Lukas Bauer ist Kantor im kirchenmusikalischen Praktikum in Leonberg. Der 26-Jährige hat aber noch eine zweite arbeitsintensive Tätigkeit: Er gestaltet federführend das neue Evangelische Gesangbuch mit.
Eigentlich komme er aus keiner übermäßig musikalischen Familie. Sicher, die Mutter singe in einem Kirchenchor. Aber sonst? Fast alles, was Lukas Bauer in Sachen Musikalität in seinem noch jungen Leben bisher in sich aufgenommen hat, kam mit dem Kontakt zu, wie der 26-Jährige sagt, „vielen ganz wunderbaren und inspirierenden Menschen, die mich geprägt haben“ – außerhalb des Elternhauses. Allerdings betont der Kantor, der in Leonberg derzeit sein kirchenmusikalisches Praktikum absolviert: „Meine Eltern haben mich immer unterstützt, bei allem.“
Vom Studierendenvertreter zur Projektleitung
Bis 2024 war Lukas Bauer über viele Jahre als Kantor an der Martin-Luther-Kirche in Böblingen tätig – parallel zum Studium. Phasenweise hat er auch den Kirchenchor geleitet. Die Böblinger müssen inzwischen auf Bauer verzichten, denn nun ist er an der Leonberger Stadtkirche. Und nicht nur das. Lukas Bauer arbeitet intensiv am neuen Evangelischen Gesangbuch mit, das zum ersten Advent 2028 veröffentlicht und in den Gemeinden eingeführt werden soll. Dafür hat er eine halbe Stelle in der Projektleitung im Kirchenamt der EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) inne. Zuvor war er drei Jahre als einer der drei Kirchenmusikstudierenden-Vertreter in der Gesangbuchkommission gewesen.
Wegen seiner Tätigkeit im Projektbüro wird Lukas Bauer nicht nur ein, sondern etwa zwei Jahre mit einem Stellenumfang von 50 Prozent in Leonberg bleiben. „Ich arbeite wechselweise in verschiedenen Bereichen des Bezirkskantorats.“ Bezirkskantor Attila Kalman und die Kirchengemeinde seien dabei sehr flexibel und hilfsbereit. „Sie gehen auf mich ein, dafür bin ich sehr dankbar.“
Tausende neue Lieder wollen berücksichtigt werden
Denn das Gesangbuch zu erneuern, ist ein arbeitsintensives Vorhaben, das sich über Jahre erstreckt. Im aktuellen Fall wird es am Ende sogar mehr als ein Jahrzehnt sein. Schon 2017 haben der Rat der EKD und die Kirchenkonferenz – die Versammlung aller Leitenden der Landeskirchen – entschieden: Es soll ein neues Gesangbuch geben. Grund dafür waren unter anderem die Tausenden neuen Lieder, die in den Gemeinden seit Entstehung des jetzigen Gesangbuches verbreitet sind, das zuletzt in den 1990er Jahren aktualisiert wurde.
Neben der großen Mehrheit an geistlichem Liedgut haben einzelne der neuen Lieder ursprünglich keinen religiösen Bezug. Sie werden jedoch bei besonderen Anlässen wie Taufen, Hochzeiten oder Beerdigungen gesungen. Lukas Bauer nennt als Beispiel die Ballade „Tears in Heaven“, eines der bekanntesten Stücke des Rockmusikers Eric Clapton. „Es ist noch nicht sicher, ob dieses Lied am Ende wirklich im Gesangbuch landet, aber es werden auf jeden Fall einige säkulare Popsongs dabei sein.“ Die Aufgabe der Gesangbuchkommission ist nun, eine gute Balance und Auswahl der Lieder zu finden.
Musiklehrerinnen und -lehrer haben „für ihren Beruf gebrannt“
Lukas Bauer scheint dafür perfekt geeignet. Er hat in Böblingen das Albert-Einstein-Gymnasium besucht – eine Schule mit Musikprofil. „Meine Musiklehrer und -lehrerinnen waren alles Menschen, die für ihren Beruf gebrannt haben“, schwärmt er. Damals habe er einen Sinn dafür bekommen, dass „Musik mehr ist als bloßes Töne aneinanderreihen“. Im sogenannten C-Kurs, also der Ausbildung zum Kirchenmusiker im Nebenamt, bekam er von Matthias Hanke, Kirchenmusikdirektor der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, schon früh Orgelunterricht und einen Einblick in die Kirchenmusik. „Die Abwechslung aus Kammermusik, Musik im Chor, im Orchester oder auch für sich, das macht es für mich aus“, sagt Bauer.
Eigentlich wollte er ja Medizin studieren. Doch es wurde die Kirchenmusik, in Tübingen an der Hochschule der Landeskirche. Und hier geschah es: Lukas Bauer konnte sich während der Bachelorjahre nicht entscheiden, mit welchem Master er weitermachen wollte. „Meine Begeisterung wuchs für Jazz- und Popmusik, wofür mein Professor Patrick Bebelaar im Nebenfachunterricht verantwortlich war“, sagt er. Die Lösung: Bauer bewarb sich für zwei Master, für den in der klassischen Richtung und für jenen in der Jazz- und Pop-Sparte. Allerdings liegt aufgrund seiner Tätigkeit in Sachen Gesangbuch der „Klassik-Master“ aktuell auf Eis – nach dem Praktikum möchte er weitermachen. Den Pop-Jazz-Master schloss Bauer hingegen in verkürzter Zeit ab.
Aktuell hat Lukas Bauer alle Hände voll zu tun. Denn das Gesangbuch beschränkt sich nicht bloß auf das gedruckte Produkt. „Das Printprodukt wird es natürlich geben, keine Frage“, sagt er. Hinzu kommen noch die jeweiligen regionalen Anhänge, die sich je nach Gegend unterscheiden, in der das Buch genutzt wird. Auch sie müssen angepasst werden. Hinzu kommen in diesem Zusammenhang noch Begleitprodukte für Orgel, Gitarre, Posaunenchor, Band und mehr.
Gesangbuch soll auch viele digitale Komponenten bekommen
„Die große Neuerung ist der Gang ins Digitale“, so Bauer. Zum einen soll es eine App für den gottesdienstlichen und häuslichen Gebrauch geben, also zum Absingen und auch Anhören. Außerdem soll ein digitales Angebot für Musiker und Gottesdienstvorbereitende hinzukommen, mit dem sie unter anderem die Tonhöhen ändern oder auf Knopfdruck Liedblätter erstellen können. „Das wird eine riesige Erleichterung“, sagt der Kantor – dessen Aufgabe in der Projektleitung es ist, all das gemeinsam mit seinem Team zu koordinieren und unter einen Hut zu bringen. Denn es hängt eine Menge dran. „Verlage, Firmen, Kirchengemeinden, Verwaltungen, Landeskirchen – es gibt viele unterschiedliche Stakeholder bei diesem Millionenprojekt“, formuliert er.
Die eigentliche Kommission besteht aus 80 Mitgliedern aus allen Bereichen der evangelischen Kirche. „Mich beeindruckt zutiefst, dass es dabei so ein vertrauensvolles Arbeitsverhältnis gibt.“ Denn die Interessen seien vielfältig. „Dabei lernt man unheimlich spannende und inspirierende Menschen kennen“, fügt er hinzu. „Und am Ende sollen alle sagen können: Das ist unser Buch.“
Gesangbuch wird ausprobiert
Erprobungsphase
Das neue Gesangbuch wird ab kommenden September in einigen Gemeinden in Auszügen ausprobiert. Im März 2026 wird dann ein Fragebogen ausgegeben, dessen Auswertung Rückschlüsse auf das endgültige Aussehen geben wird.
Auswahl
Für die Erprobungsphase können sich Kirchengemeinden online bewerben. Sie werden von der jeweiligen Landeskirche ausgewählt. Die Webseite hierfür: www.gesangbuch-bwö.info