Viele Paare wünschten sich nach einer Trennung zu schnell wieder eine heile Familie, sagt die Pädagogin Barbara Wittel. Foto: Privat

Eine fremde Wohnung, eine andere Umgebung: Damit der Übergang zu einer Partnerschaft auch für die Kinder funktioniert, gilt es einiges zu beachten.

Für die meisten Paare ist die erste gemeinsame Wohnung eine schöne und aufregende Angelegenheit, in der man sich dennoch neu orientieren muss. Hat einer der Partner ein Kind aus einer früheren Beziehung, kann das weitere Herausforderungen für das Zusammenleben mit sich bringen.

Als Bettina sich nach zwölf Jahren vom Vater ihrer Tochter Lisa trennte, war das Mädchen drei Jahre alt. „Etwas über ein Jahr danach habe ich meinen jetzigen Mann Markus kennengelernt, der keinen Nachwuchs hatte“, erzählt die Ladenburgerin. Nach einer dreimonatigen Kennenlernphase als Paar lernte Lisa den neuen Mann bei einem Ausflug nach Heidelberg kennen. Auch danach gab es lange Treffen auf neutralem Boden. Bettina sei es wichtig gewesen, niemanden zu überfallen.

Kinder nicht überfordern

„Viele Paare wünschen sich zu schnell wieder eine heile Familie“, so Diplom-Pädagogin Barbara Wittel, die auch die Stuttgarter Beratungsstelle von Pro Familia leitet. Doch das zu überstürzen bringe gar nichts. „Wenn man das nicht wachsen und sich entwickeln lässt, sondern zu schnell an Erwartungen knüpft, nimmt man gar nicht mehr wahr, wenn das Kind keine Lust hat, alles toll zu finden. Und deshalb vielleicht rüde reagiert.“

Hier solle man Verständnis für das Kind zeigen und es fragen, was ihm den Übergang vom Leben zu zweit zu einem Leben mit dem neuen Partner erleichtert. Man könnte laut Wittel zum Beispiel fragen: „Was brauchst du, damit es dir gut geht?“ So würden sich die Kinder gesehen fühlen und merken, dass sie nicht nur funktionieren müssen. Denn zu große Anpassung könne für das spätere Leben problematisch sein. „Wenn man ein Kind zu einem selbstbewussten Menschen mit Ecken und Kanten erziehen möchte, dann darf ein Kind auch sagen, was es möchte, ohne dass es die ganze Familie oder die Beziehung zum Elternteil dominiert.“ Aber natürlich, gibt Wittel zu bedenken, sei das eine Gratwanderung.

Aktivitäten zu dritt können helfen

Aktivitäten zu dritt können dazu beitragen, dass man enger zusammenwächst. Das müsse nicht ständig ein Tag im Freizeitpark sein, sondern auch entspannte Situationen, in denen man in Ruhe beieinander sein kann und sich nicht nur zwischen Tür und Angel begegnet. Die Diplom-Psychologin Sara Dürr rät, etwa gemeinsam zu kochen oder einen Spieleabend zu veranstalten. Wittel spricht sich zudem für eine offene Kommunikation aus, die es allen Beteiligten ermöglicht, Dinge, die einen stören, anzusprechen. „Außerdem sollte man im Vorfeld klären, ob der neue Partner sich an der Erziehung beteiligen soll.“ – oder ob eine unterstützende Rolle besser passt.

Wann sollen die Umzugskisten gepackt werden? Foto: AdobeStock/Dasha Petrenko

Der richtige Zeitpunkt für den Umzug hänge, so Wittel, nicht zuletzt vom Alter des Kindes ab. Mit einem Kleinkind von zwei Jahren könne man den Umzug etwas schneller wagen, da die Annäherung eine andere ist, als das bei Nachwuchs in der Pubertät der Fall ist. Da müsse man das Kind mehr einbeziehen. Ein wichtiger Faktor sei auch, wie lange die Trennung vom anderen Elternteil zurückliegt, gibt Sara Dürr zu bedenken. Damit man sowohl selbst als auch das Kind genug Zeit hat, das Ganze zu verarbeiten. Die Düsseldorferin nennt als Faustregel etwa ein Jahr, um nicht zuletzt auch dem Kind gegenüber taktvoll zu sein. „So bekommt es nicht das Gefühl, es selbst oder der andere Elternteil sei austauschbar.“

„Kinder brauchen Ehrlichkeit“

Das Zusammenleben als Patchwork-Familie sollte man dem Kind als etwas Natürliches erklären, sagt Dürr. „Man darf ruhig sagen: Das Leben verändert sich jetzt, weil ich gerne einen neuen Partner an meiner Seite habe.“ Eröffnen solle man es dem Nachwuchs bei einem Gespräch unter vier Augen in einem ruhigen Moment. „Kinder brauchen Ehrlichkeit, dann wissen sie, was auf sie zukommt, und es ist für sie berechenbar.“

Falls möglich, sei es einfacher, wenn alle Beteiligten in eine neue gemeinsame Wohnung ziehen, sagt Wittel. „Für alle ist es neu, da gibt es niemanden, der schon ältere Rechte hat, wenn jemand dazu zieht.“ So können sich alle bei der Einrichtung des gemeinsamen Nests einbringen, ohne dass ein Machtgefälle entsteht. Das Kind dürfe etwa Wünsche einbringen, wie das eigene Zimmer aussehen soll. Auch in Bezug auf Gewohnheiten müsse man sich aufeinander einspielen.

Auch Kinder wollen Privatsphäre

In Bettinas Fall gab Tochter Lisa ein Jahr später den Anstoß für die gemeinsame Wohnung: Sie zogen zu Markus, da er die größere Wohnung hat. Dabei achtete die Mutter darauf, dass es nicht zu viele Veränderungen gab. „Lisa ist weiterhin in ihren bisherigen Kindergarten gegangen und hat erst mit der Grundschule den Stadtteil gewechselt.“

Ein wichtiger Punkt im „neuen Leben“ sei, laut Sara Dürr, auch das nötige Feingefühl an den Tag zu legen, dem Kind seine Intimsphäre zu lassen und Körpergrenzen nicht zu überschreiten. Das bedeutet nicht nur, dass man nicht einfach ins Bad oder Kinderzimmer reinplatzt. „Es wird angeklopft, und das Kinderzimmer darf nur betreten werden, wenn das Kind es auch möchte,“ sagt die Psychologin. „Manche intime Situationen will man auch nur mit der Mutter erleben, etwa zu Bett gebracht werden oder Kleider anprobieren.“ Der Partner solle sich nicht aufdrängen oder distanzlos verhalten, sondern ein Gespür dafür entwickeln, was dem Kind unangenehm sein könnte.

Informationen ja, Mitbestimmung nein

Für Kinder ist es wichtig, dass sie und ihre Gefühle ernst genommen werden und man sich ihnen gegenüber rücksichtsvoll verhält. Sie dürfen manche Dinge am neuen Partner auch unsympathisch finden und das thematisieren. „Darüber kann man ja sprechen“, erklärt Dürr. Und es hilft, dem Kind zu signalisieren, dass die eigenen Grenzen auch in Zukunft gewahrt werden. Das Kind um Erlaubnis zu bitten, dass man zusammenziehen darf, müsse man dagegen nicht. „Als Elternteil hat man das Recht auf seine eigenen Entscheidungen“, sagt sie. Dennoch sollte man dem Kind es rechtzeitig ankündigen und mit ihm besprechen.

Die wirklich wichtigen Voraussetzungen unterscheiden sich ja kaum von denen anderer Familien: einander ernst zu nehmen und zu respektieren. Auch die Paarbeziehung solle, so Wittel, nicht aus dem Fokus geraten. Kinder, die sich sicher und geliebt fühlen, können verstehen, wenn die Mutter mit dem Partner Zeit allein verbringen möchte. Wichtig sei, dass Kinder wissen, dass sie trotzdem jederzeit zu ihrer Mutter kommen können, wenn sie sich nicht gut fühlen, sagt Wittel.

Einen Versuch ist es wert

Man könne sich vorher nie sicher sein, ob das Kind mit dem neuen Partner oder der neuen Partnerin zurechtkommt, sagt Psychologin Sara Dürr. Sie empfiehlt, sich trotzdem darauf einzulassen, statt nur deshalb darauf zu verzichten, nur weil es auch schiefgehen könnte. Auch der neue Lebensgefährte könne zum Gelingen beitragen, indem er oder sie sich darum bemüht, mit dem Kind eine gute Beziehung aufzubauen, sag Dürr.

„Sie können das Gespräch suchen, mit dem Kind auf Veranstaltungen gehen, die ihm wichtig sind und einfach Interesse zeigen. Wenn der neue Partner grundsätzlich aufgeschlossen und freundlich ist, dann gibt es eigentlich keinen Grund, warum das Zusammenleben nicht klappen soll.“

In Bettinas neuer Patchwork-Familie läuft es derweil richtig gut. Markus ist Lisas Bonus-Papa geworden, und er liebt die 13-Jährige wie sein eigenes Kind, würde sich aber nie zwischen Bettina und Lisa drängen. Bettina lächelt. „Markus ist nur ganz traurig, dass er Lisa nicht schon als Baby kennengelernt hat.“