinn dazu: Homecooking, Homeputzing, Homewashing – die Basisqualifikationen für den Mutterjob. Der Applaus verhallte ähnlich schnell wie bei Pflegekräften (auch meist Frauen) und Serviceleuten an der Supermarktkasse (und wieder geht der erste Platz an: die Frauen).
Es mag etwas trösten, dass eine Studie jüngst nachgewiesen hat: Männer können nichts dafür, dass sie das dreckige Geschirr auf der Spüle zwar sehen – es sie aber nicht stört. Das ist die sogenannte Affordanztherorie, jüngst im Fachjournal „Philosophy and Phenomenological Research“ notiert. Affordanz beschreibt ein implizites Angebot zur Handlung, das einem Gegenstand oder einer Situation innewohnt. Also volles Spülbecken bedeutet: Jetzt spülen. Männer blenden Unordnung allerdings aus. Aber – das wurde auch belegt: Diese spontane Hausarbeitserblindung können Männer durch bewusstes Hinsehen verändern. Es bedarf Anstrengung und Willenskraft – beides sehr männliche Attribute, oder?
Und noch was: In diesen Zeilen tauchen häufiger die Wörter Familie oder Männer auf – aus Jungs werden ja die Väter der Zukunft. Und Mädchen? Siehe Mittelteil des Textes. Darum: Ein Tag kann helfen, das Bewusstsein zu schärfen. Einmal im Jahr kann das erste Mal sein.
Contra: Plädoyer für Mitverantwortung
Muttertag ruft Erinnerungen wach – daran, wie man als Kind den Wecker stellte und auch tatsächlich frühmorgens aufstand, um vor der Mama im Esszimmer sein und den Tisch decken zu können. Daran, selbst bestickte Stofffetzen mit krummen Garnherzen auf Mamas Brettchen zu drapieren.
Mein erster Muttertag als Mutter war im vergangenen Jahr. Viel erwartet habe ich nicht – mit acht Monaten muss ein Kind noch nichts basteln oder den Tisch decken. Doch muss es das, wenn es größer ist?
Man kann jetzt argumentieren, dass dieser ein Tag im Jahr das Augenmerk darauf lenken soll, was Mütter an den restlichen 364 Tagen im Jahr leisten – auch und vor allem ungesehen. Stichwort „Mental Load“. All die Termine für U-Untersuchungen, Krabbeldates, Familientreffs in der Kita, Geburtstage – das muss irgendwie Platz finden neben der Einkaufsliste, dem Haushalt und, nicht zu vergessen, den Dingen, die sich frau für die Arbeit noch merken muss.
Aber ist es die Aufgabe des Kindes, sich bei der Mutter dafür zu bedanken? Von einem Kind kann man noch nicht erwarten, dass es weiß, wann neue Milch gekauft werden muss, wann Emil aus der Kita Geburtstag hat, oder was zum Kinderarzttermin mitgebracht werden muss.
Wer aber sehr wohl derartige Sachen im Kopf haben kann – und sollte –, ist der/die Partner/in, im Fall dieser Autorin ein Mann. Der gleichberechtigte, gleichverantwortliche zweite Elternteil, der nicht die Ausrede der Unmündigkeit hat. Der aber dennoch immer wieder Erinnerungen braucht, um daran zu denken, seinen nächsten Zahnarzttermin auszumachen, oder Familienmitgliedern zum Geburtstag zu gratulieren. Einkaufen und Kochen tut er, aber ein bisschen was von der „Mental Load“ zu teilen, das wäre schön.
Ist es nicht also eher die Aufgabe derer, die die Frau zur Mutter gemacht haben, sich erkenntlich zu zeigen? Wobei dann freilich ein anderer Name her müsste. Partnertag vielleicht?
Und ja, den sollte es sehr wohl zusätzlich zum Valentinstag geben.