Nach dem Erfolg gegen Novak Djokovic übermannten Alexander Zverev die Emotionen. Foto: AFP/Vincenzo Pinto

Alexander Zverev ist nicht als Liebling der Massen bekannt. Sein grandioser und emotionaler Auftritt im olympischen Halbfinale könnte das ändern.

Tokio/Stuttgart - Als alles vorbei war, die Wende vollzogen, das Match gewonnen, die Medaille gesichert, gab es kurzzeitig Hoffnung bei Alexander Zverev. Aber im Grunde wusste er da bereits, dass sie vergebens war. „Ja“, gab er zu, er habe nach dem Sieg gegen Novak Djokovic im Halbfinale des olympischen Tennisturniers Tränen vergossen. „Aber“, ergänzte er, „das hat hoffentlich niemand gesehen.“ Doch es war nicht zu übersehen – und absolut verständlich.

Als der letzte Punkt gespielt war im Duell gegen den derzeit besten Tennisspieler der Welt, schlug Alexander Zverev seine Hände vors Gesicht. Nach der Umarmung am Netz ging er in die Knie, seine Schultern hoben und senkten sich immer wieder. Und als er wenig später auf der Spielerbank Platz nahm, das Handtuch über den Kopf gelegt, verharrte er minutenlang in dieser Position.

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Zverev genoss, verarbeitete, ordnete ein – und sagte dann das, was in diesen Momenten alle Zuschauer (an den TV-Geräten) sehen konnten: Es war nicht irgendein Sieg für den 24-Jährigen. Sondern: „Das ist einer der emotionalsten Siege, die ich in meiner Karriere gefeiert habe.“ Vielleicht sei es sogar der „stolzeste Moment“ seiner Laufbahn. Denn: „Hier spiele ich nicht nur für mich oder meine Familie.“ Sondern „für alle, die hier im Dorf sind“.

Silber hat sich Zverev gesichert, am frühen Sonntagmorgen deutscher Zeit (5 Uhr) greift er nun nach Gold – im Duell mit dem Russen Karen Chatschanow.

Kein Golden Slam für Novak Djokovic

Es bleibt Alexander Zverev also noch ein bisschen Zeit, darüber nachzudenken, was ihm im fast menschenleeren Tennisstadion von Tokio gelungen ist. Wie er im ersten Satz gegen den 20-fachen Grand-Slam-Sieger aus Serbien zwar ordentlich spielte, aber kaum einen Stich machte – 1:6. Wie er „dachte, dass ich was anderes machen muss“ und fortan aggressiver spielte. Wie er auch im zweiten Satz ein Aufschlagspiel verlor, kurz wütete, sich danach aber freier fühlte auf dem Court. Und wie sich das Spiel am Ende beinahe wundersam drehte. Im dritten Satz dominierte der Hamburger, Djokovic hatte keinerlei Mittel, Zverev noch mal in Bedrängnis zu bringen – und nach insgesamt zwei Stunden und drei Minuten hatte Zverev 1:6, 6:3, 6:1 gewonnen, das Finale erreicht. Und ganz nebenbei Novak Djokovic seinen großen Traum zunichte gemacht.

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Der Serbe hat in diesem Jahr bereits die Australian Open, die French Open und in Wimbledon gewonnen. Der Grand Slam ist greifbar, der Golden Slam nicht mehr. Dieses Kunststück, alle vier Major-Turnier sowie Olympia-Gold in einem Jahr zu gewinnen, bleibt also ein exklusives – von Steffi Graf im Jahr 1988. Zum zweiten Mal greift nun ein deutscher Tennisspieler nach Gold im Herren-Einzel – 1992 holten Boris Becker und Michael Stich in Barcelona Gold im Doppel.

Tommy Haas verlor 2000 das Finale

Im Jahr 2000 stand Tommy Haas im Endspiel von Sydney, verlor aber gegen den Russen Jewgeni Kafelnikow. Zverev will es nun besser machen. Besser als Haas, besser als er selbst in seinem bislang einzigen Grand-Slam-Finale, das er im Herbst 2020 bei den US Open gegen den Österreicher Dominic Thiem trotz 2:0-Satzführung verlor. Und er hofft dabei auf eine Kraft, die er in den Tagen von Tokio ganz neu erlebt.

Der als Einzelkämpfer bekannte 24-Jährige, der fast ausschließlich auf seine Familienmitglieder vertraut und sich bislang trotz großer Erfolge nie so richtig in die Herzen der deutschen Sportfans spielen konnte (und wollte?), genießt bei den Olympischen Spielen in Tokio plötzlich die Wärme eines großen Teams.

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Man sah ihn lachend mit den Mannschaftskollegen, wie sie vor der Eröffnungsfeier den Bundesadler aufs Shirt bügelten, er fühlt den „Teamspirit“, fiebert mit den deutschen Athletinnen und Athleten aus anderen Sportarten – und hofft nun, dass sie alle am Sonntag auch mit ihm fiebern. „Ich habe jetzt eine Medaille für Deutschland gesichert, das ist ein wahnsinniges Gefühl“, sagte er am Freitag – als er mit seiner grandiosen Aufholjagd gegen Novak Djokovic, der bis dato nur drei Matches im Jahr 2021 verloren hatte, nicht nur seine Familienmitglieder begeistert hatte. Aber auch.

Tränen bei beiden Zverev-Brüdern

„Ich hab tausendmal geheult, dann hab ich gelacht, dann war ich sauer“, sagte Mischa, der ältere der Zverev-Brüder beim TV-Sender Eurosport, „so emotional, das war anstrengend.“ Kein leichtes Match prophezeite er fürs Finale gegen Karen Chatschanow, der aktuell die Nummer 25 der Welt ist. So weit dachte Alexander Zverev in den emotionalen Minuten nach dem Halbfinalsieg noch nicht. Er widmete sich lieber noch einmal den Tränen des Glücks und der Erleichterung – und rief seinem Bruder zu: „Hör auf zu heulen. Einer in der Familie reicht.“ Ein bisschen sollten sie im Hause Zverev ja auch haushalten mit den Freudentränen.

Am Sonntag könnte es schließlich noch einmal ziemlich emotional werden.