Ambra Durante, Franzis from Berlin (or the day I grew up), 2021 Foto: Galerie Klaus Gerrit Friese/Courtesy Ambra Durante

Ambra Durante ist 20, machte mit dem Buch „Black Box Blues“ Furore und hat jetzt in der Berliner Galerie Klaus Gerrit Friese ihre erste Einzelausstellung. Eine Entdeckung!

Berlin - Hände greifen von links und rechts nach einem Körper – oder wollen sie ihn erschrocken schützen? Rumpf und Oberkörper treiben auseinander, ein strahlendes Rund kommt zum Vorschein, während sich ein Kreisgewirr aus Stadtskyline, eigentümlichen Apparaturen und mutmaßlichen Erinnerungsfetzen immer schneller zu drehen beginnt.

Feuerwerk an Figurationen

Was passiert hier? „Franzis from berlin (or the day I grew up)“ ist die Szenerie betitelt – und noch bis zum 30. Oktober in der ersten Einzelausstellung der Zeichnerin Ambra Durante in der Galerie Klaus Gerrit Friese in Berlin (Meierottostraße 1, Mo bis Sa 11 bis 18 Uhr) zu sehen. Ein Feuerwerk an Figurationen, sich immer wieder selbst verschlingend. Das Überraschende: Nie verlieren sich Ambra Durantes surreale Szenerien – die noch 20-Jährige verblüfft mit enormer Kontrolle über das von ihr angestoßene Geschehen.

„Black Box Blues“ – viel beachtetes Debüt

Ambra Durante? 2000 in Genua geboren, lebt sie seit 2007 mit ihrer Familie in Berlin. 2020 hat sie ihr Buch „Black Box Blues“ vorgelegt – noch Graphic Novel, schon eine nicht enden wollende Zeichnung. Ein Überraschungserfolg für Durante und den Wallstein-Verlag. Der Erfolgsautor Daniel Kehlmann notierte: „Das ist so profund, traurig und wahr, zugleich mit so trügerisch leichter Hand hingeworfen, wie ich lange nichts Vergleichbares gesehen habe. Die Nacht der Seele, erhellt vom Witz einer tänzerischen Intelligenz. Ich bin verblüfft und voll Bewunderung.“

Keine Frage des Alters

Begeistert von „Black Box Blues“ war auch der Berliner Galerist Klaus Gerrit Friese. „Ich habe sofort gedacht, dass Ambra Durante weiß, was sie tut“, sagt er. „Da kommt es nicht auf das Alter an.“

Willkommen in der Kunstwelt

Immer schon ist Friese der Verbindung von Bild und Schrift auf der Spur, der Gegenbewegung auch von kühner Setzung und dem gegenseitigen Verschlingen des eben zeichnerisch Formulierten. Jetzt sind die Bildfindungen Ambra Durantes in den Galerieräumen zu sehen – und die Präsentation lässt den Gedankenfluss der Zeichnerin bewusst gelten. Der Galerist ist sicher: „Die Zeichnungen bleiben bei sich und halten die Kunstwelt aus.“

Bilder gegen das Verzweifeln

Und wie sieht Ambra Durante selbst den Schritt vom Buch in den Ausstellungsraum? „Wenn ich meine Bilder hängen sehe“, sagt sie, „ist es so, als würde ich die Möglichkeit bekommen, die Geschichten, die ich mir ­versuche, selbst zu erzählen, noch mal anders wahrzunehmen.“ Durante spricht ruhig, mit eigener Bestimmtheit. „Für mich“, sagt sie, „sind meine Bilder, meine Gefühle, ­meine Geschichten, die Erinnerungen an Menschen, die ich liebe, der Versuch, den wichtigen Dingen in meinem Leben Respekt zu erweisen und sie irgendwie unendlich zu machen.“ Und sie ergänzt: „Sie sind da, weil ich die Möglichkeit brauche, nicht zu verzweifeln.“

Erleichtert Zeichnen das Leben?

Die Ausstellung zeigt Wirkung. Wie schon bei Frieses erstmaliger Galerie-Präsentation der Tagebuchzeichnungen von ­Literaturnobelpreisträger Peter Handke 2017 kommt „ein neues Publikum“ (Friese). Das, sagt der Galerist, schärfe den Blick. „Gehe ich durch die Ausstellung“, sagt Friese, „sehe ich erstaunt: Also das stellst du gerade aus. Diese Verwicklungen und Auflösungen der Bildmotive.“

Durante studiert Filmwissenschaft

Das genau zu erfassen, brauche Zeit. Umso mehr, kann man hinzufügen, als die Linien von Ambra Durante immer nur scheinbar enden, sich aber tatsächlich immer neu verknüpfen, Umwege bewusst in Kauf nehmen, ja fast suchen. „Ich zeichne schon so, so lange“, sagt sie in einem Film zur Ausstellung, „ich glaube, ich tue es, weil es die Sachen einfacher erscheinen lässt.“

Seit ihrer Kindheit zeichnet Durante – und doch zieht es sie nach dem Abitur nicht an eine Kunstakademie. Sie studiert Filmwissenschaften an der Freien Universität Berlin. Filmische Verfahren interessieren sie und müssen ihr zuweilen doch vorkommen, als nähere man sich mit ihnen nicht den Menschen, sondern entferne sich immer weiter von ihnen. Selbst arbeitet sie, schreibt sie, zeichnet sich durch unterschiedlichste Materialien – Leinwand, Karton, Einkaufstüten, Schießkarten und anderes.

Wortwitz und Bildwitz

Überbordenden Szenerien stehen Blätter gegenüber, in denen Einzelfigurationen aus den dicht gewebten Geschichten hervortreten – Geistern gleich, die mal eben vorbeischauen, um zu testen, ob man sich noch vor ihnen fürchtet.

Ambra Durante agiert aus ihrer Generation heraus. „Fridays to mute her“ heißt eine Szenerie, die Wortwitz und Bildwitz ganz selbstverständlich auch im Dialog mit der Fridays-for-Future-Bewegung möglich macht. „Nie hätte ich gedacht, dass das Meer untergehen kann“, ist da zu lesen.

Diese Bilder vergisst man nicht

Die Gesellschaft zielt auf Neubeginn. Ambra Durante auch? „Manchmal“, sagt sie, „habe ich negative Assoziationen mit diesen Begriffen, weil ich daran denke, dass man am liebsten ganz schnell wieder etwas Neues will und das, was gerade noch passiert ist, unter den Teppich kehrt und am liebsten sofort vergisst.“ Ambra Durantes Bilder vergisst man nicht – einen solchen Antritt hat die Kunst länger nicht gesehen.

In Kürze

Künstlerin
 2000 in Genua geboren, lebt Ambra Durante seit 2007 mit ihrer Familie in Berlin. Sie studiert Filmwissenschaften an der FU Berlin.

Ausstellung
 Die Schau „Ambra Durante – Lack of sleep is my eye shadow“ ist bis zum 30. Oktober in der Galerie Klaus Gerrit Friese in Berlin (Meierottostraße 1, Mo bis Sa 10 bis 18 Uhr) zu sehen.