Uffgwachd, gveschberd und viel glernd: Die dritte Klasse der Gültsteiner Grundschule taucht in den schwäbischen Dialekt ein – mit Begeisterung. Da kommt sogar der Lehrer ins Staunen.
Um „Wedele“, „Grombiera“, Ortsnecknamen und mehr geht es für die Drittklässlerinnen und Drittklässler der Gültsteiner Grundschule an diesem Vormittag in einer besonderen Doppelstunde. Lernstoff: Schwäbisch. Zwei die auf keinen fehlen dürfen: Äffle und Pferdle.
Der ehemalige Gymnasiallehrer Wolfgang Wulz hat die beiden als Handpuppen mitgebracht. Er ist einer der Initiatoren des Arbeitskreises „Mundart in der Schule“, den Mitglieder mehrerer Muttersprachvereine gegründet haben, und zudem Vorsitzender des Vereins schwäbische mund.art. Die beiden Kultfiguren, denen Wulz die Stimme leiht, helfen, schnell das Eis zu brechen. Auch mehr als 60 Jahre nachdem die beiden tierischen Sympathieträger erstmals im Fernsehen zu sehen waren, sind sie noch bekannt, wie etliche Kinder dem Mundartliebhaber bestätigen.
Beeindruckendes Sprachgefühl
Bereits beim „Hafer- und Bananenblues“ ist die Zurückhaltung der Jungs und Mädchen komplett verflogen. Und so geht es gleich musikalisch mit „Widele, wedele, hintrem Städele“ weiter. Kein Problem haben die Drittklässler dabei, zu verstehen, dass der Bettelmann zu seiner Hochzeit alle Tiere eingeladen hat, die einen Schwanz oder Schweif haben. Dass mit „Städele“ als Hochzeitsort auf Hochdeutsch nicht eine Stadt, sondern eine Scheune gemeint ist, erweist sich dagegen als kniffliger. Mit „Mulle“ nehmen die Schüler zudem einen neuen Kosenamen für Katzen aus dem schwäbischen Volkslied „D Bäure hat d’Katz verlora“ mit, in dessen Refrain sie begeistert einstimmen.
Wie gut das Sprachgefühl einiger Kinder ist, zeigt sich beim schwäbischen Pendant zum Verb „rennen“. Schnell äußert ein Mädchen den Gedanken, dass das Wort „sauen“ daher kommt, dass Schweine, also Sauen, so schnell laufen können. Dass dann ein anderes auch noch weiß, dass „driala“ sabbern heißt, begeistert Wolfgang Wulz.
Außerdem hat Wolfgang Wulz, der nur ein paar Radminuten von der Grundschule entfernt in Gültstein lebt, auch die schwäbischen Versionen der Kinderbücher „Grüffelo“ sowie Janoschs „Oh, wie schön ist Panama“ dabei. Dabei merken die Schülerinnen und Schüler, dass geschriebener Dialekt nicht so einfach zu lesen ist. „Verstehen ist wichtiger“ als lesen oder gar zu schreiben, ordnet Wolfgang Wulz die gemeisterte Herausforderung ein.
Fritzles Schultag
Außerdem lernen die Kinder die 14 verschiedenen Begriffe für die Kartoffel in den drei baden-württembergischen Dialektgruppen Alemannisch, Schwäbisch und Fränkisch kennen. Gemeinsam rätseln sie dabei, warum die Knollen in der Gegend um Gültstein „Grombiera“ genannt werden. Es dauert eine Weile, bis sie mithilfe von Wolfgang Wulz auf „Grundbirnen“ als wortwörtliche Übersetzung kommen.
Mit Feuer und Flamme sind sie auch bei dem nicht ganz vorbildhaften Schultag des Spitzbuben „Fritzle“ dabei, der mit Verspätung ins Schulhaus „naigsaud“ war. „Eigschlofe“, „uffgwachd“, „gveschberd“, „nix gwissd“ sowie „hoimganga“ übersetzen die Kinder ohne Probleme mit „eingeschlafen“, „aufgewacht“, „gegessen“, „nichts gewusst“ und „heimgegangen“ ins Hochdeutsche.
Nach der intensiven Dialektarbeit lässt es sich Wolfgang Wulz, der ein profunder Kenner der Ortsnecknamen im Gäu und darüber hinaus ist, nicht nehmen, den Kindern zu erklären, warum er als gebürtiger Heidenheimer ein „Knöpfleswäscher“ ist: Eine Heidenheimerin habe ihrem Mann frische Knöpfle zur Arbeit bringen wollen, erzählt er. Auf dem Weg zu ihm sei sie über einen Hund gestolpert und die Knöpfle seien aus dem Korb in den Dreck gefallen. Sparsam wie sie war, habe sie diese dann einfach eingesammelt, in der nahen Brenz gewaschen und die Knöpfle im Anschluss kalt direkt zu ihrem Mann gebracht. Diese Szenerie habe ein Auswärtiger beobachtet und weitererzählt, so Wulz weiter.
Der Spitzname zeugt von Neid
Auch die Gültsteiner hätten ihre Spitznamen von der Einwohnerschaft der umliegenden Gemeinden bekommen, berichtet Wolfgang Wulz weiter. Dass diese sie „Säu“, „Schenka“ und „Schenkafresser“ getauft hätten, sei deren Neid geschuldet: Denn die Gültsteiner hätten einst viele und gute Schweine gezüchtet.
Unterstützung für die Heimat
Zuwendung
Mit 10 000 Euro unterstützt die Kulturstiftung der Kreissparkasse Böblingen den 2003 gegründeten „Arbeitskreis Mundart in der Schule“. Damit wird gewährleistet, dass von 2024 bis 2027 mindestens zehn schwäbische Doppelstunden pro Jahr in Schulen im Landkreis stattfinden können.
Verbundenheit
Auch in den vergangenen zehn Jahren hat die Stiftung bereits insgesamt 60 solcher Veranstaltungen mit insgesamt 12 000 Euro bezuschusst. „Das machen wir gerne und zeigt unsere Verbundenheit mit der schwäbischen Mundart“, betonte Michael Fritz, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Böblingen und Vorstand der Kulturstiftung, bei der Scheckübergabe in Gültstein am Montag.