Osiander-Chef Christian Riethmüller (l.) im Gespräch mit Redaktionsleiter Jan-Philipp Schlecht (r.) Foto: Eibner/Consentino

Vor 200 Jahren ist die erste Zeitung in Böblingen erschienen. Beim Jubiläumsfest betont Landtagspräsidentin Muhterem Aras die Bedeutung der freien Presse.

Wie eine kleine Ausstellung schmücken Titelseiten aus 200 Jahren Zeitungsgeschichte den Saal im Böblinger V8-Hotel. Von den „Wöchentlichen Bekanntmachungen“ im Dezember 1825 bis zu den Anschlägen vom 11. September 2001 spannen die Reproduktionen einen weiten historischen Bogen. Die Kreiszeitung Böblinger Bote, seit 2017 unter dem Dach der Stuttgarter Zeitung erscheinend, feiert 200. Jubiläum und hat am Donnerstag die lokale Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zum Geburtstagsfest geladen.

Hauptrednerin des Abends war die Landtagspräsidentin Muhterem Aras (Grüne), die die gesellschaftlich-politische Bedeutung der freien Presse hervorhob: „Sie ist Teil der kritischen Infrastruktur unserer Demokratie“, sagte Aras vor den rund 150 Gästen, „gerade im erregten Surren und Schnarren unzähliger Kanäle und Kommentare braucht Demokratie die klare Stimme der Presse, die einordnet und gegenprüft.“ Es brauche die Besonnenheit einer guten Recherche sowie professionelle Beiträge zur Streitkultur und Meinungsbildung.

Aras benennt Herausforderung für Verlage

Die Landtagspräsidentin benannte aber auch die aktuellen Herausforderungen für den Journalismus und die Verlage: steigende Papier- und Energiepreise, hohe Kosten in der Auslieferung, veränderte Lesegewohnheiten, der demografische Wandel. „Wenn es darum geht, in den Journalismus zu investieren, sind alle in der Verantwortung“, sagte Aras, „die Politik, wenn es um den Schutz der Verlage geht; die Verlage selbst, wenn es um Einsparungen in den Redaktionen geht; und schließlich die Leserinnen und Leser, wenn es um ihre Zahlungsbereitschaft geht.“

Gleichzeitig habe sich das gesellschaftliche Klima verändert, die „Feinde der Demokratie“ würden auch die freie Presse angreifen. Es gebe zunehmend Beleidigungen und Bedrohungen, aber auch körperliche Angriffe. „Hier ist die gesamte Härte des demokratischen Rechtsstaats gefragt“, sagte Aras, „mit der freien Presse haben wir ein unschätzbar hohes Gut, das es zu schützen gilt.“ Ein wichtiger Ansatz sei das Projekt „Zeitung in der Schule“, über das Kreiszeitung Böblinger Bote und Stuttgarter Zeitung aktuell mehr als 1000 Schülerinnen und Schüler an 20 Schulen im Kreis Böblingen erreichen. Die Jugendlichen würden hier „den Wert einer Zeitung und eines freien Journalismus“ schätzen lernen.

Megathema: Künstliche Intelligenz

Was bringt die Zukunft? Wie ist insbesondere mit dem aufstrebenden Thema Künstliche Intelligenz umzugehen? Redaktionsleiter Jan-Philipp Schlecht moderierte ein Podium zum Thema „Transformation als Chance und Verantwortung“. Kathrin Lichius, ehemalige Daimler-Managerin und KI-Expertin, warb dafür, den Wandel positiv zu gestalten. „50 Prozent meines Umfelds sehen KI als Chance, aber die anderen 50 Prozent machen sich Sorgen“, stellte sie fest, „die einzige Chance, die Menschen zu überzeugen, ist, wenn man sie das KI-Potenzial selbst erleben lässt.“ In vielen Bereichen könne und solle KI die Arbeit nicht ersetzen, aber auf wertvolle Weise unterstützen. „Es entstehen ganz neue Möglichkeiten.“

Osiander-Chef Christian Riethmüller auf der Bühne in Böblingen Foto: Eibner/Consentino

Herbert Dachs betonte, wie stark sich das Mediennutzungsverhalten der Menschen in den letzten Jahren verändert habe. Sich darauf einzustellen, sei für die Zeitungshäuser eine großer Herausforderung – neben einer „verlegerischen Haltung“ sei insbesondere eine „wirtschaftliche Haltung“ gefragt, sagte der Geschäftsführer der Medienholding Süd, zu der Kreiszeitung Böblinger Bote und Stuttgarter Zeitung gehören. „KI-Journalisten können die menschliche Berichterstattung nicht ersetzen“, so Dachs, „aber man muss KI an den richtigen Stellen anwenden.“ Bezüglich des Projekts „Zeitung in der Schule“ wünscht Dachs sich ein Angebot wie in Österreich. „Dort bekommt jeder Jugendliche ein ePaper-Abo – ein wichtiger Zugang für Familien und Kinder zur Zeitungswelt.“

Riethmüller: „Junge Leser kommen zuhauf“

Pointiert berichtete Christian Riethmüller, der Geschäftsführer und Mitinhaber der erfolgreichen Osiander’schen Buchhandlung, aus der Welt des Buchhandels und sorgte immer wieder für amüsierte Reaktionen im Publikum. In Zeiten der digitalen Transformation stelle er einen erstaunlichen Trend fest: „Junge Leute kommen zuhauf in unsere Filialen und kaufen Bücher.“ Und zwar nachdem der Titel auf der Internet-Plattform „Tiktok“ von einem Influencer empfohlen worden sei. Natürlich gehe es dabei nicht um klassische Literatur, sondern um aktuelle Jugendbuch-Genres wie „New Romance“, was bei seinen Buchhändlern durchaus für Naserümpfen sorgen würde. „Wir dürfen aber nicht den Fehler machen, das zu verurteilen“, stellte Riethmüller klar.

Künstliche Intelligenz könne Bücher schreiben, aber die Qualität sei nicht überzeugend. „Ich glaube nicht, dass die KI jemals so etwas wie , Harry Potter’ oder ,Pippi Langstrumpf’ entwickeln kann“, sagte Christian Riethmüller.

1974 – im Geburtsjahr des Geschäftsführers – hatte die Tübinger Buchhandlung Osiander ihre erste Filiale im Böblinger City-Center eröffnet. 2014 war man in die Mercaden umgezogen. Doch dort gebe es mittlerweile „zu viel Leerstand“, wie Riethmüller kritisierte. Vor einem Jahr erfolgte der Umzug in die Böblinger Bahnhofstraße. „Wir haben in Böblingen insgesamt 800 000 Euro investiert“, sagte Riethmüller.

Lesetrend als Erholung vom Digitalen?

Womöglich seien gedruckte Bücher insbesondere bei Jugendlichen wieder so gefragt, „weil man sonst den ganzen Tag das Smartphone in der Hand hält“. Das Buchlesen würde offenbar als Erholung vom Digitalen erlebt. Dennoch verschließt sich der moderne Buchhandel selbstredend nicht den technischen Entwicklungen – im Gegenteil. „Wir sind vor einiger Zeit eine Partnerschaft mit dem Branchenriesen Thalia eingegangen, um von der Infrastruktur des großen Konzerns zu profitieren – das macht Sinn.“

Wortkünstler Nikita Gorbunov Foto: Eibner/Consentino

Die kompakten Programmteile komplettierte der Wortkünstler und Poetry Slammer Nikita Gorbunov. Er pries die Gleichzeitigkeit der erzählten Geschichten in der Zeitung. „Weltpolitik neben Lokalgeschehen mit persönlicher Note“, sagte er, „alles passiert und wird nebeneinander berichtet.“

Beim abschließenden „Get together“ hallten die gehaltvollen Wortbeiträge noch spürbar nach. Zudem nutzten viele Gäste die Gelegenheit, sich von der Karikaturistin Lilli Grill zeichnen zu lassen – nicht zuletzt die Bürgermeister zeigten sich begeistert. „Keine Sorge, davon kommt nichts in der Zeitung“, sagte Redaktionsleiter Jan-Philipp Schlecht mit einem Augenzwinkern.

200 Jahre Zeitung im Kreis Böblingen

Premiere
 Am 6. Dezember 1825 erscheinen erstmals „Wöchentliche Bekanntmachungen“ in Böblingen.

Familie Schlecht
 1871 kauft der Darmsheimer Buch- und Steindrucker Jakob Schlecht den Böblinger Boten von Carl Maier.

Neuer Name
 1949 übernimmt Paul Schlecht und verändert 1967 den Namen in „Kreiszeitung Böblinger Bote“.

Digitalisierung
 1980 steigt Paul-Matthias Schlecht in die Verlagsleitung ein und führt die Zeitung ins Digitale.

2017
 übernimmt die Stuttgarter Zeitung den Verlag der Kreiszeitung. Die Redaktionsleitung hat jetzt Jan-Philipp Schlecht inne, Familiengeneration Nummer sechs.