Sie wollen den Menschen dienen, nicht der Staatsmacht: Maria Ressa und Dmitri Muratow bekommen den Friedensnobelpreis. Foto:  

Der russische Journalist Dmitri Muratow ist seit mehr als 20 Jahren Chefredakteur der „Nowaja Gaseta“. Er steht ebenso für kritischen Journalismus wie seine philippinische Kollegin Maria Ressa. Beide werden mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Stuttgart/ Moskau

Maria Ressa lebt in einem Land, in dem vieles traumhaft ist, vor allem für Touristen. Die Früchte, die Strände, die Freundlichkeit der Menschen. Doch Einheimische leben oft in ärmlichsten Verhältnissen, es gibt Wirbelstürme und Korruption. Und seit 2016 einen Präsidenten, der zwar demokratisch gewählt worden ist, in der Art seiner Amtsführung aber manchem Diktator das Wasser reichen kann. Rodrigo Duterte führt einen brutalen Kampf gegen vermeintliche Kriminalität und Drogendealer, tausende, manche sagen, zehntausende Menschen, sind von seinen Jägern getötet worden. Ob wirklich alle Opfer mit Rauschmitteln gehandelt haben, wird von vielen bezweifelt.

Maria Ressa ist wegen Verleumdung verurteilt worden

Gerade weil Maria Ressa mit dem von ihr gegründeten Online-Nachrichtenportal Rappler immer wieder auf diese Missstände hingewiesen hat, ist sie ins Visier des Präsidenten geraten. Dem Portal wurde die Lizenz entzogen, Ressa selbst wurde wegen Verleumdung verurteilt. Freie und unabhängige Gerichte existieren auf den Philippinen in erster Linie auf dem Papier. Auf der Rangliste der Pressefreiheit von „Reporter ohne Grenzen“ rangieren die Philippinen auf Platz 138 von 180. Der Friedensnobelpreis, sagt Ressa, gebühre nicht ihr, sondern dem Portal und allen Mitarbeitern.

Kampf gegen Facebook

Das „Time Magazin“ hatte Ressa 2018 neben einigen anderen Journalisten zur „Person des Jahres“ gekürt, im Juli 2020 ernannte sie der Autorenverband PEN Deutschland zum Ehrenmitglied. Neben der Politik des Präsidenten ist für Maria Ressa der Kampf gegen Facebook ein Hauptanliegen. Facebook sei ein „Werkzeug zur Verhaltensmanipulation“, sagte die 58-Jährige im Februar der „Süddeutschen Zeitung“. „Facebook zersetzt unsere Gesellschaft und lässt Lügen als Tatsachen erscheinen.“ Das habe es Präsident Duterte ermöglicht, seine Macht zu konsolidieren. Dafür muss man wissen: In keinem anderen Land der Welt verbringen die Menschen mehr Zeit im Internet als auf den Philippinen – Facebook ist dabei der beliebteste Aufenthaltsort im Netz.

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Duterte hat vor wenigen Tagen überraschend angekündigt, sich nach den Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr aus der Politik zurückzuziehen. Noch unklar ist, ob seine Tochter Sara in den Ring steigen wird. Dass sie von Maria Ressa beobachtet werden wird, ist klar. Die frisch gekürte Nobelpreisträgerin kündigte an, dass sie die Auszeichnung als Ansporn zum Weitermachen empfinde.

Dmitri Muratow weiß, was er will

Noch am Tag zuvor hatten sie kurz innegehalten. Hatten ihrer Kollegin Anna Politkowskaja gedacht, in deren Büro im Zentrum Moskaus es immer noch so aussieht, als wäre sie nur kurz rausgegangen. Doch Anna Politkowskaja ist tot. Vor 15 Jahren erschossen, weil sie eine Unbequeme war. Weil sie über die Verbrechen in Tschetschenien schrieb und sich dabei kaum aufhalten ließ. Auch nicht von Dmitri Muratow, ihrem Chefredakteur bei der „Nowaja Gaseta“, dem der Friedensnobelpreis verliehen wird.

Muratow ist 59 Jahre alt, ein ruhiger Mensch – und er weiß, was er will. Politkowskaja hatte er einst verboten, nochmals nach Tschetschenien zu fahren. Sie tat es dennoch. Da half auch der Streit samt herumfliegenden Stühlen in der Redaktion wenig. Muratow vertraute ihr. Und er verkündete in der Redaktion ihren Tod. Wie er den Tod weiterer fünf Kolleginnen und Kollegen mitteilen musste. Getötet, weil sie ihrer journalistischen Arbeit nachgegangen waren. Die Auftraggeber für den Mord an Politkowskaja sind bis heute nicht gefasst. Die Redaktion der „Nowaja Gaseta“ hat zum Jahrestag ihrer Ermordung am 7. Oktober – dem Geburtstag von Präsident Wladimir Putin – eigene Recherchen zum Tod von „Anka“ veröffentlicht, wie Muratow die Journalistin stets nannte. Ein Moment der Trauer.

Dmitri Muratow hat den Anruf aus Norwegen erst einmal weggedrückt

Am Tag darauf die Überraschung. Der 59-Jährige drückt den Anruf aus Norwegen zunächst weg. Er habe die Nummer für Spam gehalten. „Jetzt lache ich“, sagt er später Medien. „Wir werden mit dem Preis all jenen helfen, die Repressionen unterworfen sind, die der Staat zu Agenten macht, die er drangsaliert und ins Exil treibt“, kündigt er an. Der Preis sei „der Verdienst all jener Journalistinnen und Journalisten, die für die Pressefreiheit starben.“ Der Kreml gratuliert. „Muratow ist seinen Idealen verpflichtet. Er ist talentiert und mutig“, heißt es in einem kurzem Statement.

Muratow und sein Team stehen für eine kritische und unerschrockene Berichterstattung. Die Zeitung gehört zu 51 Prozent dem Redaktionskollektiv, weitere zehn Prozent hält der ehemalige sowjetische Präsident Michail Gorbatschow, den Rest der Ex-Duma-Abgeordnete Alexander Lebedew. Muratow lässt seine Leute gewähren, gibt ihnen die Zeit. Er weiß: Ihre Themen – Folter, Konflikte, Korruption, organisierte Kriminalität, Tod – können Schreibblockaden auslösen, Tränen. Muratow hört stets zu. Es gibt nur eine Regel: Über Angst spricht niemand bei der „Nowaja“. Egal, was ist. „Wir machen weiter“, sagen sie dann und machen weiter.