Die Böblinger Kantorei interpretiert in der Stadtkirche die Markus-Passion von Charles Wood – und kein Platz bleibt unbesetzt.
Der Name Wood ist im Zusammenhang mit dem englischen Musikleben vor allem bekannt über Henry Wood als den Förderer und Entwickler der berühmten Proms. Das sind jene Konzerte, die in der Royal Albert Hall stattfinden und die von bis zu über 8000 Zuhörern verfolgt werden. Geschätzt in England und hierzulande nahezu unbekannt ist der Komponist Charles Wood, der sich vor allem gebrauchsfähiger Kirchenmusik widmete und es zum Professor an der Universität in Cambridge brachte.
Seine Markus-Passion in der Besetzung Solisten, Chor und Orgelbegleitung wurde jetzt in der Böblinger Stadtkirche aufgeführt, die erfreulicherweise einschließlich des allerletzten Platzes besucht war. Unter den Zuhörern auch Böblingens OB Stefan Belz. Dirigent Eckhart Böhm, der seit 20 Jahren die Kantorei leitet, hatte den englischen Text ins Deutsche übersetzen lassen. Gegenüber unserer Zeitung äußerte er: „Diese Komposition beinhaltet sehr viel Text für den Chor und die Solisten, und es war uns wichtig, dass sowohl der Chor als auch das Publikum die komplexe Handlung nachvollziehen können.“
Solisten und Orgel schaffen differenzierte vokale Dramaturgie
Der musikalische Verlauf ist ausgewogen, erhält aber durch die relativ kurzen Passagen der Gesangssolisten und durch die Wechsel der Klangfarbenregister der prächtigen Böblinger Orgel eine differenzierte vokale Dramaturgie. Die geschilderte Handlung beschränkt sich vor allem auf das heilige Abendmahl, bei dem Jesus seinen Verrat voraussagt, seine Verurteilung und seinen Tod am Kreuz.
Die tragende Rolle liegt beim Chor, der seinen ersten dramatischen Aufschwung eindrucksvoll bewältigte, als die „große Schar“ mit Schwertern und Stangen kam und das Unheil seinen Lauf nahm. Die Wiedergabe des Chores gefiel vor allem darin, dass er nicht nur präzise sang und artikulierte, sondern einen lebendigen vokalen Duktus gestaltete. So überzeugten auch die expressiv realisierten Chorsätze, bei denen unter anderem der Pöbel Jesus ins Angesicht schlägt. Äußerst gelungen war auch die musikalische Umsetzung des Echoeffektes bei den Rufen des Volkes nach der Kreuzigung. Parallelen zum heutigen Weltgeschehen drängten sich auf.
Lyrische Ausdrucksintensität konnte die Kantorei aber auch in den verhaltenen Passagen demonstrieren, etwa beim gesungenen Trauermarsch bei der Übergabe Jesus’ an seine Folterer und Mörder. Emotionale Wirkung erzeugte auch die Klangfarbenmischung bei der lähmenden Atmosphäre, als sich im Angesicht des gekreuzigten Jesus eine Finsternis über das Land erhob. Berührend am Schluss der Aufführung war auch die in sich gekehrte Stimmung bei der ergänzenden Interpretation der Komposition von John Stainer „Also hat Gott die Welt geliebt“, die der Chor mit sanftem Leuchten musizierte.
Bass bildet mit warm getönter Stimme einen wirkungsvollen Kontrast
An der Orgel erwies der Renninger Roland Gäfgen spieltechnische Souveränität und Fantasiereichtum bei der Auswahl der unterschiedlichen Registerfarben. Die Tenorpartie gestaltete Michael Seifferth. Sein Gesang war charakterisiert durch exzellente Textverständlichkeit, differenzierte Klangfarbengestaltung und auch notwendige Standfestigkeit. Den meisten Anteil neben ihm hatte der dunkel eingefärbte Bariton Patrick Rützel. Er gestaltete seine Partie mit kernigem Timbre und vokaler Wucht.
Zum guten dramatischen Gesamteindruck trug der Bass Burkhard Seizer bei, er bildete mit seiner warm getönten Stimme einen durchaus wirkungsvollen Kontrast. Den Sopranpart, der sehr kurz war, übernahm Laetitia Feige, die in der Golgathaszene gemeinsam mit den Sopranistinnen des Chores zu einer intensiv lyrischen Wirkung beitrug. Die Komposition ist charakterisiert durch einen expressiven Ernst und es dauerte doch eine kurze Zeit, bis das Publikum in der Stadtkirche begeistert und anerkennend applaudierte.