Die Auswirkungen des Strukturwandels sind längst sichtbar: Die Steillagen am Neckar werden teilweise nicht mehr beackert. Foto: Simon Granville

Die Absatzschwierigkeiten bringen manche Winzer an ihre körperlichen und seelischen Grenzen. Für Notfälle bietet der Weinbauverband Württemberg neuerdings das Gespräch an.

Die Winzer stehen unter massivem Druck, ihre Branche steckt in einem Strukturbruch. Mit Vertrauenspersonen und einer Art Telefonseelsorge will der Weinbauverband seinen Mitgliedern zur Seite stehen – um das Schlimmste zu verhindern. Die Ursachen und den neuen Service erklärt der Verbandsgeschäftsführer Hermann Morast.

Herr Morast, im vergangenen Mai beging ein französischer Winzer Suizid, weil er seinen Wein nicht mehr verkaufen konnte. Befürchten Sie, dass es auch in Württemberg zu solchen Verzweiflungstaten kommen könnte?

Wir wollen nicht, dass es so weit kommt, dass über Suizide in der Branche berichtet wird. Das müssen wir zwingend vermeiden. Dafür tun wir alles.

Was genau tun Sie?

Damit die Betroffenen in solchen Situationen nicht allein bleiben, haben wir ganz neu ein Netzwerk von Vertrauenspersonen aufgebaut. Sie stehen Winzerinnen und Winzern sowie deren Umfeld als erste, niedrigschwellige Anlaufstelle in Krisen- und Belastungssituationen zur Verfügung. Man kann sie einfach anrufen. Diese Vertrauenspersonen nehmen sich Zeit für einfühlsame und vertrauliche Gespräche. Sie sollen als Lotse dienen oder als Türöffner, um gemeinsam erste Schritte zu entwickeln. Die Vertrauenspersonen sind sehr gut vernetzt, können auf Augenhöhe mit den betroffenen Personen schwätzen.

Hermann Morast, der Geschäftsführer vom Weinbauverband Württemberg, macht Werbung für ein neues Angebot für Winzer. Foto: Weinbauverband

Das Angebot klingt wie Telefonseelsorge.

Wir reden auch von psychischen Ausnahmesituationen, in denen sich die Winzer und Winzerinnen befinden.  Da  geraten Familientraditionen ins Wanken, weil das Geschäftsmodell wackelt. Betriebsinhaber mit erheblichen Erlösproblemen versuchen oft, diesen Mangel durch Mehrarbeit bis zur Erschöpfung zu kompensieren. Das alles führt oft auch zu Spannungen in der Partnerschaft. Wir nehmen jedenfalls wahr, dass die psychische und physische Belastung in der Branche extrem hoch ist. Dafür wollen wir sensibilisieren. Im Weinbau hat man darüber bislang nicht gesprochen.

Ist die Lage so schlimm im Weinbau?

Die Herausforderungen und Probleme sind mannigfaltig. Und wir wollen dafür sensibilisieren. Der Weinbau steht unter maximalem Druck. Es gibt Betriebe, die nach wie vor prosperieren. Anderen brechen gerade die Absatzmärkte weg. Die Weinpreise reichen nicht mehr aus, um die signifikant gestiegenen Kosten zu decken und die Inflation auszugleichen. Das Geschäftsmodell Weinbau ist definitiv in vielen Betrieben und Regionen nicht mehr auskömmlich.

Also geben viele auf?

In Württemberg haben wir in den vergangenen 25 Jahren schon zwei Drittel der Betriebe verloren. Aus diesem Strukturwandel ist jetzt ein Strukturbruch geworden. Allein vergangenes Jahr wurden von den 11 000 Hektar Rebfläche in Württemberg bereits 400 Hektar aufgegeben. Bis 2030 rechnen wir mit mindestens 2000 Hektar weniger Weinberge. Das zeigt, wie viel Bewegung in der Branche ist. Und das macht etwas mit den Menschen – gerade in der Dauerkultur des Weinbaus, wo man Geschäftsmodelle nicht von heute auf morgen verändern kann.

Wann genau hat dieser Prozess eigentlich begonnen?

Er ist schon ein Jahrzehnt alt, aber spätestens mit der Corona-Pandemie hat sich das Einkaufsverhalten der Verbraucher massiv verändert. Man muss um jede einzelne Flasche kämpfen, um sie zu verkaufen. Nach Angaben des Deutschen Weininstituts ist der Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland allein im abgelaufenen Weinwirtschaftsjahr gegenüber dem Vorjahr um eine ganze Flasche Wein gesunken. Auch in Frankreich, Spanien oder Italien wird weniger Wein getrunken. Der deutsche Markt ist lukrativ für diese Länder. Wir erleben dadurch eine Preisverschiebung hin zum Einstiegssegment. Zu 3,50 Euro pro Flasche kann allerdings kein Erzeuger aus Württemberg produzieren. Unsere Winzer sind bei den Produktionskosten an einem Punkt, da kann man nichts mehr senken. Man braucht höhere Erlöse, aber die sind nicht zu erzielen.

Sind die Württemberger nur bedingt wettbewerbsfähig?

Es ist ein weltweites Problem. Württemberg steht allerdings für Rotwein, im Moment geht der Trend hin zu Weißen und Rosé. Und in Württemberg erschwert die Kleinparzellierung und die Kulturlandschaftspflege den Weinbau. Diese Arbeit erkennen die Mitbürger nicht an. Die Verbraucher sind vielmehr extrem preissensibel geworden. Aber wo Weinbau ist, ist Leben: Wer Weinfeste haben will, die Kulturlandschaft mit den Steillagen, der muss sich bewusst sein, dass sich dieser Strukturbruch darauf auswirken wird.

Wie sehen zukunftsfähige Konzepte aus?

Die Betriebe, die breiter aufgestellt sind – mit Besenwirtschaften, Weinhotels oder vielen Veranstaltungen –, tun sich leichter. Wir nehmen wahr, dass die Gesellschaft bereit ist, für Erlebnisse viel Geld auszugeben. Andere verfolgen erfolgreiche Markenstrategien. Da gibt es kein Richtig und Falsch.