Weissach, geprägt auch von Porsche, plant eine neue Ortsmitte. Damit genug Platz für Grünflächen und Aufenthaltsorte bleibt, sind in Sachen Verkehr aber Kompromisse nötig.
Wer schon einmal mit dem Auto durch Weissach gefahren ist, weiß: Viel Platz gibt es hier nicht. Im historisch gewachsenen Ortskern ist es, auch wegen des Berufsverkehrs vom nahen Porsche-Werk, so eng, dass die Durchgangsstraße von Heimerdingen über Weissach nach Flacht einst zweigeteilt wurde, um dem Verkehrsfluss gerecht zu werden. In die eine Fahrtrichtung geht es nördlich des Orts, in die andere südlich.
Geteilt wird die Landesstraße mitten im Ortskern. Wo man sich eigentlich Sitzbänke und Grünanlagen wünschen würde, findet man in Weissach deshalb hauptsächlich: Straße, Ampeln, Betonfläche.
Nach Verzögerungen wird die „Neue Ortsmitte“ bald finalisiert
Eben das soll sich ändern – nicht sofort und alles auf einmal, aber zumindest einen zukunftsfähigen Plan für eine „Neue Ortsmitte“ soll es geben, dessen einzelne Bausteine sich nach und nach umsetzen lassen. Vier Jahre, nachdem das Stuttgarter Büro Schreiberplan einen entsprechenden Wettbewerb für die Neugestaltung des Ortskerns gewonnen hat, geht es mit den Planungen nun scheinbar in die letzten Details.
Der große Knackpunkt, das wird auch in der extra anberaumten, achtstündigen Sondersitzung im Gemeinderat klar, bleibt dabei unverändert der Verkehr. Eigentlich hatten sich die Gemeinderäte schon im Sommer auf die künftige Verkehrsführung im Ort geeinigt, ohne Diskussion blieb das Thema aber auch in der jetzigen Sondersitzung nicht. Sicher ist, dass künftig die Nordachse der Hauptstraße in der Ortsmitte entfallen soll. So entsteht eine durchgängige Fläche in der Ortsmitte, die nicht, wie im Moment, zerstückelt von Straßen ist. Diese Planung bedeutet aber auch, dass sich an einer Kreuzung – vor dem Rewe-Markt – künftig Verkehr aus vier Richtungen treffen wird.
Verkehr in Weissach: Eng und kompliziert
Hinzu kommen zwei Bushaltestellen in Kreuzungsnähe, eine recht enge Kurve in Richtung Porschestraße, der Anlieferungsbereich von Rewe und Lastwagenverkehr. Das Ergebnis ist eine hochkomplexe Verkehrssituation, mit der sich auch die Gemeinderäte offensichtlich noch nicht so ganz anfreunden können. Nicht doch besser ein Kreisel? Die Bushaltestelle verlegen? Lkw-Durchfahrtverbot?
Klar wird: In der Ortsmitte von Weissach ist keine Lösung ideal für alle. Einige Parkplätze wird es außerdem kosten. „Wir können nicht auf alle Eventualitäten Rücksicht nehmen“, kommentiert der Bürgermeister Jens Millow. „Dann hätten wir einen riesigen Kreisel und keinen Platz für anderes mehr.“
Die Fachplaner sind derweil überzeugt, dass es funktioniert: „Das Abbiegen wird nicht mehr so frei wie heute sein“, so Wenzel, „aber das lassen die Verkehrszahlen zu.“ Lohnen würde es sich: „Der Verkehr ist nicht leicht zu lösen“, erklärt Natalie Maierhofer vom Schreiberplan. „Aber wir haben viel Flächenpotenzial gewonnen.“ Tatsächlich entstünde so vor dem Alten Rathaus ein neuer, zusammenhängender Aufenthaltsbereich. Dass man so den Marktplatz ein Stück mehr in Richtung des alten Rathauses verlagern könnte, war einst auch ein Grund für den Erfolg des Schreiberplan-Entwurfs.
Neue Ortsmitte: Grünflächen und Wohnen nur mit Kompromiss beim Verkehr
Murren gibt es im Gremium derweil auch beim Stichwort Radverkehr. Der bleibt besonders für die Grünen und die Unabhängige Liste (UL) zu sehr auf der Strecke. In die Verkehrsführung für den motorisierten Verkehr habe man „viel Innovation“ gesteckt, beklagt die UL-Rätin Susanne Hermann. „Fürs Auto machen wir alles möglich.“ Radverkehrsförderung? Die bedeutet in der Ortsmitte erst mal nur: Tempo 30 und eine Radservicestation.
Die neue Ortsmitte, sie ist also vor allem Abwägungssache. Verkehr, Wohnen, Grünfläche, Parkplätze – all das muss sich die Waage halten, denn der Platz in der Ortsmitte ist begrenzt. „Sie werden keine eierlegende Wollmilchsau mit maximaler Freifläche, maximalem Verkehrsraum und maximalem Wohnraum bekommen“, mahnte Bürgermeister Jens Millow.
Neue Ortsmitte soll Aufenthaltsqualität im Weissacher Zentrum steigern
Mit einer Kompromisslösung beim Verkehr wäre in zentraler Lage damit reichlich Fläche frei für all das, was man sich so wünscht bei einer Ortsmitte mit Aufenthaltsqualität, laut Natalie Maierhofer begänne eine „neue Ära auf dem Marktplatz“. Zu den Elementen gehören:
- Wohn- und Gewerbeflächen zwischen Volksbank und altem Rathaus
- Begrünte Parkflächen in zweiter Reihe
- Auf dem neuen Platz südlich dieser Zeile soll es ebenfalls grüner werden
- Diskutiert wurde auch ein kleiner Pavillon, in dem Platz für Radservicestation und Kiosk wäre
- Platz für Veranstaltungen und Außengastronomie rund um das historische Backhaus
- Spielplatz links vom alten VR-Gebäude, um Familien mehr in die Ortsmitte zu rücken
- Bürgerhaus im VR-Gebäude mit VHS, Musikschule und Vereinsräumen
- Ärztehaus in der alten Strickfabrik
Bis all das passiert, wird es aber noch dauern. Im Frühjahr wird Schreiberplan voraussichtlich einen fertigen Rahmenplan für die neue Ortsmitte im Gemeinderat vorstellen. Dann geht es, so der Bürgermeister, an die Priorisierung. Denn auch angesichts der Haushaltslage – wegen der schlechten Bilanzen des Autoherstellers Porsche hat Weissach kürzlich nahezu alle Gewerbesteuereinnahmen verloren – lässt sich die Ortsmitte schlecht in einem Rutsch umbauen.