In Kürze kommt das Absperrband weg und Stefanie und Olaf Kirstein können endlich mit ihrer Tochter Fenja direkt auf den Balkon ihrer Wohnung im dritten Stock fahren. Foto: Stoppel

Olaf und Stefanie Kirstein und ihre behinderte Tochter mussten Geduld haben und viele Hürden nehmen, doch nun ist baulich alles so weit, dass die Jungfernfahrt in den dritten Stock des Fellbacher Wohnhauses unmittelbar bevorsteht – endlich.

Die Tage des Treppensteigens sind gezählt – endlich. Wenn sich jetzt nichts mehr verzögert, dann kann Fenja in rund zwei Wochen die erste Fahrt mit ihrem eigenen Aufzug machen. Außer der Aufzugskabine selbst sind quasi alle baulichen Maßnahmen abgeschlossen. Dementsprechend aufgeregt ist das kleine Mädchen, und auch Fenjas Eltern Stefanie und Olaf Kirstein können es kaum glauben, dass es nun nach all den Strapazen endlich geschafft zu sein scheint. „Es war eine wirklich lange Zeit, in der es immer wieder Verzögerungen und Kämpfe in allen Richtungen gab. Um so schöner, dass unser Aufzug nun tatsächlich Wirklichkeit wird“, sagt Stefanie Kirstein, die es schon lange nicht mehr schafft, das mittlerweile sechsjährige Mädchen durch das schmale Treppenhaus zur Wohnung in den dritten Stock zu tragen.

Fenja wird größer und schwerer und der Alltag dadurch beschwerlicher

Denn Fenja ist schwerstmehrfachbehindert und wird nie eigenständig stehen oder Treppen laufen können. Weil sie aber natürlich größer und schwerer wird, hatte sich das Paar aus Fellbach vor rund zwei Jahren entschieden, die Geschichte seiner Tochter öffentlich zu machen und mittels der Spendenplattform GoFundMe um Hilfe für die Finanzierung eines Außenaufzugs zu bitten.

Fenja entwickelt sich – allen Prognosen zum Trotz – sehr gut. Foto: privat

Die Beiden hatten hin- und herüberlegt, wie das Mädchen besser in den dritten Stock befördert werden könnte. Doch für einen Treppenlift ist das Treppenhaus zu eng, und ein Umzug aus der ansonsten behindertengerechten Eigentumswohnung stand auch nie zur Debatte. „Die Wohnung ist ansonsten perfekt für uns. Mein Mann kam dann recht schnell darauf, dass die Lösung ein Außenaufzug wäre“, sagt Stefanie Kirstein und fügt hinzu, dass sie unendlich dankbar seien, dass ihre Tochter lebe und älter werde, dass aber genau das auch dazu führe, dass es im Alltag immer beschwerlicher werde. „Das Risiko, dass wir mit ihr die Treppen hinunterstürzen, wenn wir sie versuchen da hochzukriegen, wird größer.“

Das Mädchen leidet an der Krankheit Aicardi-Syndrom

Eine genetisch bedingte Erkrankung, das sogenannte Aicardi-Syndrom, sorgt dafür, dass Fenja nie stehen, laufen, eigenständig sitzen oder sprechen können wird. Dementsprechend stark beansprucht sind die Eltern körperlich. Schon länger schafft es nur noch Papa Olaf, die Sechsjährige nach oben zu tragen, aber auch sein Rücken hätte wohl nicht mehr lange mitgemacht. Die Lösung, öffentlich Geld für einen teuren Außenaufzug zu sammeln, war unausweichlich für die dreiköpfige Familie. Der Aufruf war so erfolgreich, dass Stefanie Kirstein das Spendenkonto schon vor geraumer Zeit mit einem Plus geschlossen hat. „Wir haben mehr zusammenbekommen als benötigt. Das macht uns immer noch sprachlos.“ Es seien gar nicht nur die großen Spendensummen gewesen, die die tolle Summe von mehr als 100 000 Euro ergeben hätten. „Gerade die vielen kleinen Beträge sind so beeindruckend und zeigen, wie viel jeder Einzelne helfen konnte.“

Bis aber alles in die Wege geleitet und mit der Eigentümergemeinschaft geklärt war, verging trotzdem viel Zeit. Der rote Punkt der Baufreigabe, der Besuchern nun bei den Klingeln und Briefkästen direkt ins Auge springt, ist hart erkämpft worden. Doch nicht nur das Dokument, auch der im Endspurt befindliche Aufzugbau ist schon von Weitem an dem Mehrfamilienhaus im Fellbacher Stadtteil Schmiden zu sehen. Das Fundament steht, die Verstrebungen sind angebracht und oben glänzt das Glasdach in der Sonne, während das rote Absperrband wie wild im Wind flattert. Auch der Strom wurde schon verlegt.

Wenn der Außenaufzug geliefert ist, gelangen Fenja und ihre Eltern künftig ganz ohne Anstrengung vom Erdgeschoss aus mitsamt Fenjas Rollstuhl direkt auf den Balkon ihrer Eigentumswohnung im dritten Stock. „Wir hatten bei den anderen Parteien angefragt, ob sie auch Interesse an einer Nutzung des Aufzuges haben. Da das nicht der Fall ist, steuert er quasi direkt unseren Balkon an. Eine riesen Erleichterung im Alltag“, sagt Olaf Kirstein.

Der Alltag ist alles andere als einfach für die dreiköpfige Familie

Denn der ist alles andere als einfach für die dreiköpfige Familie. Neben Fenjas Beeinträchtigung forderten zuletzt auch gesundheitliche Probleme von Papa Olaf viel Kraft. „Ich sorge zurzeit allein für das Familieneinkommen. Und daneben gibt es viele Termine mit Fenja“, sagt Stefanie Kirstein und fügt mit einem strahlenden Lachen hinzu, dass es dem Mädchen mit dem wachen Gesicht und den schönen blonden Haaren aktuell – allen Prognosen zum Trotz – sehr gut geht.

Fenja hat ihr Lachen entdeckt und macht kleine Fortschritte

Und auch Fenja hat ihr Lachen entdeckt, immer wieder gluckst sie los, versucht sich an verschiedensten Lauten und kommuniziert anhand ihrer Augen. Das Mädchen, das vor allem an Lungenproblemen und epileptischen Anfällen leidet – pro Nacht waren es sechs bis sieben –, hat gerade nur noch ein bis zwei Anfälle und kann dadurch in der Nacht viel mehr Kraft schöpfen. Auch Operationen oder andere Behandlungen, von denen sie schon einige über sich ergehen lassen musste, stehen gerade nicht an. Jetzt hofft die Familie, dass es eine Weile so bleibt, Ruhe einkehrt und sie dank des Aufzugs mit Fenja ohne Kraftanstrengung viel unternehmen und zu Therapien können. „Sie hat einen starken Willen und wir helfen ihr, wo wir können – und werden mit Fortschritten belohnt“, sagt Stefanie Kirstein.