Rapper? Songwriter? Rocker? Zartmann aus Berlin beweist beim Konzert in Stuttgart, dass er alles sein kann und will. Unsere Kritik vom Konzert in der ausverkauften Porsche-Arena.
Von Zartmann kennt man das Gesicht, den Nachnamen, man weiß, dass er aus Berlin kommt und geboren wurde am 18. Oktober. Was man nicht weiß: Seinen Vornamen und das Jahr seiner Geburt. Was man außerdem weiß: Zartmann veröffentlichte bislang nichts als eine Reihe von Songs, kein ganzes Album. Er erschien vor vier Jahren auf der Bildfläche, ohne dass jemand größere Notiz von ihm nahm. Er katapultierte sich im vergangenen Jahr an die Spitze der Hitparaden. Er füllt die Porsche-Arena restlos mit jungen Menschen. Unter den Newcomern ist er die aktuelle Nummer eins. Und: Er kann die AfD nicht leiden.
Zartmann: „Fick die AfD, ich frag mich wirklich, wer die wählt.“
Das Erste, was die Fans von Zartmann am Donnerstagabend zu sehen bekommen, ist ein Banner, das sich knapp und böse gegen diese Partei wendet. Zuerst und zuletzt wird Zartmann dann auch „Meinen die uns“ singen, seinen Song mit der Zeile: „Fick die AfD, ich frag mich wirklich, wer die wählt.“ Beim zweiten Auftritt des Songs, in der Zugabe dann, singt Kasi mit, Rapper aus Frankfurt und Mitautor des Stücks. Ehe Zartmann auf der Bühne erscheint ist Anaïs da, eine Münchnerin, die in die Hauptstadt zog. Sie wird wiederkommen, mit eigener Show im September, sie steht am Donnerstag vor Zartmanns Vorhang, lässt sich begleiten nur von einem Gitarristen, der sehr zurückhaltend agiert, während die Sängerin reichlich Temperament zeigt und einheizt, für den Star des Abends. Dann pocht der graue Gazevorhang vor der Bühne, und fällt: Zartmann und seine Band sind da.
In rund 110 Minuten erlebt das Publikum einen jungen Künstler, der überaus selbstbewusst auftritt – und vielseitig: Denn Zartmann bleibt kaum einen Song lang einem Stil treu. Er ist mal Rapper, mal Songwriter, greift selbst zu Gitarren, vertieft sich in Soli, lässt wildes Rockpathos aufsteigen, spaziert in der populären Musikgeschichte herum und liest auf, was immer sich in sein Mosaik aus Retro-Momenten und deutschem Straßenrap einfügt. Die Stilzitate sind sämtlich sehr bewusst gesetzt.
Zartmann holt für „Dafür bin ich frei“ Bausa auf die Bühne
Es gibt Momente, die klingen aufgekratzt, punkig, Momente, die gleiten dahin wie ein entspannter Rocksong der späten 1970er – und auch jenen Moment, in dem sehr lange Orgelklänge vor einem glitzernden Vorhang schweben, psychedelische Gitarre dazu, und Zartmann sich im Dialog Gedanken macht über den Erfolg, ehe er in den Song „Dafür bin ich frei“ einsteigt.
Und da ist dann plötzlich auch Bausa bei ihm, Rapper aus Bietigheim-Bissingen, mit dem Zartmann diesen Song aufnahm. Dann wieder schmettert Zartmann die Silben in schneller harter Folge, reimt oder singt eine einfache Melodie oder erscheint, weit droben in seinem Bühnenbild, allein auf einem roten Balken, mit der akustischen Gitarre in der Hand, und singt: „Wir wollten niemals so sein“ – „Fuß baumeln“ heißt das Stück.
Leuchtend rotes Konfetti füllt die Porsche-Arena
Zartmanns Bühne ist eine ansteigende halboffene Einfassung, im Innern wie ein Mäuerchen gestaltet. Sie umschließt seine Band – Gitarre, Bass, Schlagzeug, Keyboards. Manchmal beherrscht Zartmann alleine die Bühne, haben seine Musiker nichts zu tun – dann legen sie sich entspannt in der Kulisse nieder. Ganz zu Beginn der Show lässt Zartmann die Porsche-Arena füllen mit leuchtend rotem Konfetti. Er öffnet eine Flasche Sekt auf der Bühne und wirbt also für das Unternehmen, das seine Tour begleitet, aber er weiß: Es gibt auch guten Sekt aus Esslingen.
Zartmann rappt von der Großstadt, von Drogen und von Einsamkeit. Er tritt auf als lange schnippender und summender Schatten und singt: „Ich bin zu stolz zum Gehen und zu stolz zum Bleiben.“ Allerdings: Er geht auch hinaus in Publikum, taucht ein dort und bleibt lange da. Er bringt die Porsche-Arena dazu, im Chor mit ihm zu singen, einstimmig, laut. Er singt mit Aaron, seinem besten Freund, Aarons Song „Sommer“. Zartmann springt herausfordernd und wild über die Bühne, zeigt Energie, vom ersten bis zum letzten Augenblick. Noch nicht lange ist es her, da kannte keiner seinen Namen. Nun zieht er alle Register, will augenscheinlich dafür sorgen, dass keiner ihn wieder vergisst. In Stuttgart spielt er die zweite Show seiner Tour – und ganz zu Beginn steht er dort auf der Bühne und sagt: „Das ist das größte Konzert meines Lebens zu diesem Zeitpunkt!“