Kein Bundesland stellt im Team D mehr Athletinnen und Athleten als Baden-Württemberg. Das freut OSP-Leiter Tim Lamsfuß – über die Zahl möglicher Medaillen will er aber nicht spekulieren: Ihm kommt es auf Ergebnisse und Erlebnisse an.
Tim Lamsfuß (45) ist keine ganz unwichtige Person im deutschen Sport, doch allzu wichtig nimmt er selbst sich nicht. Bei den Sommerspielen in Paris wird der Leiter des Olympiastützpunktes Stuttgart zwar am ersten Wochenende vor Ort sein, allerdings nicht als Angehöriger einer Delegation, als Vip-Gast oder auf Einladung eines Sponsors. Sondern als Privatmann, mit seiner Frau und den drei Kindern. Geschlafen wird im Wohnmobil, für drei Sportereignisse hat er Karten der günstigsten Kategorie gekauft. Bei Olympischen Spielen, dieses Motto lebt Tim Lamsfuß, sollen nicht die Funktionäre im Vordergrund stehen, es muss allein um die Athletinnen und Athleten gehen. Er selbst? Wird, gemeinsam mit seinem Team im Neckarpark, erst nach den Spielen wieder gefragt sein. Wenn der nächste Olympia-Zyklus beginnt.
Doch bis dahin ist noch ein bisschen Zeit – jetzt geht es erst einmal um die Ergebnisse und Erlebnisse in Paris. Knapp 50 Athletinnen und Athleten, für die der Olympiastützpunkt Stuttgart organisatorisch zuständig ist, haben sich qualifiziert. Vor drei Jahren in Tokio sind es nur etwas mehr als 30 gewesen. Die signifikante Steigerung liegt zum einen daran, dass diesmal mehr Teams dabei sind (zum Beispiel die Handballerinnen oder die Sportgymnastik-Gruppe). Es hat aber auch mit einem veränderten Konzept zu tun. „2019 haben wir unsere Betreuung neu ausgerichtet, die Elite-Athleten werden seither noch individueller und maßgeschneiderter gefördert“, sagt Tim Lamsfuß, der seit fünf Jahren im Amt ist, „wir scheinen einiges richtig gemacht zu haben.“
Pro sieben Starter eine Medaille?
Athletik, Trainingssteuerung, Diagnostik, Sportmedizin, Physiotherapie, Rehabilitation, Psychologie, Ernährung – der Olympiastützpunkt versteht sich als Serviceeinrichtung für Bundeskader-Athleten, er fördert aber auch die Nachwuchssportler, die mutmaßlich Potenzial für die Zukunft haben. „Wir geben niemandem vor, was er oder sie wann wo zu machen hat“, sagt Tim Lamsfuß, „unsere Strategie ist, auf jeden Einzelnen einzugehen und Lösungen zu finden, die auf die jeweilige Person passen. Es ist sicher nicht alles toll und perfekt bei uns, aber was wir tun, geht in die richtige Richtung.“ Das zeigen auch die Zahlen.
Baden Württemberg stellt in Paris rund 90 Athletinnen und Athleten, das ist mehr als ein Fünftel des Team D und mehr als jedes andere Bundesland. „Damit können wir super leben“, erklärt Lamsfuß, der auch von der Qualität seiner Abordnung angetan ist. „Nur ein Beispiel: Wie Helen Kevric und Elisabeth Seitz um das letzte zu vergebende Ticket der Turnerinnen gekämpft haben, das hat gezeigt, auf welch hohem Niveau wir uns bewegen“, erklärt der Stuttgarter, der zugleich die Erwartungen nicht zu hoch ansetzen will. Die Rechnung, die in der Vergangenheit meist Gültigkeit hatte, besagt zwar, dass es im Schnitt für jeden siebten Starter eines Olympiastützpunktes eine Medaille gibt, doch von sechs bis sieben Podestplätzen geht Lamsfuß in den nächsten zwei Wochen nicht aus: „Wir bauen keinen Druck auf, die Athletinnen und Athleten sollen positiv an die Wettkämpfe herangehen“, erklärt er, „wichtig war uns, dass sie bestmöglich vorbereitet nach Paris fahren und dort ihre Top-Leistung abrufen können. Jetzt sollen sie bei den Spielen tolle Momente erleben.“
Einen Wunsch, wenn es denn Medaillen für jemanden geben sollte, für den er mit seinem Team verantwortlich ist, hätte Lamsfuß doch. „Es wäre wunderbar, wenn der- oder diejenige nach dem Wettkampf das Gefühl haben würde, dass wir mit unserer Betreuung und Unterstützung am Olympiastützpunkt einen kleinen Teil zum Erfolg beigetragen haben.“ Und somit eben doch: wichtig sind. Ohne sich zu wichtig zu nehmen.