Ein Teil der Uniplätze geht an Mediziner in spe, die später dort arbeiten müssen, wo Hausärzte fehlen. Ein Student aus dem Kreis Ludwigsburg erklärt, warum er diesen Weg eingeschlagen hat.
Toi, toi, toi: Momentan herrscht in Baden-Württemberg höchstens gefühlt ein gravierender Mangel an Hausärzten. Offiziell wäre das erst der Fall, wenn der Versorgungsgrad unter 75 Grad rutscht, also mehr als ein Viertel der eigentlich anvisierten Stellenzahl nicht besetzt ist. „Nach den derzeitigen Prognosen wird sich dies jedoch in den nächsten Jahren wahrscheinlich ändern“, betont Josephine Palatzky, Pressesprecherin des Regierungspräsidiums Stuttgart, und gießt damit sogleich Wasser in den Wein. Die Anzahl der altersbedingt ausscheidenden Ärzte übersteige die Menge der Neueinsteiger. Man beobachte mehr lokale Engpässe. Um die Lücken besser schließen zu können, hat das Land 2021 eine Landarztquote aufgelegt. Das bedeutet: Ein Teil der Studienplätze ist für angehende Mediziner reserviert, die sich später dort niederlassen müssen, wo Not am Mann ist.
Traum schon zu den Akten gelegt
Ein Modell, über das sich auch Philip Stratmann ein Ticket für die begehrte Ausbildung sichern konnte. Dabei hatte er seinen Traum, irgendwann als Arzt zu praktizieren, eigentlich schon zu den Akten gelegt. „Ich hatte mit einem Schnitt von 2,5 nie das Abitur, um auf normalem Wege einen Studienplatz zu bekommen“, sagt der 24-Jährige aus Bietigheim-Bissingen (Kreis Ludwigsburg). Stratmann spielte gedanklich noch die Alternativen durch, überlegte, sein Glück über eine Verpflichtung bei der Bundeswehr zu versuchen oder sich bei einer Universität im Ausland einzuschreiben. „Das habe ich alles für mich abgewogen und gemerkt: So ganz überzeugt bin ich davon nicht“, sagt er.
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Also begann er eine Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger bei den Kliniken Ludwigsburg-Bietigheim. „Das hat mir an sich auch sehr viel Spaß gemacht“, betont Stratmann, der aber zugleich merkte: Auf Dauer wäre die Pflege nichts für ihn. „24-Stunden-Schichten, regelmäßige Wochenend- und Feiertagsdienste, veraltete hierarchische Strukturen und extremer Personalmangel sind dort leider mittlerweile die Normalität“, erklärt er.
Der junge Mann hätte sich zudem gewünscht, dass man in dem Job mehr Kompetenzen über eine Akademisierung erlangen kann. „Ich habe da für mich keine großen Weiterentwicklungsmöglichkeiten gesehen. Das finde ich sehr schade“, erklärt der Bietigheim-Bissinger, der schließlich von der Landarztquote erfuhr.
Hohe Konventionalstrafe bei Vertragsbruch
„Das war mein Glück. Die Ausbildung hat hier einen sehr großen Anteil, aber auch der Medizinertest hat noch mit hineingezählt“, berichtet Stratmann. Also bewarb er sich für das Programm und setzte sich in dem Auswahlverfahren tatsächlich durch. Inzwischen büffelt er im zweiten Semester in Ulm, wie der menschliche Körper aufgebaut ist, wie man ihn bei größeren Krankheiten und kleineren Zipperlein behandelt. Wohl wissend, dass sein Weg am Ende in eine Praxis auf dem Land führen wird. Und zwar für mindestens zehn Jahre, andernfalls droht eine Konventionalstrafe von 250 000 Euro.
Keine willkürliche Zuteilung
Philip Stratmann hat mit diesen Umständen kein Problem. Schließlich habe er diese weitreichende Entscheidung nicht frisch von der Schule weg getroffen, sondern nach reiflicher Überlegung mit nun 24 Jahren. Ferner müsse man sich von den gängigen Klischees und der Vorstellung befreien, dass er am Ende irgendwo weit ab vom Schuss bei weiten Wegstrecken seine Patienten versorgen muss. „Baden-Württemberg ist recht dicht besiedelt“, sagt der angehende Mediziner. „Auch der Landkreis Ludwigsburg ist nicht top ausgestattet“, sagt er. Außerdem werde man in der Regel nicht irgendwohin verpflanzt. Faktoren wie die privaten Verhältnisse und Verpflichtungen spielten mit hinein.
Wobei es für ihn auch kein Beinbruch wäre, beispielsweise auf der Schwäbischen Alb, fernab einer Großstadt, seine Heilkünste anzuwenden.
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Letztlich würde sich Philip Stratmann aber freuen, wenn er sich im Landkreis oder in der Nähe ansiedeln könnte. Möglich wäre das als Internist, Allgemeinmediziner oder Kinderarzt. Die Würfel sind bei ihm noch nicht gefallen, er hat auch noch Zeit. Erst in gut zehn Jahren dürfte an Studium und Facharztausbildung ein Knopf dran sein.
Was allerdings auch deutlich macht: Bis das Programm Früchte trägt, wird es seine Zeit dauern. Josephine Palatzky vom RP hebt jedoch hervor, dass Bund, Land und Verbände in der Vergangenheit schon große Anstrengungen unternommen haben, um die Profession des Hausarztes attraktiver zu machen. Zum Beispiel durch eine finanzielle Unterstützung beim Wechsel aufs Land.
Mehr Abgänge als Neueinstiege
Die Zahl der Absolventen, die sich für die Weiterbildung in der Allgemeinmedizin entscheiden, habe sich in den vergangenen Jahren auch verdreifacht. „Dennoch ist dies nicht ausreichend, um jeden frei werdenden Hausarztsitz nachzubesetzen“, erklärt Palatzky. Zudem seien schon heute von etwa 7000 Hausärzten fast 1400 älter als 65 Jahre und damit jeder fünfte bereits im Rentenalter. Und die Situation werde sich sogar noch deutlich verschärfen, „weil in den nächsten zehn Jahren die geburtenstärksten Jahrgänge – 1955 bis 1965 – in den Ruhestand gehen werden“.
Wie kommt man in die Landarztquote?
Verpflichtung
Baden-Württemberg vergibt in diesem Jahr 75 Studienplätze über die Landarztquote. Beworben hatten sich dafür 356 Kandidaten, in die engere Auswahl schafften es 158 Interessenten. Eine dreiköpfige Jury entscheidet nach einem Online-Gespräch, wer für die Tätigkeit als Hausarzt besonders geeignet ist. Mit dem Beginn des Studiums geht die Verpflichtung einher, später für mindestens zehn Jahre in einem unterversorgten oder davon bedrohten Gebiet zu arbeiten, wo der Versorgungsgrad weniger als 75 Prozent beträgt. Im Raum Ludwigsburg/Kornwestheim sind es aktuell 108,3, rund um Bietigheim-Bissingen/Besigheim 91,6 Prozent.
Kriterien
Die Abiturnote spielt laut Regierungspräsidium bei der Bewerbung für das Programm keine Rolle. „Bei der Landarztquote finden andere Auswahlkriterien Anwendung. Beispielsweise können die Art und Dauer einer abgeschlossenen Berufsausbildung oder Berufstätigkeit in einem Gesundheitsberuf Berücksichtigung finden“, erläutert Pressesprecherin Josephine Palatzky. Die 75 über das Programm vergebenen Plätze machten „etwa sechs Prozent der Medizinstudienplätze in Baden-Württemberg aus“. Unterrichtet werden die angehenden Landärzte an den Fakultäten in Freiburg, Heidelberg, Mannheim, Tübingen und Ulm.