Gastwirt Freddy Nestele mit einigen seiner Bilderschätze Foto: Langner

Der Böblinger Gastwirt Freddy Nestele sammelt seit vier Jahrzehnten historische Stadtansichten. Am Sonntag lädt er zu einer Ausstellung.

Mit offenem Mund zuschauen, wie das riesige Zeppelin-Luftschiff auf dem Landesflughafen landet, mit sehnsüchtigem Blick in Richtung der Mädchenschule auf dem Schlossberg schielen, während man selbst zur Knabenschule in der Gartenstraße (heute Pestalozzistraße) trottet, mit Todesmut auf dem zugefrorenen See beim „Kettelesspringen“ über die Löcher hüpfen, die der Mann von der Schönbuch Brauerei dort ins Eis geschlagen hat – und danach mit schlotternden Gliedern vor dem Backofen der Bäckerei Walz bei der Zehntscheuer stehen, um nach missglückter Mutprobe die klatschnassen Klamotten zu trocknen.

All dies sind Impressionen einer Kindheit im Böblingen der ersten Jahrzehnte des letzten Jahrhunderts. Die meisten Zeitzeugen von damals sind heute ebenso verschwunden wie die Häuser, in denen sie wohnten, oder die Felder und Wiesen, auf denen sie arbeiteten und spielten. Was bleibt, sind Erinnerungen, festgehalten mit Kamera, zum Teil auch mit Pinsel oder Zeichenstift – und bewahrt von Menschen wie Freddy Nestele.

Böblinger Stadtgeschichte bleibt auf historischen Motiven lebendig

Der Böblinger Gastwirt sammelt seit 1992 historische Fotos, Postkarten, Schuldscheine und andere Dokumente, auf denen die Böblinger Stadtgeschichte lebendig bleibt. Sie zeigen Kinder, die im Winter auf den Böblinger Seen Schlittschuhlaufen, sie zeigen einen unverbauten Blick auf die Stadtkirche und das daneben hochragende Schloss, man sieht Passagierflugzeuge, die – als das Flugfeld tatsächlich noch ein solches war – neben der heutigen Motorworld auf den Start warten.

Bild der Zerstörung: Stadtkirche und Schloss nach dem 7. Oktober 1943 Foto: Sammlung Nestele

„Man muss teilweise richtig kräftig nachdenken, wo das war“, sagt Nestele zu einigen Aufnahmen, die aus Blickwinkeln aufgenommen wurden, die heute zum Teil schwer nachvollziehbar sind. „Oft sieht man irgendwo die Stadtkirche im Hintergrund, das hilft dann bei der Orientierung“, sagt er lächelnd.

Die Motive, die er im Internet ersteigert oder über private Bekanntschaften ergattert, zeigen Ansichten von einem Böblingen, das es so schon lange nicht mehr gibt: Ein weitläufiger und komplett autofreier Elbenplatz, längst verschwundene Gebäude in der Poststraße oder Turmgasse und einen Marktplatz mit Wohnhäusern und Bauminsel.

Die Bilder zeigen aber auch die Schattenseiten vergangener Tage, darunter die Trümmer und Verwüstung auf dem Schlossberg nach der Bombennacht vom 7. Oktober 1943. Manchmal muss man auch genau hinschauen: So wie bei der Aufnahme eines Erntedankumzugs, der gerade am Plattenbühl am Gasthaus Schwanen vorbeizieht – jenem Gastbetrieb, in dem Freddy Nestele vor mehr als 30 Jahren seine Kochlehre machte und den er zusammen mit seiner Frau Heike 26 Jahre lang selbst betrieben hat.

Ein Hakenkreuz im Hintergrund zerstört die Idylle

Damals warb noch der Name „Robert Nachbauer“ auf der Fassade für die Metzgerei und Gastwirtschaft in der Poststraße. Das Foto zeigt vorwiegend junge Frauen und Männer in bäuerlicher Tracht, einer hält eine mit Bändern geschmückte Stange mit einem Kranz aus Feldfrüchten hoch, vorneweg marschieren Jungs in weißen Hosen, mit weißen Mützen und mit vor den Bauch geschnallten Akkordeons oder Schlagzeugen. Alle Gesichter sehen so fröhlich und freundlich aus. Eine wahrhaft idyllische Momentaufnahme – wäre da nicht die Hakenkreuzfahne im Hintergrund.

Der Böblinger Marktplatz um das Jahr 1913 Foto: Sammlung Nestele

„Böse Bilder“, sagt Freddy Nestele über die Motive aus Kriegszeiten, vor allem jene, die dokumentieren, welche Zerstörungen der Bombenkrieg in Böblingen angerichtet hat, was alles für immer verloren gegangen ist. Heute mutet es seltsam an, dass solche Impressionen als Postkarten gedruckt und verkauft wurden. Aber nach dem Krieg gab es offenbar das Bedürfnis, diese Ansichten zu bewahren und zu teilen.

Nestele sammelt solche Zeitdokumente schon seit jungen Jahren. „Mit der Zeit waren es mehr als 120 Originale“, sagt der Chef der augenzwinkernd nach ihm benannten Freddchen-Bar in der Klaffensteinstraße. Die teils versandten, zum Teil nicht verschickten Postkarten umfassen einen Zeitraum von 1900 bis in die 80er. Der 62-Jährige hat die Postkarten fotografieren und reproduzieren lassen.

Aber nicht nur Fotografien und Postkarten finden sich in Nesteles Sammlung. „Von Anna Maria Bonz habe ich ein Ölgemälde aus dem Jahr 1906“, erzählt der Sammler von einem Werk der Böblinger Apothekertochter und Malerin, für das sich bestimmt auch Corinna Steimel, die Leiterin der Städtischen Galerie, interessieren dürfte. Sein ältestes Stück, eine Landkarte, datiert sogar zurück an den Beginn des 16. Jahrhunderts. „Die werde ich bei der Eröffnung kurz zeigen, aber dann kommt sie wieder unter Verschluss“, sagt der Hobbyhistoriker.

Böblinger Originale halfen bei der Spurensuche

Erstmals hatte er die Motive im Schwanen gezeigt, später waren sie in einer Ausstellung in der Erich-Kästner-Schule zu sehen. Für die kommende Präsentation im Mehrgenerationenhaus hat Nestele sich die Mühe gemacht, zu jedem Stück einen kurzen Text zu schreiben. Schließlich erzählt jedes Bild eine Geschichte. Böblinger Originale wie Alt-Stadtrat Horst Wiedenhorn oder der vergangenes Jahr kurz vor seinem 100. Geburtstag verstorbene Ernst Baisch haben ihm wertvolle Hilfe dabei geleistet, dass diese Geschichten nicht verloren gehen, sondern für nachfolgende Generationen als wertvoller Erinnerungsschatz lebendig bleiben.

Der Böblinger Wirt Freddy Nestele und seine Sammlung

Ausstellung
 Unter dem Motto „Böblinger Geschichte in Schwarz und Weiß“ präsentiert der Gastwirt Freddy Nestele im Böblinger Mehrgenerationenhaus in der Poststraße 18 mehr als 100 historische Stadtansichten aus seiner Sammlung. Die Eröffnung findet am Sonntag, 22. September, um 18 Uhr statt. Die Ausstellung kann bis zum 18. Oktober zu folgenden Öffnungszeiten besucht werden: montags bis donnerstags von 9 bis 17 Uhr, freitags von 9 bis 12 Uhr, samstags 11 bis 19 Uhr und sonntags 11 bis 17 Uhr.

Der singende Wirt
 Von 1990 bis 2016 führten Heike und Freddy Nestele das Gasthaus Schwanen am Plattenbühl. Der als „singende Wirt“ bekannte Böblinger hatte bereits seine Kochlehre im Schwanen gemacht und galt als damals 16-Jähriger als jüngster Musiklehrer im Kreis. 2017 eröffnete er in der Klaffensteinstraße seine Freddchen-Bar.