Die Pfarrbeauftragte Christiane Breuer zählt zu den mittlerweile fünfzig katholischen Laien-Theologen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, die taufen können.
Viele kleine Schritte geht die Katholische Kirche in die Zukunft. Dass auch Christiane Breuer, 62, seit kurzem das Taufsakrament spenden darf, ist für sie ein weiterer kleiner Schritt in diese Zukunft. Doch wird es noch bis zum 30. März dauern, bis die Pfarrbeauftragte von Dagersheim-Darmsheim zum ersten Mal einen Säugling mit einem Taufgottesdienst in die Kirche aufnehmen wird.
Bereits im Jahr 2022 hat der damalige Bischof Gebhard Fürst per Dekret angeordnet, dass in der Diözese Rottenburg-Stuttgart künftig Laien-Theologen die Taufe spenden dürfen. Damit war Rottenburg-Stuttgart nach Essen das zweite Bistum in Deutschland, das diese Regelung einführte. Dabei ging es gerade nicht um den Priestermangel, unter dem die Katholische Kirche leidet, und darum, dass es zu wenig Priester und Diakone gibt, die Sakramente spenden können: Es geht um ein Stück Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau in der Katholischen Kirche.
Es geht um ein Stück Gleichberechtigung
Im ersten Durchgang 2023 wurden 26 Bewerber, 22 Frauen und vier Männer, zur Taufliturgie zugelassen. Im zweiten Durchgang war auch Christiane Breuer mit dabei. Vor drei Wochen, am 27. November, wurde sie von Diözesan-Administrator Clemens Stroppel zusammen mit 29 weiteren Laien im Rottenburger Dom mit der Taufe beauftragt. Laien heißt in dem Fall, dass die Bewerber katholische Theologie studiert haben, aber nicht zum Priester geweiht sind.
Sie hat den Auftrag deswegen übernommen, einfach weil die Verantwortlichen der Seelsorge-Einheit Darmsheim-Dagersheim mit ihren 2800 Christen dazu überein kamen, dass wenigstens ein Laie in der Einheit zur Taufe befähigt sein sollte.
Christiane Breuer ist im Kreis vor allem aus ihrer Tätigkeit als Pastoralreferentin in Holzgerlingen bekannt, wo sie fast 20 Jahre arbeitete. Sie stammt aus Köln aus einer gut katholischen Familie. Ihre Eltern lehrten sie den Glauben zu leben im Sinne von Jesus Christus – was für Christiane Breuer immer auch an gesellschaftliche Fragen rührte. Soziale Gerechtigkeit, Ausgleich zwischen Arm und Reich, Fragen, mit denen sie sich schon in der Katholischen Jugend Bewegung beschäftigte. Sie studierte Theologie und Musik auf Lehramt in Essen, Bochum und Tübingen. Aus familiären Gründen zog sie nach Baden-Württemberg und gelangte in das Gebiet der Diözese Rottenburg-Stuttgart.
Maria 2.0 stellt Forderungen
Christiane Breuer ist ein kritischer und analytischer Mensch: Mit dem Taufsakrament in der Hand von Laien-Theologen und insbesondere Frauen geht es ihr nicht darum, den Sturm auf das Priesteramt und damit auf die letzte Bastion des Patriarchats in der Katholischen Kirche zu eröffnen. Im Gegenteil. Sie betrachtet es als folgerichtigen Schritt in einer Entwicklung, die während des vielbeschworenen Zweiten Vatikanischen Konzil Mitte der 1960er Jahre angestoßen wurde.
Diesem großen Konzil des Aufbruchs, bei dem auch die Rolle der Frau in der katholischen Kirche verändert werden sollte. In diesem Konzil bekamen auch die einzelnen Diözesen der Weltkirche einen größeren Handlungsspielraum, und nur so ist es zu erklären, dass der damalige Bischof Gebhard Fürst die Taufliturgie für Laien öffnen konnte.
Die Forderung nach Gleichberechtigung wurde in den letzten Jahren wieder stärker und mündete zuletzt in die Bewegung Maria 2.0, die nicht nur den Zugang für Frauen zu allen kirchlichen Ämtern fordert, sondern auch die Aufhebung des Pflichtzölibats. Christiane Breuer ist nicht Mitglied von Maria 2.0, teilt aber die Forderungen der Bewegung. Sie ist allerdings auch kirchenpolitisch erfahren genug, um zu wissen, dass es bis dahin ein weiter Weg sein wird. Das althergebrachte kirchliche System ist für sie veränderbar, weil es von Menschen gemacht wurde, auch „wenn ich die erste Priesterinnenweihe sicher nicht mehr erleben werde“, sagt sie.
Wenn die Geschichte der Kirche eine Straße wäre
Das Thema Gleichberechtigung ist aber nur ein Thema, dem sich die Katholische Kirche stellen muss. Überalterung, Mitgliederschwund, leere Gotteshäusern gehören auch dazu, wie bei allen anderen christlichen Kirchen. Christine Breuer konstatiert nach wie vor eine allgemeine Spiritualität, etwa der Glaube an einen Gott, der das eigene Leben und die Familie schützt, doch das ist ihr zu wenig. Christlicher Glaube ist für sie der Auftrag, sich in der Nachfolge Christi zu engagieren, auch wenn es nur noch kleine Glaubensgemeinschaften gibt.
Freilich: Für manche katholische Christen ist die Taufe aus der Hand einer Frau ein Meilenstein. Würde man die 2000 Jahre alte Geschichte der Kirche als eine Straße sehen, dann stünden am Straßenrand sehr viele solcher Meilensteine und dann würde auch das Bild von Christiane Breuer mit vielen kleinen Schritten sehr gut dazu passen.
Ein Ritus für die Ewigkeit
Sakramente
In der katholischen Kirche gibt es sieben Sakramente: Die Taufe, die Eucharistie, also die Feier des Abendmahls im Gottesdienst, die Firmung, die Beichte, die Eheschließung, die Weihe für ein kirchliches Amt und die Krankensalbung, die früher als „letzte Ölung“ bezeichne wurde.
Taufe
Die Taufe ist die festliche Aufnahme eines Menschen in die christliche Gemeinde. Im katholischen Taufgottesdienst gießt der Pfarrer einige Tropfen Wasser über den Kopf des Täuflings, dabei wird eine Taufformel gesprochen. Dieses Ritual geht zurück auf die Taufe Jesu durch Johannes den Täufer im Jordan, die im Neuen Testament geschildert wird.