IBM-Quantencomputer in Ehningen: Jetzt beginnt der Kampf um die klugsten Köpfe, die sein enormes Potenzial ausnutzen können. Foto: dpa/Weißbrod

Der Quantencomputer in Ehningen ist da. Doch jetzt braucht es auch Menschen, die ihn füttern können.

Böblingen - Die offizielle Einweihung des ersten kommerziellen Quantencomputers in Ehningen am vergangenen Dienstag war ein Event. Wirtschaft und Politik überschlugen sich in Huldigungen an das Superhirn. Es soll spezifische Rechenoperationen in aberwitziger Geschwindigkeit ausführen und in bestimmten Bereichen einen enormen technologischen Fortschritt bringen. Tatsächlich ist die Ansiedlung für Ehningen, die Region, das Land, ja ganz Europa ein Glücksfall. Immerhin ist das Quantum System One, wie Fraunhofer und IBM das Prunkstück nennen, das erste seiner Art auf dem ganzen Kontinent. Dass dieser ausgerechnet in Ehningen steht, darf man sich auf der Zunge zergehen lassen. Dem Landkreis dürfte es einiges an digitalem Renommee einbringen. Forscher und Firmen können sich auf dem Quantencomputer jetzt Rechenzeit buchen und in bestimmten Bereichen ihren Entwicklungen einen Extra-Schub geben.

Im Vergleich zu herkömmlichen Superrechnern ist es, als stelle man einen Formel-1-Rennwagen neben einen gewöhnlichen Sportwagen. Letzterer ist zwar schnell, aber noch von vielen fahr- und beherrschbar. Ersterer ist um ein Vielfaches schneller – aber dafür können ihn nur wenige pilotieren. Und genauso verhält es sich mit dem Quantencomputer. Die Software-Experten, die wissen, wie er zu bedienen und wirkungsvoll einzusetzen ist, sind derzeit noch äußerst rar gesät.

IBM selbst sieht Fachkräftemangel

Das bemängelte IBM selbst bei der Vorstellung des Superhirns: „Den meisten Unternehmen fehlt es an den geeigneten Mitarbeitern, die Quantencomputer nutzen, irgendeine Art von Quantenprogrammierung durchführen können oder auch nur eine Vorstellung davon haben, wie ein Quantencomputer ihnen helfen könnte“, heißt es. Der Formel-1-Renner steht also in der Garage. Allein, es fehlen die Fahrer.

Es gebe nur wenige Trainings zur Quanten-Technologie, kaum Weiterbildungen in diesem Bereich und kaum Stellen, die die Kenntnisse fördern und fordern, mäkelt der Konzern an. Fast scheint es, als sei Deutschland von der faszinierenden Technologie ein wenig überrumpelt worden. Denn: IBM ist im Kern ein amerikanisches Unternehmen, das in seinem Heimatland bereits mehrere Quantencomputer am Laufen hat. Der Sensationsrechner in Ehningen ist also vor allem ein Amerikaner auf deutschem Boden.

Junge Talente anlocken

Wirtschaft und Politik sollten sich also nicht nur in Lobeshymnen über den Computer ergehen, sondern vor allem dafür sorgen, dass immer mehr Menschen seine enorme Leistung auch nutzen können. Ein Schlüssel dazu liegt an den Universitäten, die die Fachkräfte von morgen ausbilden. Daher ist es ein Pluspunkt, dass IBM in Deutschland mit dem Fraunhofer-Institut kooperiert und die Forschung von Anfang an mit an Bord ist.

Die Politik vor Ort muss sich die Frage stellen, was sie tun kann, um Top-Kräfte in den Landkreis Böblingen zu locken? Dabei gilt es auch, einen Nährboden für Gründer und junge Unternehmen zu schaffen. Eine kreative Szene zu etablieren, die sich gegenseitig befruchtet und an den Geschäftsmodellen von morgen tüftelt. Junge Talente haben schließlich die Wahl und können sich entscheiden, ob sie lieber in Berlin, London oder gar in Übersee eine hochdotierte Stelle antreten. Was hat der Kreis Böblingen im Gegenzug zu bieten?

1000 Software-Ingenieure in Sindelfingen gesucht

Dazu passt die ein klein wenig nach Verzweiflung klingende Meldung, der zufolge Daimler in Sindelfingen aktuell 1000 Software-Ingenieure sucht. In dem weltweiten Entwicklungszentrum des Konzerns tüftelt man an einem eigenen Betriebssystem namens MBOS (Abkürzung für Mercedes-Benz Operating System), das schon in drei Jahren marktreif sein soll. Während so ein großer Name von sich aus viele Talente anzieht, tun sich Zulieferer oder Mittelständler schon wesentlich schwerer. Doch auch sie benötigen dringend gut ausgebildete Fachkräfte, um im Formel-1-Rennen der Digitalisierung mithalten zu können.

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