Der Verkehrsexperte Felix Berschin engagiert sich seit Jahren bei Themen rund ums Bahnfahren. Er glaubt: Der Kreis hat sich bei der Schönbuchbahn übernommen.
Ein Leserbrief zur Schönbuchbahn aus dem Jahr 2017 hat angesichts der anhaltenden Probleme rückblickend einen fast prophetischen Charakter. Martin Schimpf aus Böblingen fragt darin in Anlehnung an den neuen Tiefbahnhof in Stuttgart „Setzen wir Schönbuch 21 auf das Gleis?“
In seinem Leserbrief kritisiert er die Entscheidung, Züge zu kaufen, die es „so noch gar nicht gibt“. Nun ist der Vergleich mit Stuttgart 21 sicher überspitzt – und doch: Erst verzögerte sich die Inbetriebnahme der neuen Elektrozüge wegen Schwierigkeiten bei der Zulassung um vier Jahre, dann fuhren sie kurz, um nur wenig später wegen technischer Probleme wieder still zu stehen. Aktuell fahren nur Busse, der Hersteller CAF will die Züge am 23. Februar wieder auf die Schiene bringen. Ein nächster Versuch.
„Maßgeschneidertes“ Fahrzeug gefragt
Lag der Leserbriefschreiber also richtig? War es leichtfertig, eine Sonderentwicklung in Spanien in Auftrag zu geben? „Ich hatte immer schon ein Störgefühl“, sagt dazu der Bahnexperte und Jurist Felix Berschin, der bereits dem baden-württembergischen Verkehrsministerium und mehreren Landkreisen beim Thema ÖPNV zur Seite stand.
Seiner Meinung nach hat sich der Landkreis Böblingen damals überschätzt und auf die falschen Berater gehört. „Er hat sich auf dieses Risiko eingelassen, ohne dass es dafür eine Notwendigkeit gab“, sagt Berschin. Man wollte damals – im Jahr 2016 – ein für die Schönbuchbahn „maßgeschneidertes“ Fahrzeug, wie den Sitzungsunterlagen zu entnehmen ist.
Das Fahrzeug sollte den angestrebten 15-Minuten-Takt zwischen Böblingen und Holzgerlingen schaffen und – vereinfacht gesagt – in der Lage sein, bei niedrigem Energieverbrauch zwischen den dicht beieinander liegenden Haltepunkten schnell zu beschleunigen und schnell abzubremsen.
Sonderentwicklung nicht notwendig
Der Zweckverband Schönbuchbahn (ZVS) entschied sich für das baskische Unternehmen CAF und damit für das günstigste Angebot. Dem ZVS gehören die Landkreise Böblingen und Tübingen an, den Vorsitz hat der Böblinger Landrat Roland Bernhard.
Den Risiken einer Neuentwicklung war man sich damals durchaus bewusst. Eine Bedingung der Ausschreibung war daher, dass das Unternehmen, das die Züge liefert, über die üblichen Gewährleistungszeiten hinaus für die Wartung, die Inspektion und die Instandhaltung zuständig ist.
Folgt man Berschin, wäre diese „absolute Sonderentwicklung“ nicht notwendig gewesen. Die Mischung aus Zug und Straßenbahn mache alles nur kompliziert, was sich auch am Zulassungsprozess gezeigt habe. Hinzu komme: „CAF hatte wenig Erfahrung, was Zulassungsprozesse in Deutschland betrifft.“ Nach der Straßenbahn in Freiburg waren die Nexio-Züge das zweite Projekt des baskischen Unternehmens in Deutschland.
Zudem sieht Berschin die Expertise von CAF eher im Bereich des Straßenbahnbaus. „Das machen sie sehr gut.“ Mit Triebfahrzeugen habe das Unternehmen hingegen weniger Erfahrung.
Kreise bringen zu wenig Erfahrung mit
Statt einer Neuentwicklung wäre es laut Berschin möglich gewesen, auf bestehende Modelle zu setzen. Als Beispiel führt er die elektrischen Züge an, die in den vergangenen Jahren als Ersatz für die noch nicht zugelassenen Nexios im Mischverkehr mit den Dieselzügen auf der Schönbuchbahn gefahren waren und den 15-Minuten-Takt ebenfalls geschafft hatten, darunter die kurzen S-Bahnen, die aus dem Jahr 1999 stammen.
Und wenn es schon eine Neuentwicklung sein muss, so wäre es aus Berschins Sicht sinnvoll gewesen, zumindest die Kräfte zu bündeln und mit anderen Akteuren zusammen eine Bestellung über eine größere Stückzahl aufzugeben, wie es nun aktuell die benachbarte Stadtbahn Neckar-Alb mache.
Ein Problem sieht der Experte darin, dass Landkreise, die wie der Kreis Böblingen nur eine oder zwei Nebenbahnen haben, zu kleine Akteure sind und zu wenig Erfahrung im Eisenbahngeschäft mitbringen. Obwohl es wie im Böblinger Fall häufig auf ihr Engagement zurückgeht, dass solche Strecken überhaupt reaktivieren wurden und werden.
Expertenrat: Ersatzzüge beschaffen
Um Erfahrung zu konzentrieren und bei Bestellungen höhere Stückzahlen zu erreichen, plädiert Berschin dafür, den Betrieb von Nebenbahnen auf Landesebene anzusiedeln. „Oder zumindest bei der Region.“ Eine Entwicklung, die schon im Gange sei. „Der Trend geht hin zu größeren Einheiten“, nimmt er wahr.
Mit Blick auf die aktuelle Situation auf der Schönbuchbahn rät er: „Man muss jetzt alles dafür tun, Ersatzfahrzeuge zu beschaffen“. Berschin ist skeptisch, dass die Nexios bis zum vom Landrat gestellten Ultimatum einsatzbereit sind. Bernhard hatte jüngst den Druck auf CAF deutlich erhöht.
Nach einem Krisengespräch am Freitag sicherte das spanische Unternehmen zu, deutlich mehr technisches Personal nach Böblingen zu schicken und die Fehler auszumerzen, um bis 23. Februar genügend Nexio-Züge bereitstellen zu können. Dann ist nämlich auch der Ersatzverkehr wegen einer Baustelle nicht mehr reibungslos möglich.
Finanzielle Beteiligung des Landes
Schönbuchbahn
Die 17 Kilometer lange Schönbuchbahn verbindet Böblingen mit Dettenhausen im Landkreis Tübingen. Sie wurde erstmals 1911 in Betrieb genommen und 1966 zwischenzeitlich eingestellt. 1993 beschlossen die Landkreise Böblingen und Tübingen die Schönbuchbahn zu reaktivieren. Zwischen 2016 und 2019 wurde die Strecke ausgebaut und elektrifiziert.
Beteiligung des Landes
Vor allem mit Blick auf die Finanzierung hatte Landrat Roland Bernhard von Anfang an auf ein stärkeres Engagement des Landes gepocht. Im Januar dieses Jahres gab er bekannt: Das Land Baden-Württemberg beteiligt sich erstmals an den Betriebskosten der Schönbuchbahn. Für die Jahre 2025 und 2026 fließen jeweils rund 1,5 Millionen Euro, von 2027 bis 2031 dann etwa 2,5 Millionen Euro jährlich, inklusive eines Reaktivierungszuschlags.