Winfried Kretschmann im Gespräch mit Gabriele Renz. Foto: Stefanie Schlecht

Ministerpräsident Winfried Kretschmann spricht in Sindelfingen über sein neues Buch, sein Politikverständnis und wie ihn Hannah Arendt gerettet hat.

Es war der vermutliche letzte Auftritt von Winfried Kretschmann in seiner Rolle als Ministerpräsident im Kreis Böblingen: Am Montagabend hat er sein Buch „Der Sinn von Politik ist Freiheit“ im Kleinen Saal der Stadthalle in Sindelfingen vorgestellt. Eingeladen hatte der Ortsverband der Sindelfinger Grünen.

Die Rolle, die Kretschmann an diesem Abend einnimmt, ist allerdings weniger die des Ministerpräsidenten, sondern vielmehr die eines Denkers, der über sein Politikverständnis reflektiert und dadurch sein Handeln erklärt. Gespickt mit, wie könnte es so kurz vor der Landtagswahl anders sein, Wahlwerbung für die Grünen. Über das nahende Ende seiner Amtszeit spricht er kaum. Nur in einem Nebensatz fällt mit einem Augenzwinkern die Bemerkung, dass er eines nicht vermissen werde. „Die vielen Sitzungen, bei denen nichts raus kommt.“

Arendts Philosophie als Leitstern

Der Untertitel von Kretschmanns Buch lautet „Warum Hannah Arendt uns Zuversicht in schwieriger Zeit gibt“. Die Gedankenwelt der jüdischen Philosophin (1906 bis 1975) begleitet Kretschmann seit Jahrzehnten. „Sie ist mein geistig-politischer Leitstern“, sagt er am Montagabend. Er zeigt sich überzeugt, dass die Philosophin auch anderen Halt geben kann, gerade in politisch unruhigen Zeiten.

Gabriele Renz, Autorin und Ex-Pressesprecherin des Landtags, moderiert und steigt mit den „Jugendsünden“ des Ministerpräsidenten ein: seine Zeit als Maoist. „Hannah Arendt war daran beteiligt, dass ich mich aus dieser Sekte befreien konnte“, sagt Kretschmann. Ihr demokratischer Machtbegriff habe ihn angesprochen. Macht entstehe laut Arendt, wenn sich Menschen um eine politische Idee versammeln und handeln. Politik von oben nach unten funktioniere nicht, zeigt sich Kretschmann überzeugt. Menschen müssten gehört werden und bräuchten das Gefühl von Selbstwirksamkeit.

Winfried Kretschmann spricht sichtlich gerne über Hannah Arendt und Philosophie. Foto: Stefanie Schlecht

So reflektiert Kretschmann über den Machtbegriff spricht, so ausweichend antwortet er, als Renz eine persönliche Frage stellt: „Sie sind ja ein mächtiger Mann. Gefällt Ihnen das?“ Da zieht er sich auf eine Rollenbeschreibung zurück: „Ich würde die Amtsgewalt eines Ministerpräsidenten nicht überschätzen.“

Renz und Kretschmann sprechen – immer in Anlehnung an Arendt – an diesem Abend zahlreiche drängende Fragen an und trauen dem Publikum differenziertes Denken zu. Wie damit umgehen, wenn der Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge verwischt? Wenn Fakten nicht mehr als Fakten, sondern als Meinungen diskutiert werden? Und: Was ist eigentlich die Lüge in der Politik? Gefährlich werde es, wenn die Lüge zur Wahrheit deklariert wird, sagt Kretschmann. „Dann entsteht Chaos.“

Was zuversichtlich machen kann

Bei der Fülle an Themen ist es vermutlich unvermeidlich, dass teils nur an ihrer Oberfläche gekratzt wird. So beantwortet Kretschmann die Frage nach dem, was uns Zuversicht geben könnte, damit, dass Menschen alle verschieden sind und daraus Kreativität entstehe. „Menschen können etwas schaffen, das vorher noch nie jemand geschafft hat.“ Und das biete immer wieder neue Möglichkeiten. Als positive Beispiele nennt er das Smartphone oder die Entwicklung von Natrium-Ionen-Batterien als Alternative zu Lithium-Batterien. Unerwähnt bleibt der Elefant im Raum: Künstliche Intelligenz und wohin sie uns führen könnte.

Immer wieder schimmert der Pragmatiker Kretschmann durch. So kritisiert er den „Wust an Regeln“, vor denen heute jede neue Idee stehe. „Wir brauchen schon Regeln, aber situativ mehr Spielräume.“ Oder: Es sei wichtig, Ziele zu haben, aber ebenso wichtig sei die Offenheit in den Wegen zum Ziel. Und die Abkehr von Dogmatik. „Sonst blamieren sich die Ideen an der Wirklichkeit.“ Beim Publikum kommt Kretschmann gut an. Mit minutenlangem Applaus honorieren die rund 200 Zuhörerinnen und Zuhörer das gut einstündige Gespräch.