Den Tod aus der Tabuzone zu holen, ist das Anliegen der Hospizhelfer. SIe begleiten Menschen am Lebensende, legen den Fokus ihrer Tätigkeit aber nicht nur darauf.
Die Gruppe muss gar nicht betonen, dass die Begleitung der Menschen an deren Lebensende nicht nur traurig ist. In den Schilderungen der drei, die an diesem Nachmittag zum Gespräch zusammengekommen sind, wird das offensichtlich. „Wichtig ist, wir können ganz viel lachen“, sagt Hospizbegleiterin Doris Schreiber über ihre Begegnungen mit Menschen, die sich am Lebensende befinden.
Birgit Priemer teilt Schreibers Meinung. Priemer ist die Vorsitzende des Gerlinger Hospizdienstes, einem Verein, der im kommenden Jahr mit einer großen Veranstaltung sein fünfjähriges Bestehen feiert. War mit dem Begriff Hospiz lange ausschließlich eine stationäre Einrichtung verbunden – die es in Gerlingen nicht gibt, wohl aber nebenan in Leonberg – ist mit dem Begriff heute die Grundhaltung der Hospizidee verbunden. Das heißt: Sterben, Tod und Trauer gehören zum Leben und werden in Medizin und Pflege, aber auch in den gesellschaftlichen Alltag integriert.
Gleichwohl ist die Begleitung eines sterbenden Menschen kein einfaches Thema – hierzulande weder für die Gesellschaft allgemein, noch konkret für die Angehörigen. Mancher mag zurückschrecken bei der Vorstellung, in dieser sehr privaten Situation in einen fremden Haushalt zu gehen. Doris Schreiber sieht das anders. „Es ist mir noch nie passiert, mit einer Person nicht ins Gespräch zu kommen“, sagt sie.
Der gelernten Krankenschwester sind die Situationen nicht fremd, mit denen sie als Hospizbegleiter konfrontiert ist. Und doch betonen sowohl sie als auch Christina Kutz, dass es auf diese Fachlichkeit nicht ankommt. Allen voran steht das Interesse am Menschen. Mit ihm zu reden, mit ihm zusammen zu schweigen, mit ihm Zeit zu verbringen, darum geht es.
Hospizbegleitung: Auch eine Lebensberatung für Angehörige
Die Hospizbegleiter sind für die Menschen am Lebensende da, genauso aber für die Angehörigen. „Es ist unser großer Appell, den Hospizdienst als Lebensberatung und Lebensbegleitung zu sehen“, sagt Priemer. Wie viel wertschätzender, empathischer kann ein Gespräch ein, wenn ein dementer Mensch an seine Hobbys, Leidenschaften und Lieblingsorte in jungen Jahren erinnert werden kann? Dafür aber, so macht Priemer deutlich, muss man den Menschen kennen gelernt haben zu einer Zeit, da er selbst aus seinem Leben erzählen, selbst die Schwerpunkte setzen konnte, die ihm wichtig sind, die ihm Freude gemacht haben. Das sei aber eben nur dann möglich, wenn der Hospizdienst frühzeitig dazu geholt werde.
Auch wenn Hospizbegleiter Menschen meist auf ihrem letzten Lebensabschnitt begleiten, wollen sie zugleich den Angehörigen vermitteln, nicht alleine zu sein, nicht alleine handeln zu müssen. Christina Kutz koordiniert den ambulanten Hospizdienst, somit auch die Einsätze der zwischenzeitlich 22 aktiven, ausgebildeten Hospizhelfer. Kutz ist „Palliative Care“-Fachkraft. Sie verweist auf das professionelle Netzwerk, in dem sich die ehrenamtlichen Hospizhelfer bewegen. Verbindungen bestehen zur Stadtverwaltung, ins Pflegezentrum, zu medizinischen Fachpersonal, außerdem zu den Kirchen – und in die Gesellschaft.
„Wir sind angekommen“, sagt auch der Beisitzer des Vereins, Gerlingens Alt-Bürgermeister Georg Brenner. Von selbst kam das nicht: Die Mitglieder sind bei Gemeindefesten der Kirchen präsent, an Samstagen auf dem Rathausplatz anzutreffen, oder mit Veranstaltungen in der Bibliothek. An diesen Orten seien die Hemmschwellen niedrig, miteinander über die schwierigen Themen ins Gespräch zu kommen. Die Gruppe der Hospizbegleiter ist heterogen, diese sind zwischen 30 und 75, Männer, Frauen, noch berufstätig, im Ruhestand. Vielfältig ist auch ihre Motivation, manche wollen der Gesellschaft etwas zurückgeben, manche wollen etwas besser machen, als sie es selbst als Angehöriger erlebt haben.
Mehr als 300 Einsätze hatten die Hospizhelfer im vergangenen Jahr laut Christina Kutz geleistet. Er sei anfangs „sehr skeptisch“ gewesen, gesteht Brenner, ob sich die Menschen auf die Ausbildung einlassen würden. Die Qualifikation umfasst 100 Stunden. Brenner schätzt die Organisation in einer Vereinsstruktur, die über die Hospizbegleiter hinaus eine Beschäftigung mit rechtlichen Fragen im Notfall ebenso erlaubt wie beispielsweise über Bestattungsformen informiert werden kann. Zwingend ist diese Organisationsform nicht: In Ditzingen befindet sich der Hospizdienst unter dem Dach der Bürgerstiftung
Ob irgendwann vielleicht auch die Frage nach einem stationären Hospiz oder einem Kinderhospiz im Raum steht lässt Brenner offen. Aber klar sei: „Der Hospizdienst bleibt nicht stehen.“ Und er fügt an: „Er lebt von den Impulsen, die aus der Bevölkerung kommen.“