Mit einem Blick zurück wollen die japanischen Friedensnobelpreisträger die Zukunft besser gestalten. Das ist wichtiger, als viele derzeit glauben, kommentiert Christian Gottschalk.
Es ist schon mehr als 50 Jahre her, dass die Mitglieder des norwegischen Komitees zur Verleihung des Friedensnobelpreises für einen echten Paukenschlag gesorgt haben. 1967 ist das gewesen, da entschied das Gremium, dass keiner der vorgeschlagenen Kandidaten die Bedingungen erfülle, die Alfred Nobel dereinst festgelegt hatte, um den begehrten Friedenspreis zugesprochen zu bekommen. Der, „der am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt hat“, der solle geehrt werden. So hatte es der Erfinder des Dynamits bestimmt. Oder kurz: der, der „im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen erbracht“ habe.
Friedenspreis in einer kriegerischen Welt
Die Zahl der menschlichen Nützlinge in Sachen Frieden scheint von Jahr zu Jahr überschaubarer zu werden. Die Zahl derer, die Schaden verbreiten, wächst hingegen exorbitant. Schon lange ist ein Friedensnobelpreis nicht mehr in solch einer kriegerischen Welt bekannt gegeben worden, wie an diesem Freitag. An allen Ecken wird geschossen, gebombt, gestorben. Die Idee, mal wieder ein Jahr auszusetzen, sie läge auf der Hand. Zumal ein Teil der durchgesickerten Nominierungsvorschläge schon eher abenteuerlich anmutet. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj war bei den Buchmachern in London sogar an Nummer eins gesetzt. Unkenntnis, Wunschdenken, Lust am Untergang – schwer zu ergründen, wie es dazu gekommen ist.
Der 80. Jahrestag rückt näher
Nun ist die Wahl auf die japanische Vereinigung der Atombomben- und Wasserstoffbombenopfer gefallen. Das ist ohne Zweifel ein honoriger Verein. Eine Gruppe, die sich zum Ziel gesetzt hat, den Blick auf die Vergangenheit zu lenken, um die Zukunft besser zu gestalten. Im nächsten August jährt es sich zum 80. mal, dass die Welt die Auswirkungen einer Atombombe erleben musste. Die wenigen verbliebenen Zeitzeugen und eine große Zahl an Unterstützern versuchen, die Unmenschlichkeit der Atomwaffen offenzulegen. Sie fordern die japanische Regierung auf, die Bemühungen um eine atomwaffenfreie Welt anzuführen. Das ist aller Ehren wert.
Das Thema Atomwaffen treibt das Komitee um
Ob sie damit wirklich den größten Nutzen für die Menschheit erbracht haben, das steht freilich auf einem anderen Blatt. Aber man kann, nein, man muss das alles in einem größeren Gesamtzusammenhang sehen. Das Thema der Nuklearwaffen treibt das Nobelkomitee um. 2017 bekam die in Genf beheimatete Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen den Preis. 2005 die Internationale Atomenergieorganisation. Dazwischen wurde der Friedensnobelpreis an den damals frisch gewählten US-Präsidenten Barack Obama verliehen. Ausdrücklich auch deswegen, weil er auf eine atomwaffenfreie Welt hinarbeiten wollte. Mit mäßigem Erfolg, wie man heute weiß. Doch damals war es ein Preis in einer Welt voller Hoffnung. Inzwischen leben wir in einer Welt voller Angst.
Die Atommacht Israel und der mit dieser Technik liebäugelnde Iran gehen aufeinander los, ins Weiße Haus zieht womöglich schon bald wieder ein Mann ein, der laut damit prahlt, die eigenen Atombomben auch einsetzen zu können. Im Kreml herrscht ein Diktator, der immer wieder droht, er könne seine atomar bestückten Raketen jederzeit scharf stellen und einsetzen. Das Thema Atomwaffen in den Mittelpunkt zu rücken liegt näher, als dass es manch einer im Bewusstsein hat. Bei allem schießen, bomben und sterben – es könnte noch schlimmer zugehen auf dieser Welt. Wer wüsste das besser, als diejenigen, die das atomare Grauen selbst noch erlebt haben. Es ist eine gute Entscheidung, dass der Preis doch verliehen wurde.