Noch immer können Zeitzeugen Neues beisteuern über die Zeit der Nationalsozialisten in Grafeneck. Die Gedenkstätte sichert Erinnerungen im Wettlauf mit der Zeit.
„Grafeneck gehört zu mir“, hört man Margarete Autenrieth sagen. „So isch des in mir drin: Dass da was ganz Schlimmes passiert isch.“ Die 87-Jährige erzählt das an einem idyllischen Ort, einem Bergrücken, auf dem eine Allee mit mächtigen Bäumen auf das ockerfarbene Schloss Grafeneck zuläuft. Und sie erzählt es jedem, der dort wandelt und es hören will: Eine Medienstation in auffälligem Rot öffnet über einen QR-Code eine Audio-Aufnahme mit der Stimme von Margarete Autenrieth.
Sie ist auf einem Hof anderthalb Kilometer von Grafeneck entfernt aufgewachsen, der Fauserhöhe. Auf dem Weg hinunter ins Lautertal, an Grafeneck vorbei, fiel dem Kind im Jahr 1939 plötzlich eine Änderung auf: „Da war net bloß a Zaun, da war, mindestens zwei, drei Meter hoch alles zu mit lauter Bretter. So dass man gsagt hat: Dahinter, da darf niemand hin. Ganz geheimnisvoll, da haben wir nix verlora. Das Geheimnisvolle hatte auch was mit Grauen zu tun: Die Busse, die vorbeigfahra sind, die Fenster waren verdunkelt. Und es war alles still, weil man gwusst hat: Jetzt kommet wieder oine. Das hat man als Kind scho mitkriegt.“
Das Grafenecker Morden ist gut dokumentiert
Die Rede ist vom Morden auf dem Grafenecker Berg. Die Samariterstiftung hatte dort ein Heim für Behinderte. Im Jahr 1939 beschlagnahmten die Nationalsozialisten das Gelände, fuhren behinderte und psychisch kranke Patientinnen und Patienten vor allem aus Heimen in Süddeutschland in Bussen hierher und vergasten bis in den Dezember 1940 insgesamt 10 654 Menschen. Dann zogen die Täter weiter nach Polen, wo sie ihre grausigen Kenntnisse und Erfahrungen in den Holocaust einbrachten.
Das Grafenecker Morden ist gut dokumentiert. Es gibt eine Gedenkstätte auf dem Areal mit eigener Bibliothek. Eine ganze Wand entlang füllen Bücher über den Nationalsozialismus die Regale. Und doch, sagt Kathrin Bauer, bleiben viele Lücken und Fragen. Die 35-Jährige ist in Balingen aufgewachsen, hat in Tübingen Komparatistik und Anglistik studiert. Als wissenschaftlich-pädagogische Mitarbeiterin der Gedenkstätte führt sie Besucher über das Gelände – und vertieft sich am Schreibtisch in die Quellen. Derzeit forscht sie zu einer Ärztin, die in der Diakonie Stetten Widerstand geleistet hat gegen das staatliche Töten. Sie würde gerne mehr über die Täter wissen: „Viele sind noch nicht einmal bekannt.“
Was genau haben die Menschen empfunden?
Kathrin Bauers Besucher stellen oft die Frage: „Haben die Menschen aus der Umgebung etwas von dem Verbrechen mitbekommen?“ Ihre Antwort ist: ja. Denn einer der Gründe für das Ende der Grafenecker Morde war, dass die Täter merkten: Was sie eigentlich geheim halten wollten, sprach sich mit der Zeit immer mehr herum.
Aber was genau haben die Menschen um Grafeneck herum wahrgenommen und empfunden? Eine drängende Frage. Es leben nicht mehr viele aus jenen Jahren, auch deren Kinder kommen nun in das Alter, in dem man nicht mehr lange lebt. Und es ist eine Frage, die in den Jahren nach 1945 eher verdrängt wurde. „Da hab ich jahrelang nimmer dran dacht, und auf einmal kommt’s zurück: Ha ja, da war doch was“, hört man Margarete Autenrieth sagen. „Des kam mir auf einmal: Ha ja, des hasch du doch gsäha.“
Ihre eindrückliche Stimme ist Teil des Projekts „Z(w)eitzeug:innen“. Das Gedenkstätten-Team hat dafür Erzählungen wie die von Margarete Authenrieth gesammelt. So erinnert sie sich auch, wie ihr Vater eines morgens in den Stall ging und dann sagte: „Heut haben sie wieder einen in die Luft gelassen.“ Die Leichen sind verbrannt worden, das habe man gerochen: „Ein süßlicher Geruch. Der Wind hat des umeinander gjagt, drum hat man des gerochen bis zu uns.“
Einmal, an einem Sonntag, sei ein Offizier oder sonst irgendwie Höhergestellter zu ihnen auf den Hof gekommen. Daraufhin habe ihr Vater ihn mit in die Stube genommen und zugeschlossen, damit niemand sie störe. „Weil man so geheimnisvoll hat tun müssen, man durft ja nix saga“, erzählt Margarete Autenrieth. Das Gespräch habe etwa zwei Stunden gedauert und als der Mann wieder fort war, sei ihr Vater gebeugt herumgelaufen und habe gesagt: „Der musste sich wieder ausschütten.“ Irgendwie habe sie herausgehört, erzählt die Stimme von Margarete Autenrieth, dass der Mann nicht verkraftete, was sie wieder machen mussten. „Des war wohl ein Parteimann. Der hat aber gmerkt, dass des ganz schön schrecklich isch.“
Manchmal hilft der Zufall
Man bekam also in der Umgebung durchaus mit, was in Grafeneck geschah, die Berichte an der Station dokumentieren dies unmissverständlich. Auch eine andere Frau aus der Gegend erinnert sich an ihre Kindheit: „Meine Mutter drohte meinen Geschwistern und mir, wenn wir nicht anständig waren: ,Benehmt euch, sonst holt euch der Bus.’ Als Kind habe ich nicht so genau verstanden, was sie damit meinte. Aber es hatte etwas Bedrohliches.“
Manchmal hilft auch der Zufall, Zeitzeugen aufzuspüren. Eine Mitarbeiterin der Gedenkstätte unterhielt sich im Dorfladen mit einer alten Frau und erwähnte, dass sie in Grafeneck arbeitete. Das habe sie auch getan – und zwar in der Samariterstiftung, die nach dem Krieg wieder dort eingezogen war, erzählte die Frau, sie hieß Margarete Leuze. Aber nicht nur das: Als Kind, noch bevor die Nazis anrückten, habe sie auf Grafeneck gewohnt. Ihr Vater hatte den Bauernhof betrieben, der zu dem Schloss gehörte. Als die Samariterstiftung im Jahr 1929 ihre Arbeit in Grafeneck aufnahm, versorgte der Hof die Anstalt mit Lebensmitteln und gab den Patienten auch die Möglichkeit mitzuarbeiten.
An einer anderen Medienstation ist ein Videofilm zu sehen. Ein Gedenkstätten-Mitarbeiter spricht darin über das Interview mit der im Jahr 1927 geborenen Gretel, so wird Margarete Leuze als Zeitzeugin genannt: „Gretel erzählt von einer schönen Kindheit. Von Krippenspielen im Schloss, Fahrradfahren in der Allee, einer Schaukel. Sie beschreibt aber auch eine arbeitsreiche Zeit, denn schon früh half sie in der Landwirtschaft mit.“
Die eigenen Kinder sind Gretels Mutter wichtiger als der Führer
Im Jahr 1933 brach eine spürbar andere Zeit an. In dem Schloss wurde ein Volksempfänger aufgestellt, hier mussten alle Angestellten der Samariterstiftung Adolf Hitlers Reden verfolgen. Gretels Mutter blieb den Versammlungen lieber fern, um sich um die Tochter zu kümmern. Doch bald kam deshalb Gerede auf, sodass die Mutter beschloss, lieber doch einmal hinzugehen. Als sie das Kind in die Obhut eines Heimbewohners geben wollte, fiel der Wagen um – worauf die Mutter entschied: „Es ist besser, sich um die eigenen Kinder zu kümmern und auf die Reden des Führers zu verzichten.“
Gretels Familie musste Grafeneck schließlich verlassen, als die Nationalsozialisten das Gelände beschlagnahmten. Sie wurden in einem nahen Dorf einquartiert. Auch Gretel sah die berüchtigten Busse durch das Tal fahren: „Gretel erzählt von abgeblendeten Scheiben und Gerüchten über das Geschehen in Grafeneck. Doch aus Angst habe man nicht weiter darüber gesprochen“, ist an der Medienstation zu hören.
Nach dem Abzug der Mörder weigerte sich Gretels Vater, nach Grafeneck zurückzukehren, wo das Lager für das Pferdegeschirr zur Gaskammer umgebaut worden war. Die 14-jährige Gretel suchte sich eine Anstellung – und fand sie in Grafeneck. Die Nazis nutzten das Schloss von 1940 an als Heim der Kinderlandverschickung und für die Erziehung der Hitlerjugend. Hier waren Kinder aus den Städten untergebracht, die vom Bombenkrieg überzogen waren. Gretel absolvierte ein hauswirtschaftliches Jahr und half danach in Küche und Hauswirtschaft.
Damit wurde sie für die Gedenkstätte eine Zeitzeugin für eine Phase der Grafenecker NS-Zeit, über die man noch nicht so viel weiß. Und sie hatte mehr beizusteuern als ihre bloßen Erinnerungen: Einer der Leiter dort hatte Fotos gemacht und dem Personal geschenkt. Dokumente, die zeigen, dass das Heim nicht nur eine Art Pfadfinderlager in der sicheren Provinz war, sondern eine strenge Schule der Nazi-Ideologie: Da wurde stramm angetreten zum Appell an der Hakenkreuzfahne und das Schießen geübt.
Vermeintlicher Glücksfall für die Gedenkstätten-Rechercheure
In diesem Lager waren auch der Vater und Onkel von Eddy Graller. Er kommt aus einer österreichischen Familie, die 1941 in Belgien lebte. Eddy Grallers Vater lebt nicht mehr, aber sein Sohn ließ sich für das Gedenkstätten-Projekt interviewen: „Mein Vater hat wohl begriffen, dass man die Jungen in die Ideologie von Hitler pushen wollte.“
Aber weil er mit zehn Jahren einer der Jüngsten war, blieb es für ihn doch eher ein Ferienlager. „Sein ein Jahr älterer Bruder war in einer Gruppe, in der ein bisschen die Nazi-Ideologie verkündigt wurde.“ Als Eddy Graller in den 90ern mit seinem Vater Grafeneck besuchte, hatte dieser nicht nur Erinnerungen an Spielplätze: „Dort sind viele Leute unter dem Grund, ermordet“, sagte er. „Die Kinder damals haben sicher was gehört, was da passiert ist.“ Viel sei aber nicht gesprochen worden über diese Zeit.
Und noch heute fällt es vielen schwer. Für das Projekt hatte sich auch ein Mann gemeldet, der als Kind nach Grafeneck verschickt worden war. Ein direkter Zeitzeuge also, ein Glücksfall für die Gedenkstätten-Rechercheure. Aber dann meldete er sich noch einmal: Er möchte lieber doch nichts erzählen.