Wie unverschämt: Zeitung verlangt Geld fürs Artikellesen. Ein Beitrag aus den „Bonbons“, der wöchentlichen (und wie das geschenkte „Bombole“ an der Kasse) frei zugänglichen Humorkolumne dieser Zeitung.
Machen Sie doch mal einen Selbstversuch: Gehen Sie in den Supermarkt, laden Sie sich den Einkaufswagen voll, fahren Sie ganz lässig an der Kasse vorbei und wenn jemand Sie zum Bezahlen auffordert, beschimpfen Sie das Personal, kippen trotzig die Waren auf den Boden und trampeln darauf herum.
Wie? Das würden Sie nicht machen? Ja, aber warum denn nicht? Im Internet macht man das doch auch so. Ein interessanter Zeitungsartikel hinter der Bezahlschranke löst dort regelmäßig Reaktionen aus, die von dem eingangs erwähnten Szenario im Supermarkt gar nicht so weit weg sind. „Abzocker!“, „Geldgeier!“, „Schämt euch!“ steht dann auf Facebook unter den Beiträgen, die auf besonders großes Leserinteresse stoßen. Schon irgendwie lustig: Anscheinend sind manche Artikel so spannend, dass man sie unbedingt lesen mag. Wenn dann aber jemand unverschämterweise Geld dafür verlangt, meldet sich der innere Klassenkämpfer und vermutet finsterste Absichten hinter der Bezahlschranke.
KI geht nicht in Ratssitzungen oder auf den Fußballplatz
Nun, das mag jetzt vielleicht den einen oder anderen überraschen, aber in so einer Zeitung arbeiten keine Maschinen, sondern Menschen. Und die möchten gerne von ihrer Arbeit leben – so wie alle anderen auch. „Ja, aber die machen doch eh alles mit KI!“, hören wir schon die Protestschreie. Tatsächlich würde das unser Leben enorm erleichtern. Aber leider haben wir noch keine Künstliche Intelligenz gefunden, die für uns bis in die Nacht in Gemeinderatssitzungen geht, auf dem Fußballplatz den Trainer interviewt oder beim Großbrand mit dem Feuerwehrkommandanten spricht.
Irgendetwas hat sich in unserer Denkweise geändert. Anscheinend leiden wir alle an einer kollektiven Gratis-Mentalitätsstörung. Wer in den 80ern und 90ern großgeworden ist, hatte sein sauer verdientes Geld in CDs investiert. Heute ist jeder x-beliebige Song nur eine Sucheingabe im Browserfenster entfernt. Wer von der Musik leben will, braucht entweder einen reichen Erbonkel oder noch fünf Nebenjobs.
Vertrauenswürdige Nachrichten von Musk, Putin und Trump?
Und Nachrichten? Früher hatte man mindestens eine Zeitung und vielleicht noch ein paar Magazine abonniert. Heute gibt’s alles umsonst im Internet. Vielleicht sollten Lokalzeitungen es so machen wie die Influencer und lieber Beauty-Tipps und Empfehlungen für Proteinshakes verbreiten. Nachrichten gibt’s dann eben nur noch von so vertrauenswürdigen Menschen wie Elon Musk, Donald Trump oder Wladimir Putin. Ob die dann auch stimmen? Das steht dann in einem anderen Blatt – aber leider hinter der Bezahlschranke.