Wegen Personalmangels fährt unter anderem das Astrid-Lindgren-Haus in Holzgerlingen nur eine Notbetreuung. Für viele Eltern verschärft sich die familiäre Situation nochmals.
Das Kind morgens in die Kita bringen und am Nachmittag abholen – so sollte Kinderbetreuung eigentlich funktionieren. Die Realität sieht heute oftmals anders aus: Fast überall im Land fehlt es an Personal und damit an einer zuverlässigen Kinderbetreuung. In Holzgerlingen ist dies nicht anders. Auch hier spüren Eltern und Kinder die Folgen des Fachkräftemangels.
Vor anderthalb Jahren bereits suchte Lena Kallfass, zweifache Mutter, die Öffentlichkeit, um über die Missstände zu berichten. Schon damals ging es um Notbetreuung und verkürzte Betreuungszeiten. Im Blickpunkt seinerzeit die Kita Wengertsteige, das Astrid-Lindgren-Kinderhaus und die Kita Dörnach. Während die große Tochter inzwischen in die Schule geht, erlebt die Familie bei ihrer Jüngeren im Astrid-Lindgren-Kinderhaus derzeit, was es heißt, wenn durch Krankheitsausfälle, Personalmangel und Fluktuation der Kita-Alltag leidet.
Betreuungsausfälle wirken sich fatal aus
„Die Situation ist katastrophal. Wir rutschen wöchentlich in die Notbetreuung oder brauchen Unterstützung aus anderen Häusern, weil das Personal nicht ausreicht. In Krankheitsphasen ist alles noch extremer“, sagt Kallfass. Notbetreuung heißt, dass nur Kinder, deren familiäre Situation es zwingend erfordert, in der Vor-Ort-Betreuung berücksichtigt werden können. „Die andere Hälfte muss zuhause bleiben“, erzählt die Holzgerlingerin. Sie hätten den Engpass familiär abfangen können. Das könnten aber nicht alle, weiß Kallfass: „Nicht alle haben flexiblere Jobs oder die Großeltern um die Ecke.“
Verschärft habe sich die Lage durch die Schließung der Kita Hohenzollernpark. Dort wurden mehr als ein Dutzend Kinder und eine Handvoll Erzieher in das Astrid-Lindgren-Kinderhaus umgesiedelt. Die Idee, die Ressourcen zu bündeln, sei aber gescheitert, meint Kallfass: „Leider schmissen ein paar Erzieherinnen hin, sodass letztendlich mehr Kinder auf weniger Personal kommen.“
Nicht nur die Eltern brächte das aktuell wankende System in die Bredouille, auch die Kinder litten unter den Umständen. Aktuell würden im Astrid-Lindgren-Haus nicht nur Betreuungszeiten gestrichen, sondern auch Tagesroutinen wie der Morgenkreis und das gemeinsame Frühstück. „So frühstückt jedes Kind selbst oder auch nicht“, erzählt Lena Kallfass.
Krankenstand erschwert die Betreuungslage zusätzlich
Dass sich mit der aktuellen Grippewelle alles noch schwieriger gestaltet, bestätigt Manuela Dierich, Sachgebietsleitung Bildung und Betreuung, bei der Stadt: „Wir haben einen enorm hohen Krankenstand. Dazu kommen OPs und Kuren.“ Um die Lage zu entschärfen, habe man Erzieher aus anderen Einrichtungen rekrutiert. Das habe funktioniert. In Bezug auf das Astrid-Lindgren-Haus sagt Dierich aber: „Wenn vom Stammpersonal nur noch ein oder zwei Fachkräfte anwesend sind, können die Kinder nicht nur mit für sie fremden Leuten betreut werden.“ So sei die Entscheidung für eine Notbetreuung unabdingbar gewesen. Das betreffe im Übrigen auch die Kita Dörnach.
Hauptamtsleiter Jan Stäbler erkennt die Notlagen an, in die Eltern wegen der Betreuungsausfälle schlittern: „Die Situation ist für alle herausfordernd und sehr belastend, das ist uns bewusst.“ Dennoch sei man bestrebt, für die Kinder „bestmögliche Rahmenbedingungen zu schaffen und deren Entwicklung bei den Anstrengungen in den Mittelpunkt zu stellen.“ Alle Erzieherinnen und Erzieher engagierten sich „über das erwartbare Maß hinaus“, seien flexibel, indem sie „für Kollegen einspringen und Vorbereitungszeiten zugunsten der Arbeit mit Kindern aufgeben“, betont der Hauptamtsleiter gegenüber unserer Zeitung.
Dass auch dieses System an seine Grenzen komme und dann nur noch durch Eltern und Großeltern funktioniere, auch darauf weist die Stadtverwaltung angesichts der Realitäten hin. „Es ist selbstredend, dass das nicht ohne Weiteres und nicht in allen Familien problemlos ermöglicht werden kann. In Notlagen hilft jede Hilfsbereitschaft in Familien, im Freundeskreis oder in Nachbarschaften, damit Kinder immer gut begleitet werden“, erklärt Stäbler.
Kita-Eltern wünschen sich mehr Engagement und Austausch der Stadt
Die auch als Reaktion auf die Eltern-Kritik ins Leben gerufene „Zukunftswerkstatt“ – einem Format, das Eltern, Erzieher und Stadt an einen Tisch bringt und bisher viermal stattfand – schätzt Lena Kallfass. Eine daraus resultierende Idee war ein Betreuungsmodell, nach dem maximal 15 Kinder durch drei ungelernte Kräfte an Nachmittagen betreut werden.
Kallfass jedenfalls würde sich eine Vertiefung der Zukunftswerkstatt wünschen: „Gerade die Erzieherinnen haben Einblicke, auf die gehört werden sollte.“ Auch bei der Rekrutierung neuen Personals würde sich die Mutter mehr Offenheit wünschen: „Es gibt Kommunen, die sind digital aktiver und bieten Gesamtpakete, die das Fachpersonal in ihre Städte und Gemeinden lockt.“
Die Stadtverwaltung verweist hier hingegen auf die schwierige Gesamtlage auf dem Jobmarkt. „Aktionismus in Bezug auf Stellenausschreibungen sind unserer Ansicht nach nicht die Lösung, da entsprechende Fachkräfte fehlen. Gute Fachkräfte haben in der Regel feste Arbeitsplätze“, so Manuela Dierich. Dennoch verspricht die Stadt, im Austausch mit allen Beteiligten zu bleiben: „Die Weiterführung in Form eines ‚Runden Tisches Kinderbetreuung’ ist selbstverständlich und wird langfristig einen Austausch sichern“, so Stäbler.