Der Friedensnobelpreis für Menschenrechtler aus Belarus, Russland und der Ukraine verdienst Applaus, kommentiert Christian Gottschalk.
Wladimir Putin hat aus Oslo ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk erhalten. Pünktlich zum 70. des russischen Präsidenten hat das Nobelkomitee den diesjährigen Friedenspreis an zwei Organisationen und einen Aktivisten aus Osteuropa vergeben. Alle drei stehen direkt oder indirekt genau für das Gegenteil dessen, was der russische Präsident verkörpert. Die Preisträger repräsentieren Menschlichkeit und den Wunsch, Konflikte zu lösen, sie treten ein für Demokratie und Meinungsfreiheit.
Das Komitee erkennt damit an, was andere schon früher auf dem Schirm hatten. Alle drei Preisträger sind in der Vergangenheit bereits mit dem Right Livelihood Award ausgezeichnet worden, der besser unter dem Namen „Alternativer Nobelpreis“ bekannt ist. Dass sie nun auch den richtigen Nobelpreis erhalten, ist spät, aber nicht zu spät.
Inmitten eines Krieges in Europa mag die Jury noch so betonen, dass die Preise für ein besonderes Engagement verliehen werden, und nicht gegen einen Kriegstreiber. Doch so politisch konsequent wie in diesem Jahr war die Preisverleihung schon lange nicht mehr. Dass die Preisträger aus den beiden autoritär geführten Staaten Russland und Belarus kommen, sowie aus der Ukraine, die mit einem Krieg überzogen worden ist und sich gegen eben diese Aggressoren wehrt, ist ein Zeichen, das weltweit wahrgenommen werden wird. Schließlich ist keinem der Nobelpreise so viel Aufmerksamkeit gewiss wie eben dem Friedenspreis.
Natürlich ist diese Preisvergabe nicht der finale Sieg des Guten über das Böse. Wladimir Putin wird nicht die Auflösung von Memorial im Lichte des Preises rückgängig machen. Schließlich ist es auch um die Meinungsfreiheit in Russland nicht besser bestellt, seit vor einem Jahr der Chefredakteur der „Nowaja Gazeta“, Dmiti Muratow, die gleiche Auszeichnung erhalten hat. Es ist nicht damit zu rechnen, dass Ales Bjaljazki – und mit ihm Tausende andere politische Gefangene – umgehend aus der belarussischen Haft entlassen werden, es ist unwahrscheinlich, dass das Center for Civil Liberties in der Ukraine die volle Rechtsstaatlichkeit etabliert. Gleichwohl verdient die Entscheidung des Nobel-Komitees Applaus.
Die Idee, Menschen auszuzeichnen, die stetig und unbeirrt gegen Verletzungen der Menschenrechte kämpfen, die sich für Demokratie einsetzen, die persönlich Risiken in Kauf nehmen und ungerechtfertigte Strafen erdulden, sie ist uneingeschränkt begrüßenswert. Genau dies ist ein Weg, um Frieden herzustellen und zu bewahren. Dass dabei nun Akteure in den Vordergrund geschoben werden, die nicht immer der Massenmedien liebste Klienten sind, auch das ist zustimmungswürdig. Ein Alexej Nawalny in Russland oder eine Swetlana Tichanowskaya in Belarus sind einer breiten Öffentlichkeit bekannter als die aktuellen Preisträger. Das bedeutet nicht, dass sie die Auszeichnung mehr verdient hätten.
Wer unbedingt etwas kritteln mag an der Entscheidung, der kann einwenden, dass Memorial, die Mutter aller sowjetischen Menschenrechtsorganisationen, auf die gleiche Stufe wie die gerade einmal 15 Jahre alte Gesellschaft Center for Civil Liberties in Kiew gehoben wird. Doch unter dem Strich ist der Preis bei den drei Vertretern der Zivilgesellschaft deutlich besser aufgehoben als bei manch einem Politiker, der ihn bereits in Empfang genommen hat.
Und auch wenn er die Mächtigen schon nicht zu einer Umkehr bewegen mag, so kann er vielleicht doch dazu führen, dass sich die Ohnmächtigen in diesem Sinne zusammenschließen. Dass die gefährliche Arbeit nicht nur Anerkennung, sondern Nachahmer und Mitstreiter findet. Und dass die Ohnmächtigen so allmählich ihre Ohnmacht verlieren.