Immer öfter werden Patienten in Wartezimmern von Arztpraxen oder auch der Notaufnahmen in Kliniken handgreiflich. Foto: dpa/Jens Büttner

Verbale und körperliche Gewalt gehört zum Alltag vieler niedergelassener Ärzte und dem Personal in Kliniken – auch im Kreis Böblingen. Von Beleidigungen über Schläge bis hin zur Drohung per Waffe scheint nichts unmöglich.

Eine junge Ärztin befindet sich mit einem Patienten im Sprechzimmer. Das Gespräch eskaliert, plötzlich zieht der offenbar unter Drogen stehende Patient eine Pistole und richtet sie auf die Medizinerin. Mit einem Sprung aus dem Fenster kann sie sich in Sicherheit bringen.

Die Medizinerin, die so schnell reagieren musste, heißt Annette Theewen, führt heute in Sindelfingen eine Praxis und ist Vorsitzende der Kreisärzteschaft in Böblingen.

Ein Patient zückte eine Pistole

Der Vorfall mit der Pistole liegt lange zurück, Theewen war damals noch in Köln, in einem Brennpunktstadtteil. Die Situation war eine Extremsituation. Dennoch kann Theewen noch heute von verbaler und physischer Gewalt berichten. Ein Patient, der sie grob am Arm packt, weil er unzufrieden ist – auch das hat Annette Theween erlebt. Und nicht nur sie. „Das ist leider Alltag“, sagt die Vorsitzende der Kreisärzteschaft in Böblingen, die das Problem gesellschaftlich einordnet. „So wie wir alle im Alltag wahrnehmen, dass der Ton schärfer wird und die Bereitschaft zur Rücksichtnahme sinkt, so erleben wir das auch in den Praxen.“

Weshalb aber entgleitet die Kommunikation in den Warte- und Sprechzimmern immer öfter? Theewen vermutet unter anderem eine gestiegenes Anspruchsdenken. „Viele vertreten die Haltung, wir Ärzte sind Dienstleister, die alle Wünsche zu erfüllen haben. Die Annahme, dass, wenn man Krankenkassenbeiträge bezahlt, auch das zu bekommen hat, was man möchte, ist falsch.“ Dazu käme ein weiteres Phänomen: „Die Angst vieler, schwer erkrankt zu sein, ist heute höher. Das liegt auch an Google. Wenn man davon ausgeht, dass man sehr krank ist, ist man auch überzeugt, schnell eine bestimmte Behandlung erhalten zu müssen.“

Wenn sie aber zum Schluss komme, dass keine schwere Krankheit vorliege oder ein bestimmtes Medikament nicht verschrieben werde, löse das bei manchen völliges Unverständnis aus. „Eine gängige Drohung ist die, im Internet schlechte Bewertungen zu schreiben. Das wird auch vielfach getan“, beklagt die Allgemeinärztin. Mittlerweile seien einige Patienten aber nicht nur öfter durch Angst getrieben, sie forderten auch vehementer Atteste und Bescheinigungen ein, die sie für Arbeitgeber oder Krankenkassen bräuchten: „Oft hören wir: Wir brauchen das so schnell wie möglich. Als Ärztin muss ich aber sagen, ich kann nicht einfach etwas unterschreiben, ohne den Patienten gesprochen zu haben. Das bringt manche in Rage.“

In einigen Praxen wurde der Schutz erhöht

Um sich und die Angestellten besser zu schützen, haben Kollegen bereits Maßnahmen ergriffen, wie Annette Theewen schildert: „Manche üben solche Fälle vorher ein. Dann weiß jeder, was zu tun ist. Auch belegen viele von uns Deeskalationstraining. Manche haben sogar Notknöpfe unter dem Tisch – ähnlich wie bei Banken.“

Die Medizinerin ist überzeugt: „Eine gute Organisation reduziert das Frustrationsrisiko. Wichtig finde ich auch, dass man mit den Praxiskollegen spricht und Vorbereitungen für Eventualitäten trifft.“ Manch heikle Situation könnte auch durch ein ressourcenstärkeres Gesundheitswesen entschärft werden.

Dass der Ton rauer und die Übergriffe häufiger werden, davon kann auch der Klinikverbund Südwest (KVSW) berichten. „Gewalt gegenüber Mitarbeitenden im Krankenhaus ist immer wieder Thema“, heißt es von der Pressestelle. Die Vorfälle reichten von Kratzern durch verwirrte Patienten über Beschimpfungen bis hin zu aktiver körperlicher Gewalt wie Schlägen ins Gesicht. „In den Dokumentationen bemerken wir über die letzten Jahre dabei einen leichten Anstieg in den Zahlen. Von den in 2023 insgesamt im Verbund dokumentierten Verletzungen oder Unfällen entfallen dabei rund acht Prozent auf aggressives Verhalten von Patienten oder Angehörigen“, so der KVSW . Im gesamten Klinikverbund entspräche das rund 60 dokumentierten Fällen in 2023.

Klinikbetriebsrat wünscht sich mehr Sicherheit

Seit Jahren bereits bestehen klinikübergreifend Sicherheitsmaßnahmen. Aus Sicht des Konzernbetriebsrats Lorenz Horlacher sind diese aber noch nicht ausreichend: In einer Umfrage in den Notaufnahmen in Sindelfingen und Böblingen hätten sich die Mitarbeiter deutlich dafür ausgesprochen, dass mehr für die Sicherheit getan werde. Eine Mehrheit, so Horlacher, forderte Überwachungskameras in den Anmelde- und Wartebereichen aus. Außerdem würden Notfallknöpfe und der Einsatz von Sicherheitspersonal rund um die Uhr gefordert.

Der Klinikverbund signalisiert, dass er die verschärfte Lage in den Kliniken erkannt hat: „In erster Linie arbeiten wir an der Prävention. Neben zeitweise eingesetztem Sicherheitspersonal bauen wir das Deeskalationstraining stetig aus. Ziel ist es angespannte Situationen früh zu erkennen und womöglich Gewaltsituationen gar nicht erst entstehen zu lassen.“ Sollte es dennoch zu Übergriffen kommen, stünden geschulte Ersthelfer zur Verfügung. Für den Fall, dass Mitarbeiter an ihre Grenzen kommen, gibt es immer noch eine letzte Option, wie der Klinikverbund betont: „Im Ernstfall wird polizeiliche Unterstützung angefordert.“

Bundesweite Zahlen

Umfrage
 Bundesweite Zahlen gibt es aktuell keine, eine Umfrage der Ärztekammer Westfalen-Lippe unter ihren Mitgliedern zeigte aber, dass mehr als 50 Prozent der Teilnehmer Gewalterfahrungen gemacht haben.

Gründe
 Der Psychologe Michael Wiens sagt in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur: „Gerade in Stress- und Notsituationen, in denen das persönliche Wohlbefinden als eingeschränkt wahrgenommen wird, kann mit Wut und Aggressivität reagiert werden.“

Strafbar
 Bereits jetzt sind Beleidigungen, Bedrohungen oder körperliche Angriffe strafbar. Der Bundesjustizminister erwägt eine Verschärfung des Strafrechts.