Brillierte: Evgenia Rubinova Foto: Gaetano Di Rosa

Evgenia Rubinova demonstrierte Wucht und Virtuosität. Besonders der selten gespielte Totentanz von Franz Liszt begeisterte das Publikum.

Fast sah es beim Pianisten-Festival in Württembergsaal der Kongresshalle aus wie immer: viele Plätze waren besetzt und das Publikum zeigte sich erwartungsfroh. Der Kulturamtsleiter Peter Conzelmann und der Festivalleiter Ulrich Köppen zeigten sich bei der Begrüßung erfreut, dass das Festival seit 25 Jahren besteht – auch dank des treuen Publikums.

Selten gespielte Kompositionen

Pianistin Rubinova triumphierte

Mit Evgenia Rubinova gastierte eine pianistisch äußerst versierte Künstlerin, die nicht zum ersten Mal in Böblingen begeisterte. Ihr Kommen war sicher auch ein Grund dafür, dass der Saal mit rund 250 Zuhörern recht gut gefüllt war. Inklusive der beiden Zugaben von Peter Tschaikowsky präsentierte die gebürtige Usbekin, die Klavierdozentin am renommierten Leopold-Mozart-Institut ist, sieben Werke, mit denen sie ein triumphales Konzert gestaltete. Die Komponisten sind – bis auf einen – populär: Mozart, Liszt und Bach. Aber die Werkauswahl entsprach dem besonderen Profil des Festivals, auch seltener gespielten Kompositionen im Programm zu haben. Einzig Henri Dutilleuxs „Choral et variations“ stellte eine kostbare Rarität dar. Mozarts Suite KV 399 und Bachs Ouvertüre nach französischer Art BWV 831 boten der Pianistin ein Tableau, barocke Rhythmen und feingliedrige Verzierungen mit großer Leuchtkraft darzustellen. Vor allem Bachs anspruchsvolle Komposition strahlte vor sonorem Selbstbewusstsein. Hier wäre es angebracht gewesen, hätte die Pianistin die Lautstärke gelegentlich stärker zurückgenommen. Herzergreifend in der Klavierbearbeitung dann Mozarts „Lacrimosa“ aus dem berühmten Requiem; es entsprach dem Motto des diesjährigen Festivals, in dem Werke aus der Orgel-, der Opern- und Orchesterliteratur in Klavierbearbeitungen erklingen, was im 19. Jahrhundert gang und gäbe war – dann meist als Live-Improvisation.

„Heavy metal“ der Romatik

„Heavy metal“ der Romantik

Mit der Drohung des Jüngsten Gerichts hat die Kirche über Jahrhunderte ihre Schäflein zur Gehorsamkeit getrieben. Der Totentanz von Franz Liszt über den Schreckens-Choral „Dies irae, dies illa“ ist im Original für Klavier und Orchester, er wurde an diesem Abend in der Bearbeitung des Komponisten für Solo-Klavier präsentiert. Ein Stück, das man getrost als Heavy metal der Romantik bezeichnen könnte. Klangliche Wallungen, schwarze Klangfarben und krachende Klavierakkorde beschreiben, was Franz Liszt auf dem Gemälde im Campo Santo in Pisa gesehen hatte. Selbst die scheinbar unbegrenzten technischen Möglichkeiten der Pianistin waren gefordert. Sie bewältigte die Ansprüche, vor denen selbst der Komponist Respekt hatte, souverän, und realisierte mit dem voluminösen Sauterflügel ein schauriges Klanggemälde. Die Zuhörer können sich glücklich schätzen, diese Aufführung erlebt zu haben, denn wegen seiner martialischen Anforderungen wird es selten gespielt. Begeisterter Beifall - auch für Dutilleuxs Werk, das geschickt expressive und jazzige Elemente attraktiv zu einem Feuerwerk verschmilzt. Zugaben aus Tschaikowskys op.72: Einladung zum Tanz und Méditation. Rubinova bewies erneut, dass große Klangentfaltung weniger mit Kraft, sondern mit Technik zu tun hat, wie sie an ihrem Ausbildungsort gelehrt wird: am Tschaikowsky-Konservatorium in Moskau. Das nächste Konzert gestaltet Jonas Aumiller, zurück von der Juillard School of Music New York. Nach dem Böblinger Auftritt fliegt er zum berühmten Artur-Rubinstein-Wettbewerb in Israel.