Das Polizeipräsidium hat seine jährliche Kriminalstatistik veröffentlicht. Anders als in den vergangenen Jahren, sind die Straftaten im Kreis Böblingen mehr geworden. Besonders eine Tätergruppe beschäftigt die Polizei.
Überrascht zeigt sich das für den Kreis Böblingen zuständige Polizeipräsidium Ludwigsburg davon, wie deutlich im vergangenen Jahr sowohl die Fälle von Straftaten als auch die Zahl der Tatverdächtigen gestiegen sind.
In ihrer Kriminalstatistik wertet die Polizei jedes Jahr die Delikte des Vorjahres aus und liefert Erklärungsversuche für die Entwicklungen.
In fast allen Deliktgruppen gibt es mehr Straftaten
Zum ersten Mal seit zehn Jahren ist der leichte Abwärtstrend in der Kriminalität gebrochen. „Die Tendenz der letzten zehn Jahre war insgesamt leicht rückläufig – natürlich nicht linear, sondern mit Auf- und Abwärtsbewegungen, aber doch rückläufig“. sagt Polizeisprecher Steffen Grabenstein. Zwar hätten sich auch im letzten Sicherheitsbericht, der im vergangenen Jahr erschien, schon Anstiege bei einigen Straftaten angezeigt – unter anderem Diebstahls- und Rohheitsdelikte – aber dass durch die Bank weg in fast allen Deliktgruppen mehr Straftaten verzeichnet wurden, habe verwundert.
Eine für die Polizei besorgniserregende Entwicklung betrifft die Kinder- und Jugendkriminalität. Zwar seien über den gesamten Zuständigkeitsbereich des Präsidiums 78,5 Prozent aller Tatverdächtigen Erwachsene, aber es sei auffällig, „dass prozentual betrachtet die Altersgruppe der Kinder den anteilig höchsten Zuwachs verzeichnet“, heißt es in der Kriminalitätsstatistik. Dieser Zuwachs betrifft Kinder unter 14 Jahren. 516 Kindern (2023: 96/22,9 Prozent Zuwachs) wurden im Kreis Böblingen im vergangenen Jahr Straftaten vorgeworfen. Bei den Jugendlichen und Heranwachsenden waren es 1,9 beziehungsweise 1,5 Prozent mehr.
Kinder und Jugendliche öfter straffällig
„Die zunehmende Jugendkriminalität sowie die immer größer werdende Zahl delinquenter Kinder und Jugendlicher ist ein Problem, das uns weiterhin beschäftigt“, erklärt der Leiter des Polizeipräsidiums Ludwigsburg, Thomas Wild. „Die Zahlen spiegeln aber auch wider, dass wir immer wieder Schwerpunkte in dem Bereich gesetzt und viele Kontroll- und Einsatzmaßnahmen durchgeführt haben.“
Besonders aktiv sind Minderjährige und Heranwachsende demnach beim Thema Rohheitsdelikte (Körperverletzungen, Bedrohung oder Raub). Im gesamten Präsidiumsbereich gab es im vergangenen Jahr 1654 solche Straftaten, die von Tatverdächtigen unter 21 verübt wurden. Im Kreis Böblingen gab es darunter 346 Fälle (46,6 Prozent mehr) von einfacher Körperverletzung und 134 Fälle (42,6 Prozent mehr) von schwerer Körperverletzung, bei denen die Tatverdächtigen Kinder, Jugendliche oder Heranwachsende sind.
Mehr Gewalt an Schulen
Eigens erwähnt wird in der Kriminalstatistik das Thema Messerangriffe, das im vergangenen Jahr große mediale Aufmerksamkeit bekommen hat. 222 Vorfälle habe es in den Kreisen Böblingen und Ludwigsburg zusammen im vergangenen Jahr gegeben, davon 78 im öffentlichen Raum. Dabei habe die Zahl der tatverdächtigen Jugendlichen zwar abgenommen, aber Kinder waren öfter verdächtig. 19 Kinder werden im vergangenen Jahr im Zusammenhang mit einem Messerangriff gesehen. Das sind 111,1 Prozent mehr als im Vorjahr.
Auch Gewalt und Kriminalität in Schulen hat deutlich zugenommen. Meist gehe es dabei um Körperverletzungen und Bedrohungen. Im Kreis Böblingen wurde mit 104 Fällen ein Anstieg von 89,1 Prozent verzeichnet. Auch hier waren die Tatverdächtigen mehrheitlich Kinder und Jugendliche. Im ganzen Präsidiumsbereich wurden insgesamt 324 Menschen Opfer von Schulgewalt – überwiegend Kinder und Jugendliche, aber auch 14 Erwachsende. Von den 328 Tatverdächtigen waren 309 Kinder und Jugendliche. Sieben waren Heranwachsende, zwölf Erwachsene.
Kriminalität hat viele Einflussfaktoren
Die eine Erklärung, an der man die Entwicklungen bei der Kriminalität festmachen könne, könne man nicht liefern, so Grabenstein. Dafür seien die Einflussfaktoren zu vielfältig. Ein Punkt sei, dass im Jahr 2024 viele Wahlen abgehalten wurden. In Wahljahren, erklärt der Pressesprecher, würde ein Anstieg von politisch motivierter Kriminalität verzeichnet. Insbesondere Sachbeschädigungen und Beleidigungen gingen im Vorfeld einer Wahl hoch.
Auch verstärkte Kontrollen bestimmter Delikte, verändertes Anzeigeverhalten, Erfassungsrückstände oder Gesetzesänderungen – zum Beispiel das Cannabisgesetz oder eine Erweiterung des Straftatbestands bei Gewalt gegen Polizeibeamte – schlügen sich in den Fallzahlen nieder. Ebenso müsse man bedenken, dass es teilweise Serienstraftaten gebe, die die Zahlen erhöhten.
In der aktuellen Statistik, sagt Grabenstein, seien solche Serien im Bereich Untreue und bei den Vermögens- und Fälschungsdelikten zu finden.
Polizeistatistik 2024
Kreis Böblingen
Das Polizeipräsidium Ludwigsburg ist für den Kreis Böblingen zuständig. In dieser Woche hat es die Polizeiliche Kriminalstatistik veröffentlicht. Darin sind die Zahlen von Straftaten nach Deliktarten, Herkunft und Alter von Tatverdächtigen aufgeführt.
Straftaten
Im Jahr 2024 hat die Polizei im Kreis Böblingen insgesamt 17 702 Straftaten aufgenommen. Das sind 2193 Fälle mehr als im Jahr davor. Das ist ein Anstieg von 14,1 Prozent.
Kriminalitätsbelastung
Auf 100 000 Einwohnende im Kreis Böblingen kamen im vergangenen Jahr 4411 Straftaten. Im Jahr 2023 waren es 519 weniger. Die Belastung ist damit um 13,3 Prozent gestiegen.
Tatverdächtige
Die Anzahl der Tatverdächtigen ist 2024 im Kreis von 8089 auf 9405 gestiegen. Das sind 16,3 Prozent mehr. Den zahlenmäßig geringsten Anstieg (rund 200 mehr) gab es demnach in der Gruppe der Geflüchteten und der Asylsuchenden. Männer machen durch die Bank weg mit 76 Prozent den größten Teil der Verdächtigen aus.
Nationalitäten
Seit einigen Jahren nennt die Polizei in ihrer Kriminalstatistik die Herkunft von Tatverdächtigen. Das soll die in der Öffentlichkeit teils emotional und unsachlich geführte Debatte über Ausländerkriminalität versachlichen und Spekulationen den Nährboden entziehen, so die Polizei.
Aufklärung
Insgesamt konnten im Kreis Böblingen im Jahr 2024 mehr Straftaten aufgeklärt werden als in den beiden Vorjahren. Die Aufklärungsquote stieg um 2,5 Prozentpunkte auf 67,7 Prozent. Landesweit ging sie dagegen zurück.
Schaden
Durch die Kriminalität wurde im Kreis Böblingen im vergangenen Jahr ein finanzieller Schaden von 16 017 451 Euro angerichtet. Das sind rund zwei Millionen (14,4 Prozent) mehr als im Vorjahr. Landesweit nahm der Schaden dagegen ab.