Geigerin Julia Fischer. Foto: /Uwe Arens

Das London Royal Philharmonic Orchestra, Vasily Petrenko und Julia Fischer haben im Beethovensaal der Liederhalle gespielt.

In der „Meisterkonzert“-Reihe im Beethovensaal hängt ein riesiger Banner: „Russ Klassik. Musik für die Seele.“ Der Begriff Seele hat ja sehr viele Bedeutungen: von der immateriellen Trägerin des Lebens über die Psyche bis hin zum schwäbischen Gebäck. Wahrscheinlich meint die SKS Russ mit „Seele“ aber die „Gesamtheit aller Gefühlsregungen und geistigen Vorgänge“ (siehe Wikipedia).

Russ’ steile These vor Augen, lässt sich während des Konzerts leicht überprüfen. Zunächst einmal ist es Hochleistungssport, den Julia Fischer mit dem Londoner Royal Philharmonic Orchestra in der Leitung von Vasily Petrenko bietet. Tschaikowskys Violinkonzert ist seinem Zweck entsprechend ein Bravourstück, das die vermeintliche Seele zum Staunen bringen soll: über so viel brillante Virtuosität, die Fischer beherrscht, auch wenn sie an diesem Abend nicht immer intonatorisch souverän wirkt. Aber auch die lyrisch-gefühlvolle Melodik, die Tschaikowsky ins Virtuose einflocht, bringt die „Seele“ heute nicht mehr in emotionale Aufruhr, weil sie das alles schon mitsingen kann, weil so oft gehört. Was zur Gewohnheit wird, verliert seine unmittelbare Wirkung. Das zeigt auch die seit Jahren zu beobachtende Manier der Geigenstars, als Zugabe nicht mehr Petitessen, sondern fast ausschließlich Stücke aus den höchstanspruchsvollen Violinsolowerken von Bach zu spielen. So auch Fischer, als wolle sie nach der Bravour noch etwas nachreichen, das im unsinnigen Fachsimpel-Sprachgebrauch gerne „Seelentiefe“ genannt wird. Dabei hat Bach diese Stücke einfach nur für einen sehr intimen Rahmen komponiert, nämlich für die eigene Kammer. Gespielt hat Fischer das freilich grandios.

Als Hauptwerk gab es dann Brahms’ Erste Sinfonie. Spielte das Orchester sie „beseelt“? Wenn man’s so nennen will, kam dabei eine sehr dunkle Seele heraus: ein Streicherklang wie warmer Kakao. Von der Bläserfraktion, wenn sie nicht gerade ein Solo zu spielen hatte, war nur eine Tiefengrundierung durchs Blech zu hören. Gegen die Streicherbesetzung, die auf acht Kontrabässen aufbaute, hatten die Holzblasinstrumente keine Chance und der Gesamtklang blieb ohne Strahlkraft. Das Publikum aber jubelte am Ende aus tiefster Seele.